Das war sie, die einwöchige Branchen-Berlinale als Online-Event. Ein Erfolg sicherlich, trotz allem, mit starken Filmen und einem überraschenden Goldenen Bären für Radu Jude.
Man gewöhnt sich an alles in dieser Pandemie, an Homeschooling, Zoom-Yoga, Heimkino, und, wenn es sein muss, auch an ein ganzes Filmfestival am Laptop. Aber ein bisschen schade und seltsam war es doch, ausgerechnet die Berlinale allein vor dem Bildschirm zu erleben – so ganz ohne Publikum, ohne das Getümmel von Filmfachleuten und Journalisten am Potsdamer Platz und schließlich auch ohne Preisverleihung. Zumindest vorläufig. Denn natürlich soll im Juni groß nachgefeiert werden, mit allem Drum und Dran. Und wenn es so weit ist, so viel steht nach dieser Woche fest, dann wird es ein rauschendes Fest im und vor allem auch für das Kino. Denn die Filme dieses zweigeteilten 71. Jahrgangs sind durch die Bank von bemerkenswert hoher Qualität und machen Vorfreude auf ein Kinojahr, das nicht nur einiges an Blockbustern nachzuholen hat, sondern auch im Arthouse- und Indie-Bereich sowie im Dokumentarfilm viel Neues, Tolles und Spannendes bereithält.
In erster Linie gilt das auch oder insbesondere für den deutschen Film, der sich in diesem Jahr zahlreich präsent und extrem sehenswert zeigt. Zwar hat es hinsichtlich der Preise am Ende „nur“ für zwei Silberne Bären gereicht, aber auch das ist im Berlinale-Durchschnitt keine schlechte Bilanz: Der Preis der Jury (eine neue Bezeichnung für den bisherigen Alfred-Bauer-Preis) ging heuer an Maria Speth für ihre Dokumentation Herr Bachmann und seine Klasse, wobei der Film durchaus auch das Potenzial für einen Golden Bären gehabt hätte. Denn wie die Regisseurin hier über das Verhältnis der Schüler einer 6. Klasse im hessischen Ort Stadtallendorf zu ihrem Lehrer berichtet, das ist so klug, so echt, so schön inszeniert, dass man auch nach den dreieinhalb Stunden die der Film dauert, gerne noch mehr Zeit mit dem 60-jährigen Pädagogen und seinen Kids verbracht hätte. Der Film zeige, heißt es in der Begründung der Jury, wie weit man es allein mit echtem Respekt, offenem Austausch und dem Zaubertrick bringen könne, in den Schülerinnen dund Schülern das Feuer der Leidenschaft durch Phantasie zu entfachen. Und dieses leise Feuer überträgt sich unmittelbar auch auf das Publikum, während Herr Bachmann mit seinen Kindern, die überwiegend aus Migrantenfamilien stammen, im Unterricht Musik macht, Rechnen und Lesen übt und ihnen dabei immer auch einen Blick auf und in das Leben vermittelt, in Freiheit und auf Augenhöhe.
Darüber hinaus wurde die Schauspielerin Maren Eggert für ihre Hauptrolle in Maria Schraders wundervoller Sci-Fi-Komödie Ich bin dein Mensch mit einem Silbernen Bären geehrt. Eggert spielt darin eine Frau, die sich unfreiwillig in einen androiden Roboter verliebt, der sich an ihren vermeintlichen Wünschen und Idealvorstellungen in Sachen Partner und Beziehung orientiert und die rational denkende Wissenschaftlerin damit zunehmend aus dem Gleichgewicht bringt.
