Er hat es schon wieder getan: Francis Ford Coppola hat mit dem dritten Teil seiner „Godfather“-Trilogie abermals einen seiner Klassiker überarbeitet. Die neue Schnittfassung dauert ein wenig kürzer, weist zwei markante Änderungen und wirft Fragen auf.
Verfaultes Treibholz auf schwarzem Wasser, aufgerissene Holzböden, Spinnweben und verstaubt herumliegendes Kinderspielzeug: Die Bilder, mit denen Francis Ford Coppola 1990 das Finale seiner berühmten Godfather-Trilogie eröffnete, wirkten bereits vor 30 Jahren wie ein Abgesang. Langsam tastete sich die Kamera am alten Bootshaus vorbei durch das verfallene Anwesen am Lake Tahoe in Nevada, wo die Familie Corleone in Godfather Part II einige Jahre lebte. Das war die Vergangenheit, suggerierten diese von Patina überzogenen Bilder; hier ließ Corleone seinen älteren Bruder ermorden, mitten auf dem See beim Angeln, weil dieser ihn verraten hatte. Hier versuchte Kay Corleone, die Ehefrau des mächtigen Paten, mit den Kindern ein normales Leben zu führen, während sich der Ehemann in seiner anderen „Familie“ als Alleinherrscher erbarmungslos nach oben arbeitete, bis ihm die übrigen Mafioisi, wie damals seinem Vater im ersten Teil, das absolute Herrschaftsrecht zugestanden. Corleone war an der Spitze der Macht angekommen, aber zahlte dafür – wie es sich für ein modernes Königsdrama gehört – einen hohen Preis: Einsam sind die Mächtigen.
Coppola mochte diese Eröffnung nicht, wie er später wiederholt betonte. Er sei damit dem Wunsch seines Cutters Walter Murch nachgekommen, so wie sein Ko-Autor Mario Puzo und er der Forderung von Paramount Pictures entsprochen hätten, The Godfather Part III als dritten Teil der Serie zu betiteln und nicht als eigenständigen Epilog. Was ihn jedoch nicht der eigentlich entscheidenden Aufgabe enthob: Wie konnte dieses filmische Epos der ersten beiden Teile sechzehn Jahre später zu Ende gebracht werden? Wie konnten Puzo und er diese Erzählung weiterschreiben, an deren Ende scheinbar alles erreicht und zugleich zerstört worden war?
Mit den Bildern des zur Ruine verfallenen Hauses fand man also eine nahezu melancholisch anmutende Lösung. Und in einer kurzen Rückblende stand Al Pacino denn auch noch einmal vor dem riesigen Fenster und starrte auf das dunkle Wasser. Schließlich, mit einem abrupten Sprung in die Gegenwart des Jahres 1979, ersetzte die Skyline von New York mit dem World Trade Center das niedrige, alte Steinhaus. Eine zerbrochene Ehe und zwei inzwischen erwachsene Kinder später sah man den mittlerweile ergrauten Corleone als einen der reichsten Männer des Landes, der mit dem korrupten Erzbischof von New York über Millionenspenden an die Bank des Vatikan verhandelt und den St.-Sebastian-Orden verliehen bekommt. Als sei er der ehrenwerte Mann, der er gerne wäre und nun endlich werden könne. Aber zugleich wusste man, dass der Fluch der Vergangenheit nicht in Nevada geblieben sein konnte. Denn diese Geschichte, sie konnte nie zu Ende gehen.
Weil Coppola The Godfather Part III jedoch nie als Teil der Trilogie betrachtete, hat er nun diese Bilderbrücke in die Vergangenheit abgerissen. Er wisse es zu schätzen, so Coppola heute, dass er zum Jubiläum des Films von Paramount die Möglichkeit bekommen habe, noch einmal Hand anzulegen. Die Frage, die sich angesichts der neuen Fassung aufdrängt, ist nunmehr die in solchen Fällen übliche: Wie groß muss ein Unterschied sein, um als solcher wahrgenommen zu werden? Die Antwort lautet: Er sollte, wenn schon nicht groß genug, zumindest ausreichend erheblich sein. Was sofort eine weitere, kaum beantwortbare Frage aufwirft: die nach der Bedeutsamkeit.
