Mit „Hochwald“ hat die Editorin und Drehbuchautorin Evi Romen ihren ersten Spielfilm realisiert und damit gleich das Goldene Auge im Fokus-Wettbewerb beim Festival in Zürich gewonnen. Ein Gespräch über Heimat, Identität und Schuld.
„Der Herrgott is’ aber nit gerecht, Pfarrer. Check’s mal endlich.“ Im Gespräch mit dem Dorfpfarrer findet Mario (Thomas Prenn) jedenfalls nicht zum rechten Glauben zurück. Möchte er aber auch nicht, denn einen solchen besaß er nie. Das Angebot zum Rosenkranzbeten und Beichten nimmt er auch nicht an. Da brüllt er lieber alles Erstickende aus ihm heraus. Was die Leute in Hochwald, seinem Südtiroler Heimatdorf, über ihn denken, ist ihm gleichgültig – erst recht, seit sein bester Freund bei einem Attentat ums Leben gekommen ist. Den islamistischen Anschlag auf ein Schwulenlokal in Rom hat Mario wie durch ein Wunder überlebt. Aber Wunder gibt es doch nicht, oder? Nun ist der Außenseiter, der in die weite Welt – oder wenigstens nach Rom oder Wien – hätte fliehen wollen, zurückgekehrt und stellt sich den Bewohnern und den eigenen Dämonen.
Hochwald ist ein trotz oder gerade aufgrund seines Themas erstaunlich ruhiger und klarer Film, der sich ausreichend Zeit nimmt für die Beobachtung der Verhältnisse und seiner Figuren. Ist der Widerstand, den Mario seiner Welt entgegenbringt, tatsächlich nur seinem feiheitsliebenden Geist geschuldet?
Ihr Film erzählt von mehreren Gegensätzen. Da gibt es jenen zwischen dem Dorf und der Stadt, der Jugend und den Eltern, aber auch zwischen Arm und Reich. Dennoch wirken die Grenzen sehr durchlässig. War das Szenario dieser speziellen Konfrontation bereits von Anfang an geplant?
Evi Romen: Die Idee zu dieser Geschichte kam mir bei einem Aufenthalt im Dorf meiner Herkunft. Die Nachricht vom schrecklichen Attentat rund um das Bataclan in Paris ereilte mich dort, und in den regionalen Nachrichten war von einem jungen Südtiroler unter den Opfern die Rede. Ich stellte mir sofort die Frage, ob es „einer von uns“ sein könnte, einer aus meinem Dorf – und wenn, wie der Ort, diese Gemeinschaft möglicherweise mit so einem Geschehen umgehen würde. Was könnte den jungen Südtiroler wohl nach Paris verschlagen haben? Natürlich kam mir gleichzeitig der Gedanke, dass es sich wohl um jemanden aus einer wohlhabenden Familie handeln müsse, denn den sozial Schwachen gelingt der Ausbruch aus so einem Ort meist nicht. Somit war der Konflikt zwischen Arm und Reich bereits in der Grundidee zum Film enthalten.
Der klassische Heimatfilm trägt den Konflikt ins Dorf, der moderne lässt ihn dort entstehen. In „Hochwald“ hat man das Gefühl, dass die dörfliche Struktur so zerfallen ist wie der Zusammenhalt. Man bekommt das Dorf nicht einmal als Ganzes zu sehen, weiß eigentlich nie, wo man sich befindet.
Evi Romen: Am mittelalterlichen Dorfplatz oder beim Dorfwirt würde es wohl eher nicht zu einem Attentat kommen, aber es zeigt sich auch hier, in diesem hochalpinen Raum, wie sich kulturelle Strukturen verändert haben – wie überall auf der Welt. Gleichzeitig stellte ich mir muslimische Männer auf dem Dorfplatz vor, und daraus ergaben sich die Konflikte, zuerst optisch, dann kulturell. Als nächstes kam mir, wohl in Anbetracht der katholischen Kirche, die den Dorfplatz dominiert, sofort die Schuldfrage in den Sinn: Wer ist schuld, wenn jemand durch Zufall in ein schreckliches Geschehen gerät? Wer muss etwas beichten?
Die Last der möglichen Schuld trägt Mario fortan mit sich. Die Mutter des toten Freundes konfrontiert ihn damit unmittelbar: Warum ist mein Sohn tot und nicht du?
Evi Romen: Natürlich denkt man bei der Schuld zuallererst an die Attentäter. Doch dann taucht die Frage auf, warum sich jemand ausgerechnet in diesem Moment an diesem Ort aufgehalten hat. War es reiner Zufall, oder war jemand daran beteiligt, dass sich diese Person an diesem Ort befunden hat? Und da hatte ich meine Hauptfigur: eine Begleitperson des Sterbenden, einen Zeugen, der überlebt und der seinerseits mit der Frage konfrontiert wird, ob nicht er vielleicht schuld ist, dass diese Person an diesem Ort zu Tode kam.
Es gilt als bewährtes Mittel beim Schreiben, sich mit dem Vertrauten auseinanderzusetzen. Läuft man dadurch nicht auch Gefahr, die Verhältnisse zu sehr von eigenen Erfahrungen geprägt zu sehen?
Evi Romen: Meine Erzählungen entstehen aus der Beobachtung, nicht aus der direkten Erfahrung. Direkte Erfahrung eignet sich in erster Linie für Memoiren, aber die Beobachtung der Welt, der eigenen Herkunft und dessen, was einen in jungen Jahren geprägt hat, ist ein wunderbares Potpourri, aus dem man schöpfen kann. Es ist eine Lebenserfahrung, die man durch das Älterwerden gewinnt. Die Entscheidung, diese Geschichte in Südtirol spielen zu lassen, obwohl sie weltweit gültige archaische Muster erzählt, war ganz einfach: Ich liebe Authentisches, und ich bin ein großer Fan der Realität, die die tiefsinnigsten Geschichten erzählt und der man nur durch Träumerei entfliehen kann. Nirgendwo hätte ich authentischer inszenieren können als vor dem Hintergrund meiner Heimat, die tief in mir verankert ist. Ich merke, wie tief meine Hauptfigur auch mit der Geschichte Südtirols verbunden ist, die mit dem Widerstand gegen autoritäre Regimes und dem Verlust von Identitäten einhergeht.
Mario ist sich seiner Rolle, die er spielt, sehr bewusst. Ist dieses Spiel mit – auch sexuellen – Identitäten seine Form des Widerstands?
Evi Romen: Widerstand und Träumerei sind die einzigen Mittel, die man für den Ausbruch aus einem Zustand, einer gesellschaftlichen Form, benutzen kann. Beide sind auch Marios Instrumente, die er natürlich alles andere als virtuos einsetzt: Er rudert sehr ungeschickt gegen die Umstände, die ihm das Leben vor den Latz wirft. Und er scheitert, ohne Verständnis für sein Tun zu bekommen. Dieses Spiel mit Identitäten ist der Versuch, sich durch Träumerei zu befreien.
Dazu passt die weiße Lockenperücke, die er sich wiederholt aufsetzt. Ein Symbol des Widerstands, das ihn – oder er sich damit selbst – natürlich erst recht lächerlich macht.
Evi Romen: Die Perücke ist ein Zeichen seines Dilemmas, aber auch, weil sie als roter Faden durch die Geschichte wandert. Ihre „Auffälligkeit“ ist von einer dramaturgischen Psychologie begleitet und reicht vom Versuch, jemanden zu beeindrucken, über die Eifersucht, den Tod, den Schmerz und die Leichtigkeit bis hin zur Befreiung.
