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Serie | Sky

Alles oder nichts

| Pamela Jahn |
Von der Uni ins Haifischbecken: Das HBO-Finanzmilieu-Drama „Industry“, ab 30. Dezember bei Sky, schaut sich auf der untersten Etage einer Londoner Investmentbank um, wo eine Handvoll Berufseinsteiger ihre Probezeit absolvieren. Ein Gespräch mit Mickey Down und Konrad Kay, den Autoren und kreativen Köpfen hinter der Serie, über Leistungsdruck, Identitätsfindung und die Liebe zum Duft des Geldes.

Geld macht sexy, heißt es, aber nicht glücklich. Diese unbequeme Wahrheit bekommen die Kandidaten des Graduiertenprogramms einer Londoner Investmentbank bereits zu spüren, lange bevor sie selbst überhaupt richtig zum Zug kommen. Denn nur die Hälfte von ihnen wird am Ende tatsächlich vom Finanzunternehmen Pierpoint & Co in eine Festanstellung übernommen. Bis dahin geht es für die jungen Neueinsteiger zunächst einmal ums blanke Überleben in einem Arbeitsumfeld, das keine Gnade kennt. Und dafür riskieren die jungen Neuankömmlinge so einiges, manche von ihnen sogar alles, was sie haben, ihre Würde mit eingeschlossen. Auf dieser Prämisse aufbauend, haben Down und Kay, die zunächst ihre eigenen Erfahrungen in der Finanzbranche sammelten, bevor sie ins Fernsehfach wechselten, eine Show entwickelt, die absolut dem Zeitgeist entspricht: Ein bisschen This Life, ein Schuss The Social Network, dazu Drogen und Oralsex, knallharte Büropolitik und messerscharfe Dialoge, gespielt von einer Riege überzeugender junger Darsteller, die darauf bedacht scheinen, es ähnlich wie die Figuren, die sie verkörpern, auf Teufel komm raus in ihrem Metier zu etwas zu bringen. Lena Dunham, die in der ersten Episode die Regie übernommen hat, gibt nicht nur das Tempo vor, sondern schaut mit gewohnt offen-ehrlichem Blick sowohl auf die attraktiven wie auf die unschönen Seiten der Hochfinanzwelt, und legt dabei den Ehrgeiz und das Engagement, aber auch die Angst und Verletzlichkeit der Millennials frei, die hier ihren Aufstieg versuchen.

 

Ins Berufsleben einzusteigen ist in keiner Branche einfach, weder im Finanzwesen noch in der Filmindustrie. War das für Sie beide ein Parallele, die den Ansatz für das Drehbuch ermöglichte?
Konrad Kay: Absolut. Und ich bin froh, dass Sie die Universalität ansprechen. Wir haben die Show nicht umsonst Industry genannt. Es ging uns einerseits darum, über eine Welt zu schreiben, die in den Augen vieler Menschen exklusiv und unerreichbar erscheint. Aber wir wollten auch einen gemeinsamen Nenner finden, sodass Leute, die in einem völlig anderen Bereich arbeiten und nichts mit Finanzen am Hut haben, darin trotzdem bestimmte Gemeinsamkeiten wiedererkennen würden. Uns fiel auf, dass es bei Filmen und TV-Shows, die in der Wirtschaft oder im Finanzbereich spielen, ja oft nur um das geht, was in den obersten Etagen geschieht. Also dachten wir uns, wir drehen den Spieß einmal um. Wir wollten über junge Menschen schreiben, die frisch von der Uni ins Arbeitsleben geworfen werden und sich dort behaupten müssen. Wir fanden es spannend, zu zeigen, wie sie diesen Einstieg in ihre Karriere erleben.

Was sind die entscheidenden Faktoren, wenn es darum geht, sich als Frischling am Arbeitsplatz zu behaupten?
Konrad Kay: Eine große Rolle spielen dabei die Vorgesetzen und älteren Kollegen. Denn ganz ehrlich, wir wissen doch alle, dass der Einfluss derer, die über einem stehen, enorm ist und mitunter fatal sein kann. Vieles im Berufsleben hängt in erster Linie davon ab, ob man von diesen Leuten respektiert wird oder nicht. Und das gilt für alle Bereiche, alle „Industrien“, wenn Sie so wollen. Sie haben die Filmindustrie erwähnt, aber für Mickey und mich war ebenfalls die Finanzbranche die erste Anlaufstelle. Ich selbst habe nach der Uni zunächst drei Jahre lang in einer Investmentbank gearbeitet. Das heißt, wovon wir hier erzählen, ist nicht alles zur ausgedacht, sondern beruht zum Teil auf eigenen Erfahrungen, wenn es darum geht, wie die Figuren miteinander interagieren und sich gegenseitig beeinflussen.