Im Kino betrifft diese Frage regelmäßig – und nahezu ausschließlich – Neueditionen von Klassikern, denen man nachsagt, einen Beitrag zum sogenannten kollektiven Gedächtnis geleistet zu haben. Erstens, weil andere Filme in dieser Hinsicht niemanden interessieren – das Aufsehen über eine neue Schnittfassung des im selben Jahr erschienenen Brat-Pack-Actionwesterns Young Guns II wäre überschaubar –, und zweitens, weil sich ein Kinofilm als populäres Kulturprodukt dafür prinzipiell anbietet. Niemand käme etwa auf die Idee, seinen vor dreißig Jahren erschienenen Roman umzuschreiben, indem er ein paar Passagen ändert, ein paar Seiten kürzt und ihm ein anderes Ende zukommen lässt. Man stelle sich vor, Richard Ford würde einen seiner modernen Klassiker, etwa den ebenfalls 1990 veröffentlichten Wildlife, mit ein paar Änderungen neu auflegen. Genau das hat Francis Ford Coppola mit The Godfather Part III aber getan.
Coppola hat sich nämlich für eine neue Schnittfassung entschlossen, deren Sinnhaftigkeit man – anders als bei seiner mehrfachen Neubearbeitung von Apocalypse Now – zumindest in Frage stellen kann. The Godfather Part III heißt jetzt – Achtung! – Mario Puzo’s The Godfather, Coda: The Death of Michael Corleone, weist einen anderen Anfang als den beschriebenen und ein anderes, aber eigentlich nur verkürztes Ende auf, das Corleones Tod in einen eher metaphysischen Kontext rückt. Darüberhinaus gibt es jedoch kaum bemerkbare Unterschiede. Der letzte Teil der Saga dauert somit wenige Minuten kürzer, ist jedoch beinahe derselbe Film: keine neuen Szenen, die vor 30 Jahren weggelassen wurden und nun das Leben des berühmtesten Mafioso der Filmgeschichte um wichtige Details erweitern würden; keine Vertiefung von Nebenfiguren; keine dramaturgischen Umstellungen, die einen anderen Rhythmus bewirkten. Und vor allem kein wirklich ersichtlicher Grund außer jenem, dass Coppola ganz offensichtlich zu jener Sorte von Filmemachern zählt, die den Status und damit überhaupt erst die Möglichkeit haben, auf die eigene Arbeit zurückzugreifen.
Mario Puzo’s The Godfather, Coda: The Death of Michael Corleone beginnt nun also mit dem Gespräch zwischen Corleone und dem Erzbischof (Donal Donnelly), bei dem Letzterer den Paten um einen Zuschuss in mehrfacher Millionenhöhe bittet, um seinen Bilanzbetrug zu vertuschen. Quid pro quo bekäme Corleone durch die Beteiligung am Immobilienkonzern des Vatikan eine saubere Weste. So weit, so bekannt nehmen die Dinge ihren Lauf: von der Auseinandersetzung mit dem verfeindeten Paten Joey Zasa (Joe Mantegna), dem Aufstieg seines hitzköpfigen Neffen und Nachfolgers Vincent (Andy Garcia), bis zum – der Realität entlehnten – rätselhaften Tod von Papst Johannes Paul I.und dem großen Finale im Opernhaus von Palermo während der Aufführung der Cavalleria rusticana – mit dem tragischem Ausgang und der Familientragödie auf der großen Freitreppe.
Nun galt The Godfather Part III schon immer als der „schwächste“ Teil der Trilogie, der die Brillanz vor allem seines unmittelbaren Vorgängers mit dessen verschachtelter Erzählweise – und mit Robert De Niro als junger Don Vito Corleone – nicht mehr erreichte. Auch Martin Scorseses GoodFellas, der im selben Jahr in die Kinos kam, ließ Coppolas Finale hinter sich – und tut es heute noch. Und dass Coppola die Rolle von Corleones Tochter Mary mit seiner eigenen Tochter Sofia besetzte, trug ihm obendrein den – übrigens unpassenden – Vorwurf des Nepotismus ein. Unter diesen Voraussetzungen war es vermutlich Coppolas größtes Anliegen, The Death of Michael Corleone als eigenständiges Werk die späte Chance auf eine neue Betrachtung und Rehabilitation zu ermöglichen. Was nicht nötig gewesen wäre.
Das bedeutet nicht, dass The Death of Michael Corleone als vergeudete Liebesmüh zu betrachten ist. Es ist nach wie vor ein Film, dessen heutiger Verdienst es ist, 30 Jahre später eine Türe in eine kaum noch wahrgenommene Vergangenheit aufzustoßen: eine mehr als willkommene Gelegenheit, noch einmal für insgesamt knapp zwölf Stunden in die Familiensaga der Corleones einzutauchen – und mit dieser in eine bereits untergegange Ära, als sich noch das Kino und nicht das Fernsehen die großen Erzählungen seiner Zeit leisten konnten.
