Filmfestival

Die Verbesserung der Welt?

| Jakob Dibold |
This Human World „Outlines“: Die Online-Ausgabe des von Wien aus in die Welt gerichteten Festivals bot von 3. bis 13. Dezember ein reichhaltiges, vielfältiges Programm.

Schon gewohntermaßen nimmt This Human World jeden Dezember aufs Neue die Herausforderung an, das Wiener Filmfestival-Jahr zu beschließen. Obwohl diesmal maßgeblich eingeschränkt, präsentierte das International Human Rights Film Festival auch im Krisen-Jahr eine große Auswahl an Filmen und Artist Talks. Aus der ersten Reihe, dort, wo sonst die der Leinwand nächsten Gäste sitzen, begrüßte die Festivalleitung, Lisa Heuschober und Michael Schmied, ihr Online-Publikum und eröffnete vor knapp zwei Wochen die thematisch höchst diversen This Human World „Outlines“ mit einer Meta-Doku aus dem kriegszerrütteten Gebiet des Donbass: Regisseurin Iryna Tsilyk und ihr Team richten in The Earth Is Blue as an Orange nicht einfach ihre Kamera auf eine weitgehend verlassene Ortschaft, deren Erscheinungsbild und Alltag durch Zerstörung und äußerst prekäre Lebensbedingungen geprägt ist. Der filmbegeisterten Tochter der im Fokus stehenden Familie ist ein Erzählstrang gewidmet, der sie in eine andere Welt begleitet – doch ihre durch ein Stipendium ermöglichte Aufnahme an einer Filmschule bleibt eben nicht die einzige Betrachtung des Mediums: Die ganze Familie aus Mutter und vier Kindern wird darin begleitet, das von ihnen Erlebte und Durchgestandene selbst filmisch festzuhalten. Damit gelingt ein Dokument, das zwar nicht das kurzweiligste ist, jedoch seinen Hauptfiguren das Persönliche und Menschliche dadurch zurückgibt, dass sie ihren ganz eigenen filmischen Weg finden, ihre Geschichte aufzuarbeiten.

Auch wenn Jonathan Durand kollektive, bisher so gut wie nicht kanonisierte Geschichte anhand der eigenen Familienerinnerungen aufarbeitet, versprüht er einen Hauch von Meta-Flair: Die Gesprächssituationen mit den Interviewten, die in Memory Is Our Homeland von der polnischen Diaspora in Ostafrika berichten, werden klar als mediale Befragungssituationen offengelegt. Wer wessen Inhalt zu welchen Bildern spricht, verbleibt in They Call Me Babu (R: Sandra Beerends) oftmals etwas unklar. Dass ihre Auseinandersetzung mit der Kolonialvergangenheit des Staates, dem sie offiziell als Bürgerin angehört, darunter nicht leidet, dafür sorgt die Niederländerin Beerends insofern, als sie gerade die gegenseitige Verdichtung von Individuums- und Gruppen-Perspektive dafür nutzt, nicht nur die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin, sondern auch eine Chronik von Fremdherrschaft und deren Ende zu erzählen. Anhand von Tagebucheinträgen einer „Babu“, einer jener unzähligen indigenen Kindermädchen, die ihren Kolonialherren in Niederländisch-Indien dienten, für gewöhnlich ohne dass diese ihre echten Namen kannten. Der Frau, vor deren Augen sich die Wirklichkeit der fein montierten Archivaufnahmen scheinbar abgespielt hat, wurde sogar Besonderes zuteil, ein Aufenthalt in den Niederlanden. Eine aufregende wie befremdliche Reise, nach deren Rückkehr sich allmählich einige Zahnräder der globalpolitischen Dynamik wegweisend zu verschieben beginnen, auch in der Wahrnehmung der Unterdrückten im ja „eigenen“ Land: „Die Niederlande in Europa sind besetzt? Die Niederländer besetzen dieses Land hier seit 300 Jahren…“, lässt sich ein spät gelesener Eintrag paraphrasieren. Tatsächlich kommt bald die japanische Besetzung und ebnet den weiteren Werdegang des heutigen Indonesien. Beerends versucht sich, ausgehend von der auf den ersten Blick einfachen Arbeitswelt der Babu, an einem a-kolonialen Gaze und schafft mindestens ein einnehmendes Found-Footage-Historienabenteuer in Schwarzweiß.

