Filmfestival | Interview

Der ewige Beobachter

| Pamela Jahn |
Venedig, New York, Toronto, Wien: Frederick Wisemans neuer Film „City Hall“ macht die Runde auf den diesjährigen internationalen Herbst-Filmfestivals. Eben wurde das viereinhalbstündige Werk im Rahmen des 69. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg (IFFMH) deutschlandweit online präsentiert. Zeit für ein Gespräch mit dem großen Dokumentaristen über Stadtpolitik, Donald Trumps Idiotien und warum man im Leben ein gutes Bullshit-Barometer braucht.

Fredrick Wiseman ist 90 Jahre jung. Ja, so muss man es sehen. Denn wenn man den rastlosen Filmemacher heute reden hört, könnte man meinen, er dreht erst im hohen Alter richtig auf. Dabei arbeitet Wiseman bereits seit 1967 mit jedem neuen Film unermüdlich am immer gleichen, an seinem großen Meisterwerk: einem „Drama des absurden Alltags“, wie es der Schweizer Regisseur Thomas Imbach einmal trefflich formuliert hat. Wisemans Arbeiten, die gerne der üblichen Länge von Kinoproduktionen trotzen, handeln zumeist von Institutionen: Ob Psychiatrie, Schule, Museum, Schlachthaus, Sozialamt oder Intensivstation, der ewige Beobachter geht dahin, wo Menschen zusammenkommen, ein bestimmtes Ziel verfolgen, sich bestimmten Regeln unterwerfen, und immer auch ein Stück weit die Gesellschaft repräsentieren, in der sie funktionieren. Vor allem aber erlauben die oftmals Marathon-Laufzeiten seiner Werke dem Publikum, ungewöhnlich tief in die Welten einzutauchen, die Wiseman stets mit wachem Auge einfängt.

City Hall ist weiteres dieser Institutionenporträts. Diesmal hat sich der große Auteur unter den Dokumentaristen des politischen und bürokratischen Überbaus seiner Geburtsstadt Boston angenommen. Vor Ort im Rathaus begleitet er zunächst Bürgermeister Marty Walsh und dessen Stab bei ihren täglichen Aufgaben, in Besprechungen, bei Pressekonferenzen und Präsentationen. Aber auch auf die Straßen und bis in die Wohnungen der Bürger zieht es ihn immer wieder, um den Verwaltungsapparat der Stadt bis ins Detail zu durchleuchten. Talking-Head-Interviews und Kommentare aus dem Off braucht er dazu nicht. Wiseman hört und sieht zu, blickt neugierig hinter die Kulissen, lauscht bei Dienstbesprechungen, besucht öffentliche Veranstaltungen, ist bei Hausbesuchen eines von der Stadt beauftragten Gesundheitsinspektors dabei, um zu den Kerngehalten des Menschlichen vorzudringen und gleichzeitig den Blick frei zu geben auf ein Amerika, das sich zumindest auf regionaler Ebene trotz allem, was Donald Trump in den letzten vier Jahren seiner Amtszeit angerichtet hat, in seinem Handeln auch dem Ziel einer gerechteren, besseren Welt verpflichtet sieht.

 