Daneben hätte sicher auch der brillante Peter Kurth, der in Daniel Brühls Regiedebüt Nebenan einen so gerissenen wie rachsüchtigen Wendeverlierer spielt, eine Auszeichnung für seine schauspielerische Leistung verdient, sowie Dominik Graf den Regiepreis für seine Erich-Kästner-Verfilmung Fabian oder Der Gang vor die Hunde. Aber es sollte nicht sein. Die Jury vergab stattdessen einen Silbernen Bären an den ungarischen Filmemacher Dénes Nagy für seine Regie beim dem Anti-Kriegsfilm Natural Light, während Lilla Kizlinger für ihre Nebenrolle in Bence Fliegaufs Forest – I See You Everywhere mit dem in diesem Jahr erstmals genderneutral vergebenen zweiten Preis für die beste Darstellung geehrt wurde.
Die größte Überraschung war jedoch der Gewinner des Goldenen Bären dieser ungewöhnlichen 71. Berlinale, der an die grelle rumänische Satire Bad Luck Banging or Loony Porn von Radu Jude vergeben wurde. Mit seinem Setting im Corona-Sommer 2020 könnte der Film aktueller kaum sein, wenn auch die Geschichte über eine Lehrerin, die wegen eines ungewollt an die Öffentlichkeit geratenen privaten Sexvideos an den Pranger gestellt wird, viele der Kritikerinnen und Kritiker vor den Bildschirmen eher weniger überzeugte. Die als große Favoriten gehandelten Filme, zu denen die originelle deutsch-georgische Koproduktion Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? von Alexandre Koberidze sowie Petite Maman von Céline Sciamma gehörten, blieben dagegen von der Jury, der in diesem Jahr ausschließlich ehemalige Goldbären-Preisträgerinnen und -Preisträger angehörten, komplett unbeachtet. Vor allem im Fall von Koberidze ist das bedauernswert, wobei man dem Film neben einem Preis für seine magische, unberechenbare und zugleich meditative Erzählweise durchaus auch eine Vorstellung im Kino auf einer großen Leinwand gewünscht hätte. Um so größer wird die Begeisterung sein, wenn es im Juni endlich so weit ist.
Weitere Preise im Internationalen Wettbewerb gingen an den südkoreanische Berlinale-Veteranen Hong Sangsoo, der für das Drehbuch zu seinem neuen Film Introduction ausgezeichnet wurde, während der Große Preis der Jury nach Japan ging, an Wheel of Fortune and Fantasy von Ryusuke Hamaguchi, der in seinem dreiteiligen Episodenfilm die Verwerfungen der Liebe verhandelt. Der mexikanische Schnittmeister Yibrán Asuad wurde schließlich für die Montage der Netflix-Produktion A Cop Movie mit einem Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung geehrt.
In der zweiten Wettbewerbs-Sektion „Encounters“ vergab die Jury ihren Hauptpreis für den besten Film an die Dokumentation Nous von der französischen Filmemacherin Alice Diop, was die Stärke des dokumentarischen Films auf dieser Berlinale bezeugt. Der Spezialpreis der Jury ging derweil an den vietnamesischen Beitrag Taste von Le Bao aus Vietnam, und der Schweizer Ramon Zürcher wurde für Das Mädchen und die Spinne, eine träumerische Abhandlung über Veränderungen und Vergänglichkeit, mit dem Regiepreis ausgezeichnet.
Das Fehlen hochkarätiger Hollywood-Produktionen auf dieser einwöchigen Branchen-Berlinale kompensierte schließlich der Schotte Kevin Mcdonald mit seinem Justizdrama The Mauritanian, in dem Jodie Foster als verbissene Strafverteidigerin glänzt, die sich entschließt, einen seit vierzehn Jahren ohne Anklage in Guantanamo festsitzenden Häftling (Tahar Rahim) zu verteidigen. Im Rahmen der geplanten Sommer-Berlinale sollen dann endlich auch Azazel Jacobs‘ surreale schwarze Komödie French Exit mit Michelle Pfeiffer sowie die Buchbranchen-Komödie Best Sellers mit Michael Caine zu sehen sein – dann, wie gesagt, richtig mit Publikum und Stars auf dem roten Teppich. Auch das ein weiteres Festival-Highlight, auf das man sich angesichts der Fortsetzung im Juni hoffnungsvoll freuen kann.
