Österreich | Green Filming

Grünes Licht

| Andreas Ungerböck |
Es tut sich etwas in Sachen Green Filming in Österreich. Mehrere wichtige Institutionen und Initiativen widmen sich dem Thema inzwischen intensiv. Ein kompakter Überblick.

Das „ray“-Sonderheft, das im Jänner 2020 anlässlich der (bislang letzten) Verleihung des Österreichischen Filmpreises in Grafenegg erschien, war der bisher ausführlichste Überblick über grünes Gedankengut und nachhaltige Maßnahmen im Bereich der Filmproduktion in Österreich. Im Mittelpunkt standen dabei vor allem die Aktivitäten der Auftraggeberin, der Lower Austrian Film Commission, die nach wie vor federführend ist, was das Thema Green Filming betrifft. Das neu gestaltete Evergreen Prisma bzw. der Green Guide auf der Website www.lafc.at
vermittelt nicht nur umfassende Beratung für alle Bereiche der Filmproduktion und zu Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung, sondern bietet auch einen breiten Überblick über alles, was sich in Sachen „Green Filming“ im Lande und auch außerhalb des Landes tut. Nicht von ungefähr wurde die Lower Austrian Film Commission 2020 für das Evergreen Prisma mit dem renommierten Makers & Shakers Award der internationalen Initiative Location Guide in London ausgezeichnet.

Förderung

Aber auch andere Institutionen haben die Zeichen der Zeit erkannt. So wurde in der Aufsichtsratssitzung des Österreichischen Filminstituts im Dezember 2020 eine Richtlinien-Ergänzung beschlossen, die die Voraussetzungen für Förderungen um den Bereich „Green Producing“ erweitert. Seit 1. Jänner 2021 sind im Falle einer Herstellungsförderung durch das ÖFI die produktionsbezogenen Vorgaben der Richtlinie UZ 76 (Österreichisches Umweltzeichen „Green Producing in Film und Fernsehen“) zu berücksichtigen. Produktionen sind nunmehr verpflichtet, die Einhaltung dieser Vorgaben spätestens bis zur Endabrechnung eines Projekts in Form eines detaillierten Abschlussberichts zu belegen. Außerdem forciert das ÖFI die Inanspruchnahme von Weiterbildungsmaßnahmen im Bereich der ökologischen Filmproduktion und fördert diese nun auch mit über zwei Drittel der Kosten. Produktionsfirmen sollen so bei der Implementierung von Öko-Standards unterstützt werden. Auch etwaige Mehrkosten, die durch die Einhaltung grüner Kriterien im Rahmen der Filmherstellung entstehen, sind jetzt – vorbehaltlich einer Überprüfung – grundsätzlich förderungswürdig. Diese Mehrkosten können ab sofort in der Kalkulation entsprechend berücksichtigt werden.

Auch die im Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort angesiedelte Förderinstitution FISA (Filmstandort Austria) setzt mit einer seit Anfang 2020 gültigen Adaption ihrer Richtlinien eine Maßnahme für Green Filming. Produktionsfirmen und ihre Projekte, die sich nachweislich gemäß der aktuellen UZ-76-Richtlinie zertifizieren lassen, erhalten seither zwei zusätzliche Punkte im „Kulturellen Eigenschaftstest“. Um diese Punkte angerechnet zu bekommen, muss nachgewiesen werden, dass der erste Teil des Prüfverfahrens auf Zertifizierung nach dem UZ 76 abgeschlossen oder zumindest beantragt wurde und dass ein/e Green Consultant in der Stabliste der Produktion aufscheint. Außerdem müssen die Produzentinnen bzw. Produzenten ein Statement abgeben, in dem sie sich zu einer nachhaltigen, umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Produktion verpflichten. Wie beim ÖFI können auch bei FISA Mehrkosten, die im Zusammenhang mit der Zertifizierung anfallen und nicht durch andere öffentliche Mittel gefördert werden, in die Kalkulation eingebracht werden. Darüber hinaus werde, betont man bei FISA, „laufend daran gearbeitet, weitere Schritte für eine nachhaltige und grüne heimische Filmwirtschaft zu setzen.“