Weniger direkt mit dem Zweiten Weltkrieg zusammenhängend, lässt einen das Swastika-Symbol der bis 2010 verwendeten Flagge Guna Yalas, eines autonomen Gebiets in Panama, kurz aufschrecken. Der ältere Herr Cebaldo kehrt hierher zurück, in Bezug gesetzt wird das Heutige mit dem folgenschweren Wirken jenes Indigenen, der dem Spanier Balboa den Weg zum Pazifik zeigte. Sein Name gibt dem Film seinen Titel, doch funktioniert hier die Erschließung eines größeren Kontexts weniger gut, da sich Ana Elena Tejera in Panquiaco allzu sehr auf ihre – unbestritten betörend anzusehende – meditative Bildsprache verlässt. Ins nahe Honduras führt Loretta van der Horst mit Behind the Blood, einer brisanten Investigation im hochgefährlichen San Pedro Sula. Die hautnahe Annäherung an Auftragskiller, Journalist und Priester hebt sich vor allem durch das fortschreitende, aber implizite Verständlichmachen von Zusammenhängen vom reinen Talking-Heads-Stil ab. Ein Naheverhältnis, dem sich Ecstasy von der brasilianischen Filmemacherin Moara Passoni von Sekunde eins an vollständig entzieht: Basierend auf eigenen Erfahrungen schildert Passoni die Lebensrealität einer jungen Frau mit Anorexie, hemmungslos, allegorisch, entfesselt phantasievoll. Trotzdem ist Ecstasy nicht nur Rausch. Das elliptisch anmutende Umeinander-Tänzeln von Voiceover und Bild legt nicht nur eine originäre Lebenswelt offen, sondern liefert unter Zufluss von politischer Familienhistorie auch einen stark über Architektur erzählten Eindruck der brutal-futuristischen Haupstadt Brasília. Weder dies noch die naheliegende Reminiszenz an Body Horror Marke Cronenberg lässt der rätselhafte wie minimalistische Trailer erahnen – die Überraschung gelingt.

Filmisch weniger überraschende, jedoch informative Kost bieten wiederum beispielsweise ein detaillierter Blick auf ein von der politischen Autorität mit der Auslöschung bedrohtes Dorf in China (A New Era, Boris Swartzman), die wichtige Projektdokumentation Bring Down the Walls (R: Phil Collins), die die Mobilisierung gegen rassistische und klassistische Ungerechtigkeiten des US-amerikanischen Gefängnisapparates in Verwobenheit mit House-Musik zeigt, die Aufarbeitung von Gegenstrategien der Black Panther Party sowie der Gruppe Young Lords im Angesicht der großen Heroinwelle der siebziger Jahre – Dope Is Death von Mia Donovan, oder Coded Bias (R: Shalini Kantayya), der (vor allem) die MIT-Forscherin Joy Buolamwini auf ihrem Kampf gegen „voreingenommene“, zu Diskriminierung führende Algorithmen und Künstliche Intelligenz begleitet. In stimmungsvollen Farben auf die harte Situation sudanesischer Geflüchteter in Kairo geht Seif Abdallah in Noom El-Deek ein, No Gold for Kalsaka lockert das Aufzeigen eines neokolonialen Missstandes in Burkina Faso – wenn westliche Konzerne Gold abbauen, bedeutet dies für die im Dorf Lebenden letztlich viel eher das Gegenteil von Aufschwung – formal mit traditioneller Spoken Word Poetry und mit drei das Land durchziehenden Reitern auf. Dokumentarisch konventionell bleiben jedoch auch diese beiden Arbeiten. Dass dies ja auch durchaus zu Erfolg führen kann, beweisen bei This Human World die Preisträger: Sunless Shadows, (R: Mehrdad Oskouei; Gewinner Internationaler Wettbewerb) ein heftiger, schonungsloser Besuch in einer iranischen Haftanstalt für junge Frauen, bringt reales Grauen mit durch und durch klassischen Mitteln zutage, The Marriage Project (R: Atieh Attarzadeh Firozabad, Hesam Eslami; Gewinner up&coming) spürt einem außergewöhnlichen Psychiatrie-Entwurf in Teheran methodisch ebenso ins Innere, und auch der österreichische Gewinner Once Upon a Time in Venezuela (R: Anabel Rodríguez Ríos) wohnt dem vom Untergang bedrohten Dorf in vergleichbarer Manier bei.

In zweierlei Hinsicht aus dem Rahmen fällt Kalinovski Square, eine schon ältere Arbeit des nunmehr im oppositionellen Koordinierungsrat engagierten Filmemachers Yuriy Khashchevatskiy, der den manipulativen Machenschaften des weißrussischen Präsidenten, der eher Diktator ist, Aljaksandr Lukaschenka, mit Galgenhumor und Satire begegnet, gänzlich anders als die anderen gestaltet sich der beklemmende Elsewhere, Everywhere: Isabelle Ingold und Vivianne Perelmuter folgen darin der odysseeischen Route des Jungen Shahin, der aus seiner Heimat Iran nach Europa fliehen muss, mittels Chats, Audioaufzeichnungen und viel CCTV.