Mr. Wiseman, wie sind Sie allgemein an das Projekt und speziell an Bürgermeister Walsh herangetreten, um eine Drehgenehmigung zu erhalten?
Fredrick Wiseman:
Ich dachte mir, dass City Hall gut in meine Serie von Institutionen passen würde, die ich seit über 55 Jahren verfolge. Ein Rathaus fehlte mir noch. Aber es war ein Thema, dass mich schon immer interessiert hat. Also schrieb ich Briefe an sechs verschiedene Bürgermeister. Ich hatte keine Ahnung, wer ja sagen würde, geschweige denn, wer überhaupt antworten würde. Dass Boston zusagte, hat mich sehr gefreut. Ich wusste zuvor nichts von Walsh oder was genau in der Rathausverwaltung vor sich geht. Ich war vielleicht einmal da, aber das war schon lange her. Vor dem Drehstart lief ich ungefähr einen halben Tag lang im Gebäude umher, einfach nur um mich zu orientieren und räumlich ein Gefühl für das Gebäude zu bekommen. Das Drehen selbst ist dann die eigentliche Recherche. Ich sage es immer wieder, aber es stimmt. Innerhalb von zehn Wochen filmte ich über hundert Stunden an Material. Aber auch am Schluss, als wir die Kameras einpackten, wusste ich noch nicht, welche Szenen ich verwenden würde, welche Struktur oder Perspektive der Film letztendlich haben würde. All das entwickelt sich erst langsam im Prozess des Schneidens, und dieser Prozess dauerte diesmal gute achte Monate.

Was für einen Eindruck hatten Sie von Marty Walsh, als Sie ihn zum ersten Mal trafen? Und inwieweit hat sich Ihr Bild von ihm im Laufe des Drehens vielleicht verändert?
Fredrick Wiseman: Wir trafen uns zu einem ersten Gespräch, kurz nachdem ich die Zusage erhalten hatte. Ich denke, er ist ein kluger Mann, der daran interessiert ist, dass die Stadt seinen Bürgern eine Vielzahl an hilfreichen Sozial- und Dienstleistungen anbietet. Im Laufe des Films bekommt man einen umfangreichen Einblick, was genau das bedeutet. Walshs Gespräche mit Bürgergruppen über das Gesundheitssystem und den Klimawandel sind hier nur zwei Beispiele. Und mein Eindruck von ihm hat sich im Laufe der Wochen, die wir an seiner Seite verbrachten, nicht geändert. Sein Verhalten war stets konsequent und rechtschaffen.

Woher rührt Ihre Faszination für Institutionen? Was interessiert Sie so sehr daran?
Fredrick Wiseman: Ich weiß es nicht. Als ich 1966 meinen ersten Film Titicut Follies über die Menschen in der psychiatrischen Anstalt des Gefängnisspitals Bridgewater in Boston drehte, wurde mir im Nachhinein bewusst, dass es da noch so viele andere Themen gibt, die bisher noch nicht filmisch beleuchtet und festgehalten worden waren. Und so habe ich mich angeschickt, das nachzuholen und hinter die Kulissen von anderen Einrichtungen jeglicher Art zu schauen. Dabei sind die Institutionen ja aber eigentlich nur ein Vorwand, um menschliches Verhalten in bestimmten Situationen und innerhalb bestimmter räumlicher Grenzen zu beobachten. Manchmal ist es nur ein Gebäude, wie etwa in National Gallery, oder im Fall von Boxing Gym können es auch nur zwei Räume sein. Mir geht es darum, die Regeln zu verstehen, die das Verhalten der Menschen in diesen Institutionen bestimmen. Und ich bin daran interessiert, das Verhältnis zwischen Ideologie und Praxis freizulegen, das dem Handeln den Menschen zugrunde liegt.

Das Bild, das Sie im Laufe des Films entwerfen, greift weit über das „Rathaus“ an sich hinaus: Es ist ein Porträt der Stadt Boston, der Menschen, die für die Stadt arbeiten und derer, die in ihr leben.
Fredrick Wiseman: Meine Idee war es von Anfang an, nicht nur im Rathausgebäude zu filmen, sondern die Angestellten der Stadt bei der Arbeit in der Stadt zu begleiten. Wir begehen ein Haus bei der Prüfung durchs Bauamt oder begleiten einen Gesundheitsbeamten, der einen alten Kriegsveteranen zu Hause besucht, weil er eine Rattenplage gemeldet hat. Wir beobachten Polizisten, die sich auf die Patrouille vorbereiten. Fast jede Szene beinhaltet entweder die Diskussion über oder das Filmen einer städtischen Dienstleistung. Eine Stadtverwaltung greift tiefer in unser aller Leben ein als jede Bundes- oder Landesregierung, zumindest in Amerika ist das so: Geburten, Eheschließungen, Bestattungen, die Polizei, die Feuerwehr, das Gesundheitswesen, Obdachlosigkeit und Wohnungsbau sind nur der Anfang einer endlosen Liste. Der Film handelt von dem Bedarf an einer städtischen Regierung. Ich wollte die Vielfalt der Arbeitsleistungen aufzeigen, im Hinblick auf beides, die Planung und die Ausführung dieser Dienste. Allzu oft werden sie als selbstverständlich hingenommen, dabei steht ein komplexes System dahinter und ein Stab an professionell ausgebildeten Angestellten, denen die Sicherheit und das Wohlbefinden der Bürger am Herzen liegt.

