Eindrücke von den Dokumentarfilmen bei der 71. Berlinale
Bei der diesjährigen Online-Berlinale liefen rund 50 Dokumentarfilme in allen Sektionen. Leider wird der vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) mit 40.000 Euro dotierte Berlinale-Dokumentarfilmpreis erst im Juni vergeben. Martina Zöllner, die Doku-Chefin des rbb, stellt allerdings klar: „Der Preis und sein Anliegen, den Fokus auf künstlerisch besondere Dokumentarfilme zu legen und auf die Kraft des Genres aufmerksam zu machen, ist uns ungebrochen wichtig.“
Wie um dieses Statement zu bestätigen, gewannen beide Dokumentarfilme im Internationalen Wettbewerb Silberne Bären. Zu recht mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde Maria Speth für Herr Bachmann und seine Klasse. Im hessischen Stadtallendorf unterrichtet er sehr engagiert seine 6. Klasse, deren Schülerinnen und Schüler Wurzeln in vielen Ländern haben. Er diskutiert mit ihnen Fragen wie Heimat, Sexualität und Religion und setzt Musik als verbindendes Element ein. Sie erproben eine multikulturelle Gesellschaft mit gegenseitiger Achtung. Mit einer Länge von dreieinhalb Stunden lässt sich Maria Speth ausreichend Zeit, sodass auch das Publikum die Kinder kennenlernen und ins Herz schließen kann.
Warum die Berlinale jedoch Una pelicula de policias (A Cop Movie) von Alsonso Ruizpalcios als „dokumentarische Form“ kategorisiert hat, ist schwer nachzuvollziehen. Die Netflix-Produktion zeigt den Alltag der langjährigen Polizisten Teresa und Montoya in Mexiko-Stadt, die von Schauspielern dargestellt werden. Sie erzählen von ihrem Leben und ihrer Motivation, zur Polizei zu gehen. Als sich Teresa mit einem Motorclub anlegt, der von ihren Vorgesetzten geschützt wird, bekommt sie Ärger und wird so lange erniedrigt, bis sie zusammen mit Montoya kündigt. Der zweite Teil ist ein ‚Making of‘. Er zeigt die Schauspieler bei der Vorbereitung auf ihre Rollen. Sie besuchen die Polizeischule und treffen die beiden wirklichen Polizisten. Der Editor Yibrán Asuad wurde mit einem Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung ausgezeichnet.
Hart ins Gericht mit der israelischen Besatzungspolitik im Westjordanland und im Gaza-Streifen geht Avi Mograbi in The First 54 Years – An Abbreviated Manual for Military Operation. Er nutzt drei Stilmittel: seine eigenen Kommentare zur Strategie, die er direkt in die Kamera spricht. In Interviews mit ehemaligen Soldaten der Organisation ‚Breaking the Silence‘, die von ihren militärischen Erfahrungen in den seit 1967 besetzten Gebieten berichten, kommen ausnahmslos Männer zu Wort. Als drittes Stilmittel wird historisches Material von diesen Aktionen eingesetzt, das die alltägliche Willkür und Grausamkeit der Armee überdeutlich macht.
Aus der diametral entgegengesetzten Perspektive erzählt Aliaksei Paluyan in Courage von den Protesten in Weißrussland gegen das autoritäre System von Präsident Lukaschenko. Hunderttausende protestieren gewaltfrei für einen Machtwechsel in Belarus. Maryna, Pavel und Denis haben schon vor 15 Jahren das Staatstheater verlassen und das Belarus Free Theatre gegründet. Ihr aktuelles Stück handelt von verschwundenen Oppositionspolitikerinnen und -politikern. Sie müssen im Geheimen proben.
Ein starkes Stück deutsch-deutscher Geschichte erzählt Salar Ghazi in seinem schwarzweißen Dokumentarfilm In Bewegung bleiben über die Balletttruppe an der Komischen Oper in Ostberlin. Die junge Choreografin Birgit Scherzer feiert mit dem Stück „Keith“ im Januar 1988 ihren Durchbruch. Ein Jahr später sind sie und vier ihrer sieben Tänzer in den Westen geflüchtet. In intensiven Interviews, die mit statischer Kamera aufgenommen sind, rekonstruieren sie ihre Karrieren im Osten, die Überlegungen für die Flucht und die Repressalien der Staatsorgane der DDR. Die Zeitzeugen und ihre Geschichten sind so stark, dass sie den zweieinhalb Stunden langen Film mühelos tragen.
Zu den stärksten Dokumentarfilmen im Programm gehörte Taming the Garden der georgischen Filmemacherin Salomé Jasi. Es geht um die Macht, über hundert Jahre alte Bäume zu versetzen. Der Milliardär Bidsini Ivanishvili sammelt sie und ist in Georgien kein Unbekannter. Er gründete die Oppositionsbewegung Georgischer Traum und war 2012/13 für ein Jahr Regierungschef. Dieser Aspekt interessiert die Regisseurin überhaupt nicht. In ruhigen Bildern zeigt sie den Aufwand, der für die Verpflanzung der Bäume notwendig ist. Dafür müssen Bäume gefällt, Straßen gebaut und für den Schwertransport präpariert werden. Die großartigen Bilder von den Bäumen auf der Straße und auf dem Meer werden im Gedächtnis bleiben.
Die Bilder sind schockierend. Seehunde in kleinen Käfigen, Schwäne mit Öl verklebtem Gefieder, ein toter Delphin und ein riesiger gestrandeter Wal im Sterben. Doch längst versuchen Menschen, zum Beispiel in England und Irland, den Wildtieren zu helfen. Die dänische Regisseurin Robin Petré porträtiert sie in ihrem beobachtenden Dokumentarfilm From the Wild Sea. Hilfe ist notwendig, da durch die Klimaveränderungen die Stürme auf dem Atlantik stärker werden. Der Mensch schränkt Lebensräume immer weiter ein. Das Meer ist wichtiger Wirtschaftsraum auch für den globalen Transport, für riesige Windparks und Öl- und Gasförderung. Das hinterlässt Spuren bei den Tieren.
Um den indigenen Stamm der Yanomami geht es in The Last Forest von Luiz Bolognese, der zusammen mit dem Häuptling Davi Kapenawa Yanomami entwickelt wurde. Der Stamm lebt seit über tausend Jahren im Norden Brasiliens. Der Film zeigt Alltag, Riten und Mythen in aufwändig gedrehten Bildern, die die besondere Farbigkeit hervorheben und zum Teil inszeniert sind. Die Existenz der Yanomami ist einmal mehr gefährdet, weil Goldsucher Flüsse mit Quecksilber vergiften und Krankheiten einschleppen. Dies führte schon 1986 zu vielen Toten. Danach gab man ihnen Landrechte, die aber unter Bolsonaro gebrochen werden. Jetzt müssen sie wieder um ihr Land kämpfen.
Tina Turner hat eine bewegende Lebensgeschichte und hart gekämpft, um als Sängerin erfolgreich zu werden. Dan Lindsay und T. J. Martin zeichnen in Tina ihre Entwicklung nach von ersten Erfolgen als Queen des Rhythm & Blues bis zu ihren alle Rekorde brechenden Tourneen der achtziger Jahre. Obwohl sie nicht immer an ihre schwere Kindheit und die erniedrigende Ehe mit Ike Turner erinnert werden will, ist sie bereit, darüber zu sprechen. Der Film lebt ganz von ihrer Kraft und Dynamik.
