Tricky Women

Filmfestival | Interview

Tricky Women ist und bleibt ein Statement

| Marie Ketzscher |
Von 10. bis 14. März feiert Tricky Women/Tricky Realities sein 20-jähriges Bestehen. Festivalleiterin Waltraud Grausgruber über die Genese des Festivals, die Relevanz von Filmfestivals von Frauen* heute und wie es ist, mit dem Sektglas im Zoom-Kästchen auf einen Festivalmeilenstein anzustoßen.

Reflektionen, die stroboskopartig minutenlang über die Leinwand flackern, comic-haft überzeichnete 2D-Parodien oder ein kleiner Junge, der dem König vom gewalttägigen Vater berichtet, als Cut-Out-Animation – Animationsfilme von Frauen* sind seit jeher vielseitig und drücken oft durch ihren prägnanten Stil Emotionen oder Inhalte ins Mark treffend aus. Mit Tricky Women/Tricky Realities haben Animationsfilme von Frauen* seit 2001 in Wien eine Heimat und laden das internationale Publikum ein, an ihr teilzuhaben. Sein 20-jähriges Bestehen muss das Festival nun pandemiebedingt von 10. bis 14. März im Netz feiern. Dass diese Virtualität dem Enthusiasmus keinen Abbruch tut, zeigt sich im Zoom-Gespräch mit Festivalleiterin Waltraud Grausgruber: Immer wieder gerät Grausgruber ins Schwärmen über einzelne Filmprojekte und trotzdem fast in Verlegenheit, als sie nach Programmhighlights gefragt wird – schließlich ist das ganze Programm für sie und ihr Team eine echte Herzensangelegenheit.

20 Jahre gibt es euch schon! Wie kamst du auf die Idee, Tricky Women ins Leben zu rufen?
Waltraud Grausgruber:
Tricky Women hat eine Vorgeschichte: 1992 habe ich mit Studienkolleginnen das Festival „Mörderinnen“ organisiert, eines der ersten seiner Art, denn damals gab es noch wenige Filmfestivals mit dem Fokus auf Filme von Frauen*. Zu den „Mörderinnen“ kamen danach weitere Frauenfilmfestivals mit verschiedensten thematischen Schwerpunkten. 1997 stieß Birgitt Wagner dazu (Anmerkung: Birgitt Wagner war bis 2020 Teil der Festivalleitung). Bei unseren damaligen Recherchen haben wir drei Videokassetten mit dem schönen Namen „Wayward Girls and Wicked Women“ gefunden, die Jayne Pilling kuratiert hatte. Die Kassetten waren für uns ein echtes Erweckungserlebnis durch die grandiosen Animationsfilme von Frauen, darunter Klassiker wie Girls Night Out von Joanna Quinn und Asparagus von Suzan Pitt. So etwas hatten wir in der Form noch nicht gesehen, auch wenn wir natürlich durch die Maria-Lassnig-Klasse Berührungspunkte mit dem Medium hatten. Aus dieser Erfahrung der Begeisterung heraus haben wir dann das erste Tricky Women-Festival organisiert. Und da der internationale Output an Animationsfilmen mit der Zeit immer größer und auch zugänglicher wurde, wurde aus einem ersten ein zweites Festival und aus dem biennalen ein jährliches, international beachtetes Animationsfilmfestival.

Inzwischen gibt es ja einige Festivals mit Frauenfokus, welche Relevanz hat „Tricky Women“ heute noch?
Waltraud Grausgruber: Tricky Women ist und bleibt ein Statement. Wir sind sofort mitten in der Diskussion – allein dadurch, dass wir existieren. Und mit uns rücken sofort die Themen Geschlechtergerechtigkeit, Fairness und Rollenbilder in den Fokus. Dabei ist es ganz egal, in welche Länder wir mit unseren Programmen reisen. Selbst in Norwegen, von dem man ja annehmen könnte, dass da die geschlechtergerechte Gesellschaft schon weiter umgesetzt sei, sind diese Themen weiterhin aktuell. Frau könnte auch sagen: So wie das Binnen-I polarisiert, so polarisieren auch wir, weil es eben auch bei uns um Sprache, (Rollen)Bilder und Präsenz geht.