Sie haben an andere Stelle gesagt, Donald Trump hätte Ihren Film politisch gemacht. Inwiefern?
Fredrick Wiseman: Weil er gegen alles ist, für das Marty Walsh steht. Und er war der Präsident der Vereinigten Staaten, als ich den Film gedreht habe. Das heißt, es besteht ein direkter Kontrast zwischen allem, was Trump angestellt hat und dem, wofür Walsh sich jeden Tag einsetzt, Sicherheit, Gesundheit, Sozialhilfe, was sie wollen. Trumps Meinungen und die Strategien von Marty Walsh gehen weit auseinander. Wäre der Film zu Obamas Zeiten entstanden, wäre dieser Kontrast nicht annähernd so groß gewesen. Walsh ist ein aufrichtiger Politiker, der für die Interessen der Bürger eintritt. Trump dagegen ist korrupt, verlogen und an niemanden außer an sich selbst interessiert. Ich habe den Film nicht als Reaktion auf Donald Trump geplant, aber es ist so gekommen, einfach aufgrund des idiotischen Verhaltens, das er während seiner Zeit im Amt permanent an den Tag gelegt hat.

Verringert die Tatsache, dass Joe Biden die aktuelle Präsidentschaftswahl gewonnen hat, den Kontrast, von dem Sie sprechen?
Fredrick Wiseman: Nein, zumal Trump, nicht aufhört, sich narzisstisch, irrational und dumm zu verhalten. Und so schnell wird er auch aus dem Gedächtnis der Menschen nicht verschwinden. Vielleicht wird das in zehn Jahren der Fall sein, aber sicher nicht in den nächsten vier oder fünf. Seine Idiotien und Provokationen werden noch lange nachhallen.

In den fast fünfzig Filmen, die Sie bisher gedreht haben, dokumentieren Sie die Güte, Freundlichkeit und Kulanz der Menschen ebenso wie Gewalt, Diskriminierung und Gleichgültigkeit. Warum ist es Ihnen so wichtig, in der Hinsicht ein Gleichgewicht herzustellen?
Fredrick Wiseman: Ich interessiere mich für alle Facetten des menschlichen Verhaltens. Und deshalb müssen meine Filme die Unterschiede und Komplexitäten in diesem Zusammenhang verdeutlichen. Zu oft, zumindest früher war das so, haben Dokumentationen nur die schlechten Seiten aufgezeigt. Ich denke, es ist genauso von Bedeutung, aufzuzeigen, dass Probleme durchaus auch gelöst werden können und dass Menschen Gutes tun. Nehmen Sie zum Beispiel die beiden Filme, die ich über Krankenhäuser gemacht habe, einen über das Metropolitan Krankenhaus in New York und den anderen über die Intensivstation des Beth-Israel-Spitals in Boston. Da sehen Sie Ärzte und Schwestern, die pausenlos hart arbeiten, um Menschen zu helfen, manchmal totkranken Menschen, aber immer Menschen in Not. Für mich ist das genauso wichtig wie einen sadistischen Wärter in Titicut Follies zu zeigen oder einen brutalen Polizisten, der eine schwarze Frau stranguliert, so wie in Law and Order.