Inzwischen unterstützt auch der Fachverband der Film- und Musikwirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich die Initiative, nachhaltiges Filmschaffen in Österreich dauerhaft zum Standard zu machen, wie Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Chef der Amour Fou Filmproduktion und Obmann des Fachverbandes, betont: „Gerade die Filmwirtschaft ist einer der umweltfreundlichen Motoren, um Fortschritte und Innovationen zu erzielen, die sich die Filmförderung auf Bundesebene vorgenommen hat. In den neuen, zukunftsweisenden Maßnahmen sind nachhaltige Umweltschutzkriterien und wichtige Qualitätsstandards enthalten.“ Dumreicher-Ivanceanu befürwortet außerdem eine „Koordinierung von Standards und Anforderungen für derartige freiwillige Green-Producing-Modelle auf europäischer Ebene“, diese sei für „grenzüberschreitende Koproduktionen äußerst wünschenswert.“

UZ 76

Die viel zitierte Richtlinie UZ 76 („Green Producing in Film und Fernsehen“) gibt es seit 2017. Seither wurden 14 Produktionen von acht Lizenznehmern ausgezeichnet, eine Reihe weiterer Projekte befindet sich aktuell in Prüfung. Die erste Produktion, die gemäß grünen Kriterien hergestellt wurde, war David Schalkos von der Superfilm produzierter ORF-Landkrimi Höhenstraße.
Inzwischen hat die Superfilm unter anderem die Tatort-Folge „Unten“, den Vorarlberg-Landkrimi Das letzte Problem und die österreichisch-schweizerische Koproduktion Zauberer (Regie: Sebastian Brauneis) umweltfreundlich hergestellt. Auch die Mödlinger Firma Gebhardt Productions wurde mit dem Umweltzeichen zertifiziert: „Wir haben die Herstellungsprozesse unserer Serien, Filme und Shows weitgehend umgestellt, um den Green-Producing-Richtlinien gerecht zu werden. Dabei legen wir auf die Veränderung der arbeitstechnischen Prozesse genauso viel Wert wie auf die Nachhaltigkeits-Bewusstseinsbildung bei allen Filmschaffenden und PartnerInnen“, heißt es von Seiten der Firma, die unter anderem für die mittlerweile „grüne“ Krimiserie SOKO Kitzbühel verantwortlich zeichnet. Auch die Monafilm vermeldet stolz: „Wir sparen Ressourcen und Energie und setzen klimafreundliche Maßnahmen vor allem in der Mobilität um. Das Fahrrad war unser ständiger Begleiter. Bei der Produktion einer Folge Blind ermittelt wurden rund 2.500 Kilometer geradelt und damit rund 2.700 kg an CO2-Emissionen vermieden.“ Und die Werbefilmproduktion DasRund verweist auf mehrere nachhaltig produzierte Spots für die Billa-Marke „Ja! Natürlich“.

2020 wurde die Richtlinie UZ 76 erstmalig überarbeitet. Ein erster Entwurf wurde im Herbst online zur Diskussion gestellt. Von Seiten des zuständigen Bundesministeriums Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) freut man sich über die „rege Teilnahme“: 22 Filmproduktionsfirmen hätten über 220 Kommentare und über 300 Bewertungen abgegeben. Das zeige, dass „Green Producing keine Nische, sondern die Zukunft (ist).“ Der aktuelle Richtlinienvorschlag, der vier Jahre lang Gültigkeit hat, umfasst mehrere zentrale Neuerungen. So wird nun etwa der Bezug von umweltzeichenzertifiziertem Strom gefordert. Die Kriterien für Dienstfahrten wurden präzisiert, und auch für die jeweilige Produktion selbst gibt es eine Reihe von adaptierten oder neuen Anforderungen: Das sogenannte Planet Placement soll gewährleisten, dass, wenn möglich, auch im Szenenbild oder in der Handlung Umweltthemen ihren Niederschlag finden. Die CO2-Emissionen sollen einem Monitoring unterworfen werden. Auch in den Bereichen Set, Mobilität, Catering und Unterkunft sind neue Nachhaltigkeitsmaßnahmen gefragt, und zwar, wie man beim BMK betont, „unter dem Gesichtspunkt einer praktikablen Umsetzung“.

Der ORF als größtes Medienunternehmen des Landes „mit gesellschaftlicher Verantwortung“ (Zitat) verweist darauf, bereits 2012 mit einem ersten Nachhaltigkeitsbericht sein Engagement in diese Richtung manifestiert zu haben. Der ORF bekennt sich dazu, nachhaltige Entwicklungsziele, die Sustainable Development Goals (SDGs) zu unterstützen, etwa bei den Themen hochwertige Bildung, Geschlechter-Gleichstellung und Klimaschutz. Zukünftig soll Green Producing im ORF eine immer größere Rolle spielen. Immerhin wurden inzwischen einzelne Sendungen von drei ORF-Landesstudios (Salzburg, Tirol und Vorarlberg) nach dem Umweltzeichen lizenziert.

