Ron Howard feiert auf Netflix den Traum vom amerikanischen Traum.
Es ist die ultimative Geschichte vom amerikanischen Traum: Von einem, der nichts hat und der nichts ist und es trotzdem im Leben zu etwas bringt. Der ohne Vater aufwächst und mit einer kaputten Mutter, die Drogen nimmt, ständig neue Typen anschleppt und auch gerne mal handgreiflich wird. Der stattdessen unter dem wachsamen Auge der Großmutter steht, die zwar auch nicht zimperlich ist, ihren Enkel jedoch vor dem Schlimmsten zu bewahren versucht, in dem sie ihm einbläut, was man früh begreifen muss, wenn man in Middletown, Ohio, zu Hause ist: Man kann es sich nicht aussuchen, wo man herkommt. Aber man kann wählen, wohin man geht und wer man sein möchte.
J.D. (James David) Vance, um dessen Geschichte es in Ron Howards erster Netflix-Produktion geht, hat sich die Worte seiner „Mamaw“ fest hinter die Ohren geschrieben, ist nach der Schule zur Marine gegangen, studierte später an der Ohio State University und machte schließlich 2013 in Yale einen Abschluss in Jura. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in Cincinnati, um wieder näher bei der Familie zu sein. All das erfährt man im Abspann von Hillbilly Elegy, benannt nach dem gleichnamigen Buch, in dem Vance seine raue Kindheit inmitten von Wutausbrüchen, Armut und Resignation im Speziellen und die Krise der weißen Arbeiterklasse in den USA im Allgemeinen schildert. Als seine Memoiren vor vier Jahren erschienen, wurden sie im Zuge der US-Präsidentschaftswahlen zum Bestseller. Denn Donald Trump hatte es sich zum Ziel gesetzt, genau diese enttäuschten „Hinterwäldler“ für sich zu gewinnen, die Vance in seinen Erinnerungen beschreibt – die weiße Unterschicht, den white trash, jene Menschen in den gebeutelten Staaten des Mittleren Westens, die einst aus den Bergen von Kentucky oder West Virginia in den Norden zogen, um ihr Glück zu suchen. In den Fabriken der Stahl- und Autoindustrie fanden sie zunächst Arbeit, bauten sich ein Haus und ein neues Dasein auf, bis die Region im Zuge der Stahlkrise in den achtziger und neunziger Jahren unaufhaltsam zu verfallen begann.
Verfilmt hat Howard die Geschichte, ohne ihren politischen Überbau allzu sehr in den Vordergrund zu rücken, als klassisch verschachteltes Familiendrama, das zwischen Rückblenden und der Zeit changiert, als Vance (Gabriel Basso) sich fern der Heimat an der elitären Ostküsten-Universität zu profilieren versucht. Während er bei einem wichtigen Abendessen gerade noch über die richtige Etikette ins Schwitzen gerät, erhält er einen Anruf von seiner älteren Schwester Lindsay (Haley Bennett), denn Mutter Bev (Amy Adams) hat wieder einmal einen Rückfall erlitten, diesmal jedoch nicht wie üblich mit einer Überdosis Tabletten, sondern mit Heroin, was den Sohn veranlasst, in Yale sofort alles stehen und liegen zu lassen und durch die Nacht zurück in die Heimat zu fahren. Als er am Morgen im Krankenhaus ankommt, soll seine Mutter gerade entlassen werden. Denn so wie ihre Kinder haben auch die Ärzte mittlerweile die Nase voll von ihr, der ehemaligen Krankenschwester, die viel zu jung als alleinerziehende Mutter im Leben stand und immer wieder an sich selbst und den äußeren Umständen zerbrach, mit denen sie selbst in ihrer Jugend zu kämpfen hatte.
Es ist ein Stoff, der sich anbietet für Howard, einen der erfolgreichsten Handwerker Hollywoods. Ein Regisseur mit Sinn fürs Dramatische, aber ohne dominanten eigenen Stil. Spätestens seit seinen Oscar-Favoriten Apollo 13 (1995) und A Beautiful Mind (2001) gilt er als solider Meister seines Fachs, der auf Zweckmäßigkeit mehr hält als auf Mut zur Kreativität. Sein wahres Genie steckt vielleicht darin, stets die richtige Besetzung für seine Figuren zu finden, und in der Hinsicht enttäuscht er auch diesmal nicht. Es gibt wenige große Charakterschauspielerinnen, die so gut miteinander harmonieren wie Amy Adams und Glenn Close und es trotzdem verstehen, in den richtigen Momenten mal leise, mal aufbrausend ihre eigene Klasse in den Vordergrund zu spielen. Vor allem Close unterstreicht als robuste Großmutter einmal mehr ihre famose Wandlungsfähigkeit und altbekannte Stärke, schwierige, komplexe und nicht selten unsympathische Frauenfiguren darzustellen. Aber auch die weniger bekannten Schauspieler wie Basso als der ältere und Owen Asztalos als der junge J.D. machen ihre Sache nicht schlecht, die Klischees und spürbaren Unausgewogenheiten im Drehbuch von Vanessa Taylor abzufedern, so gut es geht.
Hillbilly Elegy, der Film, mag so anrührend und aufschlussreich sein wollen wie seine Vorlage, bleibt jedoch zu sehr im Drama verhaftet, um tatsächlich die gesellschaftlichen und politischen Fehlentwicklungen aufzuzeigen, die zum Niedergang jenes Teils der USA geführt haben. Howards Adaption kratzt lediglich an der Oberfläche, thematisiert das eigene Verschulden der Menschen, die im Rust Belt des mittleren Westens leben, ebenso wie die Familienverbundenheit und bedingungslose Zuneigung derer, die es geschafft haben, aus dem Leben an der Armutsgrenze auszubrechen. Allerdings ist der Regisseur mit seiner eher auf Emotionen als auf Reflexionen setzenden Methode bisher immer am besten gefahren, und so träumt auch Hillbilly Elegy die Vorstellung vom amerikanischen Traum bis zum Schluss. Was bleibt, ist die schon so oft gewonnene Erkenntnis, dass es für die meisten Menschen dort wie anderswo eben ein Traum ist und immer sein wird.