Schlussendlich sind es doch jene Filme, deren direkte thematische Brisanz und Relevanz sich weniger laut aufdrängen, die zu entdecken die meiste Freude macht. Nach den schon erwähnten They Call Me Babu und Ecstasy sind dies zum Einen sicherlich Zaho Zay (R: Georg Tiller, Maéva Ranaïvojaona), Själö, Island of Souls von Lotta Petronella und La casa dell‘amore von Luca Ferri. Die österreichisch-französisch-madagassische Ko-Produktion collagiert ein vielschichtiges Sinnbild auf die politischen Machtverhältnisse auf Madagaskar, dirigiert von der Narration einer Gefängniswärterin und deren Suche nach dem Vater. Eine blutige Spur lenkt auf wichtige Fährten, verwischt diese aber auch so gekonnt, sodass – überdosiertem Symbolismus zum Trotz – ein anregendes Filmerlebnis bestehen bleibt. Auch dem finnischen Beitrag zum Internationalen Wettbewerb gelingt einiges zugleich: Bietet er auch unheimliche Atmosphäre, sphärische Tableaus und geerdete Haptik, so sind diese visuellen Mittel nicht bloß Untermalung einer Story. Die historische Aufgeladenheit einer Insel und derem wichtigsten Gebäude – früher mehr als zweifelhafte Frauen-Psychiatrie, die einem Gefängnis glich, heute Forschungszentrum für Biodiversität – vermag sich nur in Zusammenspiel mit dem Sinnlichen erzählen zu lassen; wobei das intime Offenbaren der Filmemacherin selbst das Ihrige beiträgt.

„Intim“ wiederum wäre für La casa dell‘amore schlichtweg Untertreibung: Unklare Wohnungsdimensionen, die nie verlassen werden, durchströmt von einer Stimme, deren Überzeugung und Direktheit ihr nichts von ihrer Zärtlichkeit und Fragilität nimmt. Bianca lebt und arbeitet in ihren Wänden am Rande Mailands nicht so, als gäbe es kein Morgen, sondern so, als hätte es nie ein Morgen oder Gestern gegeben. Luca Verri schafft es, der traumhaften, surrealen Atmosphäre des Schwummerlichts nicht zu erliegen und erfüllt das ihm entgegengebrachte Vertrauen mit einem wundervoll ruhigen Eintauchen in einen besonderen Underground-Mikrokosmos aus Rotwein, Kerzenlicht und Körper.

Marginalisierte, ungewollte Körper in Italien, das ist gleichwohl die Essenz von Il mio corpo. Hier jedoch ganz anders. Die heiße Sonne des Südens können weder Oscar, der von seinem Vater schikaniert wird und mehr für ihn als mit ihm Schrott sammelt, noch Stanley, der als Geflüchteter in jeden Tag mit Ungewissheit erwacht, sonderlich oft sorglos genießen. Regisseur Michele Pennetta folgt den beiden aber nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in der Freizeit. Und schafft es gänzlich ohne Voiceover oder Inserts, seinem Publikum nicht nur zwei fremde, nur auf den ersten Blick gänzlich verschiedene Menschen nahezubringen, sondern auch, Dinge über Süditalien zu vermitteln, die kein Zeitungsartikel und kein Fernsehbeitrag berichten kann. Anderswo sind Medien sehr präsent: Mit Davos stellen Daniel Hoesl und Julia Niemann (die schon Hoesls fiktionalen Vorgänger WINWIN mitproduzierte) exzeptionelles Gespür dafür da, wie man einem Ereignis begegnen kann, an dem Kameras bereits an allen Ecken und Enden zu laufen scheinen. Ihnen gelingt mittels der geschickten wie gewitzten Inszenierung von sowohl Dorfleben als auch Superkapitalismus, das absurde Nebeneinander der Strukturen eines Alpendorfs mit jenen des dort seit Jahrzehnten stattfindenden World Economic Forums nicht als zwei Blöcke zu behandeln, sondern in einer einzigen Spirale sich simultan abstoßender wie anziehender Entitäten zu zeigen. Das Bizarre ist normal, das Ordinärste mutet unwirklich an: Viel treffender lässt sich der Zustand der Welt vielleicht auch gar nicht beschreiben. Hinter das selbstgesteckte Ziel des World Economic Forums, diesen Zustand der Welt zu verbessern, setzt This Human World jedenfalls auch 2020 viele Frage- und Rufzeichen.

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