Frauen-Power im Korsett: In Joss Whedons neuer Serie müssen sich feministische Superheldinnen mit übernatürlichen Kräften gegen das viktorianische Patriarchat behaupten – mit gemischten Resultaten.
Es liegt etwas in der Luft, gleich zu Beginn. Etwas Gewaltiges. Die Wolken verdichten sich. Beunruhigung macht sich breit. Ist es ein Sturm, der aufzieht? Oder Schlimmeres? Zunächst ist es scheinbar nur ein Traum. Im Rückblick wird eine jenseitige Begegnung daraus, die das Leben einiger Frauen gehörig auf den Kopf stellt. Aber der düstere Himmel, der sich in der Eingangssequenz von The Nevers über einem viktorianischen London zuzieht, könnte ebenso gut als Metapher für die unangenehmen Umstände stehen, die Joss Whedon, den kreativen Kopf hinter der neuen HBO-Serie im vergangenen Jahr dazu gebracht haben, mitten in der Produktion aus dem Projekt auszusteigen. Immer lauter werdende Vorwürfe von Schauspielerinnen, die den Buffy-Erfinder des Machtmissbrauchs am Set der Horror-Fantasy-Serie sowie bei den Dreharbeiten zu Justice League beschuldigen, hatten sein Privatleben und (wenn auch nicht offiziell) die Arbeit an The Nevers schließlich derart überschattet, dass er sich im vergangenen November entschloss, das Zepter aus der Hand zu geben. Keine leichte Entscheidung sicherlich. Immerhin sollte die Serie für den Regisseur, Autor, Showrunner und Produzenten sein nächstes großes Abenteuer in Sachen Frauen-Power im Fernseh-Fantasy-Format werden, nachdem er mit einem ähnlichen Konzept bereits bei Buffy the Vampire Slayer gut gefahren war. Die Serie gilt nicht umsonst bis heute als Musterbeispiel für feministisch geprägte Popkultur.
Aber auch ohne dass Whedon seine Idee selbst zu Ende führen konnte, ist mit The Nevers eine Serie entstanden, die in erster Linie die Handschrift und den Enthusiasmus ihres Schöpfers in sich trägt. Ein übernatürliches Ereignis dient als Auslöser für eine Show, die neben zentralen starken Frauenfiguren und einer hervorragenden Besetzung auch die spannende Prämisse zelebriert, dass Historiendrama, Science-Fiction, Phantasie und Humor sich nicht zwangsweise ausschließen oder aneinander reiben müssen. Frauen in Korsetts oder in Lumpen, unabhängig von Alter oder Stand, entdecken plötzlich ungeahnte Fähigkeiten an sich, die sie nicht einzuordnen wissen. Ein Mädchen, das aus dem Stegreif alle Sprachen der Welt auf einmal spricht, oder eine Verkäuferin, die mit ihren Fingerspitzen alles zum Schweben bringt, gehören in der Hinsicht noch zu den harmlosen Varianten. Manche können mit der bloßen Hand Feuerbälle erzeugen, andere vermögen in die Zukunft zu sehen. Doch die Welt, in der sie leben, ist noch lange nicht reif für derart eigenwillige, sonderbegabte Frauengestalten, und so müssen sich die „Berührten“ hinter den Mauern eines altern Waisenhauses verstecken, das von zwei gleichgesinnten Damen mit großer Hingabe und Entschlossenheit geführt wird.
Die seltsam hellsichtige und extrem schlagfertige Witwe Amalia True und ihre nicht weniger kompetente Komplizin Penance Adair, die Kutschen in E-Mobile verwandelt und auch sonst ein gutes Händchen für Elektrizität beweist, haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Außenseiterinnen ein Heim und neue Hoffnung auf ein respektiertes Dasein in solidarischer Gemeinschaft zu geben. Als feministisches Superheldinnen-Duo kämpfen sie gegen eine patriarchische Gesellschaft, die auf klaren Machtverhältnissen beruht und mit dem Anderssein, vor allem im Hinblick auf das weibliche Geschlecht, noch immer seine Probleme hat. Aber damit nicht genug. Auch in den eigenen Reihen gibt es Übeltäterinnen wie die verbissene Maladie (Amy Manson), die auf Rache sinnt und das Leid, das ihr selbst zugefügt wurde, mit Schmerz und Mord zu vergelten gedenkt. Und so müssen die beiden Anführerinnen dieser neuen ungewöhnlichen Frauenbewegung einige Tricks mehr auffahren, um die Gefahren von allem Seiten abzuwenden und sehen sich, es dauert nicht lang, bald vor die Aufgabe gestellt, gleich die ganze Welt retten zu müssen.
Die irischen Schauspielerinnen Laura Donnelly und Ann Skelly, die hier als kühne Kriegerinnen für die Gerechtigkeit agieren, bilden nicht nur den narrativen Kern, nein, sie sind das ganze Herz und Blut der Serie, die leider ein paar Mal zu oft ihren Plot aus den Augen und damit auch an Spannung verliert – immer dann, wenn die Macher sich mal wieder zu sehr der eigenen Begeisterung für die phantasievolle Ausstattung hingeben oder ihnen der ambitionierte Genremix, den sie sich vorgenommen haben, ganz und gar über den Kopf wächst. Dann bleibt es an den zwei hervorragenden Darstellerinnen, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen und in die richtige Richtung zu lenken, und es ist oft allein der hervorragenden Chemie zwischen den beiden zu verdanken sowie ihrem sichtlich großen Spaß an der Sache, dass ihnen dieser Kraftakt immer wieder mehr oder weniger gelingt.
The Nevers, soviel steht zumindest nach vier gesichteten Folgen fest, erzählt seine Geschichte mit Leidenschaft und Elan. Und auch wenn das Ergebnis insgesamt unzureichend ausfällt, kann man immerhin starke und aufregende Schauspielerinnen bei der Arbeit beobachten und die gutgemeinte Ambition hinterfragen, mit der Whedon und seine Nachfolge-Showrunnerin Philippa Goslett hier ans Werk gegangen sind. Denn auch inhaltlich hat man es letztlich versäumt, „Diversity“ bei aller Zukunftsgewandtheit tatsächlich als Chance zu begreifen und setzt stattdessen beharrlich auf gut gemeinte Klischees, die im schlimmsten Fall unfreiwillig ins Negative abgleiten. Ob sich das Blatt zum Ende hin noch wenden kann, ist fraglich. Aber wer weiß, vielleicht hat Goslett noch den ein oder anderen Trumpf im Ärmel, um den durchaus ehrenwerten Superheldinnen mit ihren übernatürlichen Kräften zu einem gebührenden Finale zu verhelfen.