Mickey Down: Konrad hat es bereits abgesprochen. Eine der Schlüsselideen zu Serie war, auszuloten, inwieweit Zufall im Hinblick auf die Karriere von Bedeutung ist. Denn egal, ob man in einer Bank arbeitet oder sonst wo, wenn dein Chef dich auf dem Kieker hat, dich schikaniert oder klein macht, ist der Verlauf deiner Karriere mit großer Wahrscheinlichkeit ein anderer, als wenn du an jemanden gerätst, der dich von vornherein unterstützt und fördert.

 

Die Universalität ist das eine. Aber wie bringt man das mit den speziellen Eigenheiten unter einen Hut, die für das Finanzwesen typisch sind?
Konrad Kay: Gute Frage. Es gibt immer ein bestimmtes Level an Erwartungen, aber wir wollten es vermeiden, über eine Welt zu schreiben, die nur kalt ist und voller aalglatter, narzisstischer Charaktere. Was nicht heißt, dass die Figuren, die in der Serie vorkommen, nicht auch Dinge tun, die moralisch falsch oder verwerflich sind und auf Egoismus und Eigennutz beruhen. Aber für uns war es immer eine Show, die von den Figuren getragen wird, nicht von dem Milieu, in dem sie spielt. Eine Show, in der es nicht um ein gescheitertes Insidergeschäft geht, oder darum, wie aus Gier Diebstahl wird. Er geht um fünf junge Menschen, ihre Beziehung zueinander und zu ihren Vorgesetzten. Es geht um Gemeinschaft, Rivalität und den Unterschied zwischen Freunden und Kollegen. Und es geht darum, wie diese Verhältnisse sich verschieben und ineinander verschmelzen. Wir haben uns in erster Linie gefragt: Woher kommen diese jungen Leute? Und warum ist ihnen Geld so wichtig? Robert, zum Beispiel, ist der weiße, gutaussehende Typ. Vor 20 Jahren wäre er in der Show der typische Platzhirsch gewesen. Aber hier ist er genauso unsicher und verletzlich wie die anderen auch.

Mickey Down: Für mich besteht die Besonderheit, die Eigenheit tatsächlich in der Frage nach der Liebe zum Duft des Geldes. Denn darum geht es allen fünf: Geld zu machen. Und das ist das Spezielle an der Industrie. Hätten wir die Serie beispielsweise in einem Spital spielen lassen, wäre die Motivation eine andere gewesen, weniger selbstbezogen und gewinnorientiert, als das in der Finanzbranche der Fall ist. Hier tritt stattdessen eine talentierte junge Frau wie Harper aus New York auf, die gerne reich sein möchte, oder Hari, der schon immer im Banksektor arbeiten wollte. Aber warum? Und das zu erforschen war uns genauso wichtig, wie der Serie ein Gefühl von Jugendlichkeit und Vitalität einzuhauchen, mit einem guten Soundtrack und Szenen, die sexy sind und Spaß machen.

 

Erinnern Sie sich an einen speziellen Moment, in dem Sie sich so gefühlt haben, wie Ihre Figuren, wenn es darum geht, den eigenen Platz in der Welt zu finden?
Mickey Down: Definitiv. Dabei muss man dazu sagen: Wir sind zunächst auch in diese Branche gerutscht, weil der Druck von außen einfach so groß war. Viele aus der Universität, an der wir studierten, haben sich für diese vermeintlich guten Jobs beworben. Und wir haben gedacht, wir müssten das auch tun. Aber ich erinnere mich noch ganz genau an meinen ersten Tag in der Bank, als ich an meinen Schreibtisch saß und dachte: Was machst du eigentlich hier? Wie musst du dich hier verhalten? Wie funktionieren? Was musst du tun, um hier zu überleben? Und dieses Gefühl der Unsicherheit hat mich im Grunde in der ganzen Zeit, in der ich dort gearbeitet habe, nicht mehr losgelassen.