Vielleicht muss man ja eben die Frage nach der Relevanz bei eurem Erfolg positiv umkehren und eher fragen: Worauf seid ihr stolz?
Waltraud Grausgruber: Uns war es zum Beispiel von Anfang an wichtig, dass Frauen für ihre Arbeit bezahlt werden sollen. Das gilt die Künstlerinnen und auch die Mitarbeiterinnen. Außerdem ist es uns gelungen, Animationsfilme in verschiedenen Zusammenhängen zu zeigen: bei Genderschulungen für die Beraterinnen beim Arbeitsamt zum Beispiel, beim Frauenservice, in Kooperation mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft, aber auch in der Albertina oder im Freud-Museum. Und bei solchen Veranstaltungen bleibt es dann in der Regel auch nicht bei der bloßen Filmvorführung, denn danach entstehen zumeist produktive Diskussionen in der Runde der Zuschauerinnen und Zuschauer. Das hängt auch ursächlich mit der Animation als Form zusammen, weil der Animationsfilm in aller Kürze Themen prägnant zugänglich macht. Solche Diskussionen zeigen mir, dass der Animationsfilm für Frauen etwas in der Gesellschaft bewegen kann. Und das befeuert auch meinen Enthusiasmus und meine Leidenschaft für Tricky Women und für die vielen tollen Filmemacherinnen, denen wir auch nach den Festivals immer in Kontakt bleiben. Und ja: Das macht uns auch stolz!

Was kann das Publium beim Jubiläumsprogramm von Tricky Women erwarten, und was ist das Herzstück des Programms?
Waltraud Grausgruber: Da gibt es so viel, dass ich kaum etwas herauspicken möchte, aber ich versuche es mal mit einer Orientierung im Programm: Neben den Internationalen Wettbewerben gibt es dieses Jahr sehr spannende Best-Practices-Vorträge, zum Beispiel von Marge Dean („Women in Animation“), Wilbirg Brainin-Donnenberg (FC Gloria) oder Rebecca Merlic, die versucht hat, in Japan den privaten in den öffentlichen Raum zu verschieben und diesen Versuch dokumentiert hat. Auch über die Masterclasses von Caroline Leaf (1979 für The Street oscarnominiert) und Signe Baumane (The Teat Beat of Sex und My Love Affair with Marriage) freue ich mich, da sie schließlich nicht nur Animationsfilmpionierinnen, sondern auch Festival-Wegbegleiterinnen sind. Ein besonderes Highlight sind neben dem Langfilm My Favourite War von Ilze Burkovska-Jacobsen auch die drei Geburtstagsprogramme, einmal von Amanda Barbour (Leiterin von FEM&IST Films in Melbourne), und zweimal von mir kuratiert. Programmübergreifend lässt sich sagen, dass es ein paar rote Fäden gibt: Übergänge, Zwischenräume, Zwischenwelten Ablösungen, Traum und Fantastisches, auch Emanzipation in Eltern-Kind Beziehungen, in Freund*innenschaft, und Liebschaften, natürlich auch Lustvolles, Musicals, Opern und viel Absurdes-Groteskes ziehen sich als Themen durch das Programm.

Wenn du sagst, dass es viel um Zwischenräume und Zwischenwelten geht, wie fühlst du dich dann damit, das Jubiläum in diesem großen virtuellen Raum zu feiern?
Waltraud Grausgruber: Uns war von Anfang klar, dass wir diese besondere Ausgabe nicht auf unbestimmte Zeit verschieben wollen – schließlich feiert man nur einmal 20jähriges Jubiläum! Insofern war die Entscheidung für den virtuellen Raum dann alternativlos. Aber natürlich ist das Raumerlebnis anders, und die Leute sind inzwischen vielleicht onlinemüde, sodass wir uns unweigerlich auch die Frage gestellt haben, wie wir den virtuellen Raum für alle gewinnbringend bespielen können. Einen Vorteil hat die Online-Variante jedenfalls: In diesem Jahr können Künstlerinnen aus der ganzen Welt teilnehmen und fast alle Programme können weltweit gesehen werden. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf die Resonanz und darauf, wie sich der Diskurs auch über das virtuelle Zeigen und Schauen von Filmen verändern wird. Eines ist und bleibt trotz dieser Online-Festivaledition aber absolut klar: Der Hauptort von Tricky Women/Tricky Realities bleibt das Kino und die persönliche Begegnung beim Filmschauen. Dahin wollen wir zurück.

Tricky Women/Tricky Realities findet von 10. bis 14. März online statt. Bis auf zwei Filmprogramme ist das gesamte Festivalprogramm weltweit ohne Geoblocking abrufbar. Die Programme sind jeweils für 48 Stunden online. Mehr Informationen zum Programm und zum Erwerb von Tickets auf www.trickywomen.at