Mit der Akademie des Österreichischen Films hat eine weitere wichtige Institution der heimischen Branche 2020 ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit (Stichwort #aoefgoinggreen) abgelegt. Die anfangs erwähnte Filmpreis-Jubiläumsgala im Jänner 2020 (Regie: Mirjam Unger, Szenenbild: Katharina Wöppermann) wurde mit dem Österreichischen Umweltzeichen als nachhaltige Kulturveranstaltung zertifiziert und im November 2020 im Rahmen des Wettbewerbs „nachhaltig gewinnen“ als „herausragende nachhaltige Kulturveranstaltung“ prämiert. Der Nachhaltigkeitspreis wird vom Netzwerk Green Events Austria ausgeschrieben. Die Jury begründete die Preisvergabe damit, dass der Österreichische Filmpreis ein Vorbild mit großer Breitenwirkung sei. Bei der Veranstaltung seien „viele Green-Event-Maßnahmen kreativ und innovativ umgesetzt“ worden. Antonia Prochaska, die Nachhaltigkeitsbeauftragte der Akademie, meinte erfreut: „Wir werden den Gewinn in weitere Nachhaltigkeits-Projekte der Akademie, beispielsweise Sharing Sustainability, investieren.“ Das gewonnene Wissen aus der erfolgreich abgewickelten „grünen“ Filmpreis-Gala wird zudem in einem Best Practice Paper mit anderen europäischen Filmakademien geteilt. Auch ihren Bürobetrieb will die Akademie des Österreichischen Films zunehmend nachhaltig gestalten.

Baustelle Kino

Ein in Österreich bisher viel zu wenig beachtetes Thema ist nachhaltiges Bewusstsein an dem Ort, an dem Filme an die Öffentlichkeit gebracht werden: im Kino. Es mag angesichts der Corona-bedingt langanhaltenden Schließung der Kinos „nicht so wichtig“ erscheinen, aber die wenig nachhaltige Praxis vor allem in den großen Kinocenters ist von der Debatte um Green Filming nicht abzukoppeln. Abgesehen von Einzelinitiativen (etwa der Möglichkeit zur Flaschenrückgabe im Wiener Gartenbaukino) ist hier noch viel Luft nach oben. Auch auf diesem Gebiet wird die Lower Austrian Film Commission ihrer Vorreiter-Rolle gerecht und wird in nächster Zeit ein Webinar mit Birgit Heidsiek, ihres Zeichens Beauftragte der deutschen Filmförderungsanstalt (FFA) für „Grünes Kino“ und verantwortlich für das von der FFA herausgegebene beispielhafte „Grüne Kinohandbuch“, veranstalten. Heidsiek verweist darauf, dass „Green Economy auch in der Kinobranche zunehmend ein Thema ist. Durch den Einsatz von Digitalprojektoren und den dafür erforderlichen Klimaanlagen ist der Stromverbrauch in vielen Häusern in die Höhe geschnellt. Doch Energieeffizienz ist nicht nur ein innerbetrieblicher Kostenfaktor. Im Zuge des gesellschaftlichen Diskurses über den Klimawandel gewinnen erneuerbare Energien in der Kinobranche an Bedeutung.“ Kinos könnten durch den schonenden Umgang mit Ressourcen aktiv einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Nachhaltigkeit im Kinogeschäft kann durch verschiedene Maßnahmen erfolgen. Wichtig seien vor allem Energieeffizienz-Maßnahmen im Gebäude und Kinobetrieb, der Einsatz von erneuerbaren Energien, ein nachhaltiges Concession-Angebot, Plastikverzicht und Abfalltrennung, und, so kann man ergänzen, langfristig wohl auch eine dementsprechende „Aufklärung“ des Kinopublikums.

Stichwort Webinar: Es gäbe in Österreich wohl weit weniger Wissen und vor allem Bewusstsein zum Thema Green Filming, würde nicht Philip Gassmann (siehe auch das Interview in „ray“ 11/18 und das Porträt im „ray“-Sonderheft „Green Filming“) seit einigen Jahren unermüdlich die Lande bereisen und mit einer beeindruckenden Mischung aus Top-Fachwissen und hohem Show-Faktor seine Seminare abhalten. In Corona-Zeiten kann man seine lehrreichen und unterhaltsamen Veranstaltungen nun online genießen, die Anmeldung ist ab sofort möglich. Unter anderem wird für alle Interessierten eine mehrtägige Basis-Ausbildung zum/zur Green Consultant angeboten.