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder erwähnt, dass Sie sich weniger von anderen Filmen inspirieren lassen als vom Lesen guter Bücher. Wie spiegelt sich das in Ihrer Arbeitsweise wider?
Fredrick Wiseman: Ich weiß nicht, ob inspiriert das richtige Wort ist, aber als ich am College war, lernten wir noch eine Methode, die damals „lückenloses Lesen“ hieß. Wir wurden dazu aufgefordert, dem Text an sich unsere größtmögliche Aufmerksamkeit zu schenken und uns nicht von unseren eigenen Auffassungen und Analysen ablenken zu lassen. Und wenn ich meine Filme schneide, versuche ich mich ebenfalls konkret auf das Verhalten der Menschen zu konzentrieren, die ich gefilmt habe. Ich muss das Gefühl haben, dass ich verstehe, was in dem Moment im Bild vor sich geht, um zu wissen, ob ich die Sequenz verwenden möchte, wie ich sie schneide oder wo im Film ich sie platziere. Diese Art des Filmemachens erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit meinerseits, so wie ich es damals in Bezug auf Literatur gelernt habe. Auch wie man dramatische Strukturen entwickelt, habe ich mir auf diese Weise ereignet. Ich versuche stets wachsam zu sein, ob ich lese oder filme, mein Material sichte oder über die Straße überquere.

Vertrauen Sie Ihrem Publikum, bei der Sichtung Ihrer Filme ein ähnlich hohes Maß an Aufmerksamkeit aufzubringen?
Fredrick Wiseman: Ich weiß nicht, wie ich anders über ein Publikum denken kann als zunehmen, dass, wer auch immer meine Filme anschaut, genauso klug oder dämlich ist wie ich. Wenn ich das nicht tue, besteht die Gefahr, dass ich mich einer trügerischen Phantasie des kleinsten gemeinsamen Nenners hingebe. Ich habe genug damit zu tun, Sinn aus dem Material zu machen, das ich vor mir liegen habe. Wenn ich dann auch noch versuchen würde, zu erahnen, wer sie sind, was sie denken, welche Erfahrungen ihr Denken und Handeln beeinflussen, welchen Schulabschluss sie haben und worin ihre Interessen liegen, komme ich in Teufels Küche. Das Einzige, was ich tun kann, ist, den Film meinen eigenen Ansprüchen nach umzusetzen.

Wir alle laufen Gefahr, vor einer Kamera zu schauspielern, uns unnatürlich, nervös oder verschlossen zu verhalten, einfach weil wir wissen, dass wir gefilmt werden. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie Menschen ins Visier nehmen, die es nicht gewohnt sind, auf diese Weise bei Ihrer Arbeit oder im Alltag beobachtet zu werden?
Fredrick Wiseman: Ich habe über die Jahrzehnte unzählige Menschen gefilmt. Wenn jemand dabei ist, der vor der Kamera posiert, lasse ich sofort abrechen. Aber es passiert so selten, dass es eigentlich kein Problem ist. Ich denke, der Grund dafür ist, dass normale Menschen ihr Verhalten nicht unvermittelt ändern können. Sie verhalten sich ihrer Rolle entsprechend, einer Rolle, die sie sich ein Leben lang angeeignet haben. Versuchen sie, ihr natürliches Verhalten abrupt zu ändern, merkt man das sofort, weil sie ein gewisses Unbehagen ausstrahlen, beispielsweise in ihren Gesten oder ihrer Wortwahl. Kurzum: Nicht jeder ist Meryl Streep. Die meisten Leute sind miserable Schauspieler. Und jeder, der im täglichen Leben viel mit Menschen zu tun, ob als Arzt, Anwalt, Filmemacher oder Schuhverkäufer, der entwickelt ein ganz gutes Bullshit-Barometer. Das braucht man, um in dieser Welt zu überleben.