Konrad Kay: Das ist das Problem mit Arbeitswelten wie dieser. Man wird dort so jung eingestellt. Mickey und ich, wir sind heute Anfang dreißig und sehen immer noch jung aus. Aber damals sahen wir noch aus wie Teenager und trugen diese übergroßen Anzüge. Und das erlaubt es einem, nicht wirklich darüber nachzudenken, wer man ist und was man mit seinem Leben tatsächlich anfangen möchte. Mit Schlips und Kragen spielt man Erwachsensein, dabei ist man in Wirklichkeit noch komplett grün hinter den Ohren. Und das war für uns der Knackpunkt, um an die Figuren heranzukommen. Viele junge Leute bewerben sich für einen Job in der Branche, weil sie glauben, darin irgendeine Wahrheit zu finden, eine Lösung, einen Schlüssel zum Erfolg oder zum eigenen Ich. Nur leider ist das nicht so. Und zu der Erkenntnis zu gelangen, ist oft ein schmerzlicher Prozess.

Ein Gedanke, der mir in den Sinn kam, ist das Thema Arbeitssucht und Leistungsdruck. Die Tatsache, dass man heutzutage als Berufseinsteiger selten eine Wahl hat, ob man arbeitet, um zu leben oder umgekehrt. Überstunden und durchgearbeitete Mittagspausen sind die Regel, weil man sonst eventuell gleich auf die Abschussliste gesetzt wird.
Mickey Down: Genau so ist es, vielleicht nicht überall, aber in dieser speziellen Arbeitskultur schon. Viele junge Menschen schuften sich mit zwanzig kaputt. Und ich finde, das ist eine Diskussion, die noch viel zu selten geführt wird, vor allem, wenn man sich anschaut, zu welch tragischen Konsequenzen das führen kann.

Konrad Kay: Und viele junge Leute, insbesondere in London, haben ja oft auch nicht nur einen Job. Sie haben zwei oder drei. Und trotzdem verdienen sie nicht einmal annährend so viel Geld, um sich beispielsweise ein Haus leisten zu können oder auch nur ein gewisses Maß an Sicherheit und Stabilität aufzubauen. Wir wollten in der Serie keineswegs didaktisch daherkommen, aber eine leise Kritik steckt da schon drin. Vor allem eine Kritik an dem Image, dass derartige Institutionen gerne nach außen vermitteln im Gegensatz zu der Realität, die im Inneren herrscht. Darin liegt oft ein enormer Unterschied. Das war schon so, als Mickey und ich noch dort gearbeitet haben und ist heute oftmals noch massiver. Zwar gibt es durchaus auch Institutionen, die sich mittlerweile mehr für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter am Arbeitsplatz einsetzen. Aber der Leistungsdruck ist trotzdem weiterhin enorm.

 

Ein weiteres Thema, das die Serie bereits in der ersten Folge anspricht, ist sexuelle Belästigung. Gab es eine Art Liste von Missständen, die Sie unbedingt ansprechen wollten?
Mickey Down: Nein, so genau haben wir uns das im Vorfeld nicht überlegt. Wir haben uns nicht vorgenommen, bestimmte Probleme abzuarbeiten. Das ist einfach im Prozess entstanden. Wenn man eine Serie schreibt, die in einer modernen Großstadt wie London im Hier und Jetzt spielt, kommt man gar nicht drum herum, diese Dinge anzusprechen.

 

Einige Filme und TV-Serien, die in der Finanzwelt spielen, wollen zwar gerne das Milieu untergraben, in dem sie spielen. Aber am Ende läuft es doch darauf hinaus, dass sie eher glorifizieren als kritisieren. Hatten Sie in der Hinsicht Bedenken?
Konrad Kay: An welche Shows denken Sie da konkret?

„Billions“, zum Bespiel.
Mickey Down: Ja, da geben ich Ihnen Recht. Und es stimmt schon, wir wollten natürlich auch, dass die Zuschauer mit den Figuren mitfiebern, dass sie sich mit ihnen identifizieren und Sympathie für sie entwickeln. Wir wollten, dass das Publikum die Kandidatinnen und Kandidaten gewinnen sehen will. Und wenn man von dieser Prämisse ausgeht, ist klar, dass man dann nicht permanent mit dem Zeigefinger auf die Branche zeigen kann. Es muss einen guten Grund geben, warum es sich lohnt, für einen Job in einer Investmentbank alles zu geben. Aber wie gesagt, es könnte sich genauso gut um die Musikindustrie handeln oder um Journalismus. Jede Branche hat ihre Vor- und Nachteile. Unsere Kandidaten navigieren ihren Weg durch die Industrie, die sie für sich gewählt haben. Und die Zuschauer können selbst entscheiden, ob sie einen Job in dem Bereich für erstrebenswert halten oder nicht. Das bleibt am Ende immer noch jedem selbst überlassen.