Mare of Easttown

Miniserie | Mare of Easttown

Kein einfacher Fall

| Pamela Jahn |
Kate Winslet macht es sich nicht leicht. Ihr Auftritt als hartnäckige Polizistin in der HBO-Miniserie „Mare of Easttown“ ist ein Kraftakt – im besten Sinne des Wortes.

Sie ist verbissen, verbohrt und verdammt stolz. Dickköpfig auch. Und taktlos. Vor allem, wenn sie wütend ist oder verletzt – nicht selten kommt bei ihr sowieso alles zusammen. Mare Sheehan (Kate Winslet), so kann man es auch sagen, ist wie die Stadt, aus der sie stammt: Ganz schön geprellt, ramponiert und von schweren Zeiten gezeichnet, aber nicht ohne Herz und längst nicht klein- oder gar totzukriegen. Es ist ihr Starrsinn und ein tiefer Bund, der die Menschen in Easttown, Pennsylvania, aufrechthält und das Leben in dem heruntergewirtschafteten Städtchen weiterhin erträglich macht. Jeder kennt jeden, man hilft einander, die Gemeinschaft hält zusammen. Was bleibt einem auch sonst übrig? Erst kam die Rezession, dann besorgte die Opioid-Krise den Rest. Seitdem kämpfen die Hinterbliebenen mit den Nachwirkungen, und die sind bisweilen nicht weniger schmerzlich und bitter.

Mare Sheehan hat es dabei, zumindest von außen betrachtet, eigentlich noch ganz gut getroffen. Sie ist die Kriminalbeamtin im Ort – ein Job, der sich angesichts der vorliegenden Verbrechensrate nicht so leicht wegrationalisieren lässt. Diebstahl, Raub, Voyeurismus stehen bei ihr auf der Tagesordnung. Oft melden sich die Betroffenen sogar lieber direkt bei ihr, statt die offizielle Notrufnummer zu wählen. Man vertraut Mare, hat Respekt und vielleicht immer auch ein bisschen Angst vor ihr. Aber es gibt einen Fall, der an der Kleinstadtdetektivin nagt und zunehmend für schlechte Stimmung bei den Anwohnern sorgt: Seit über einem Jahr wird Katie Bailey vermisst, eine Teenagerin und die Tochter von Mares ehemaliger Schulkameradin Dawn, die, ähnlich wie Frances McDomands verzweifelt kämpfende Mutter in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, entschlossen ist, der Polizei keine ruhige Minute zu gönnen, bis ihr Kind nicht gefunden ist. Dazu wird eines Morgens die Leiche einer jungen Mutter im Wald entdeckt, und Mare steht unter Druck, schnellstmöglich beide Verbrechen gleichzeitig zu lösen. Zu allem Übel wird ihr mit Colin Zabel (Evan Peters) unverhofft ein rüstiger Kollege aus dem Landkreis an die Seite gestellt, der sie bei den Ermittlungen unterstützen soll.

Allerdings ist Mare weder im Berufsleben noch privat der Mensch für Smalltalk und soziale Kompetenz. Überhaupt fällt es ihr schwer, außerhalb des Verhörzimmers irgendein Gespräch zu führen, das nicht zwangsläufig im Streit oder in einem Desaster endet. Zuhause hat man gelernt, damit umzugehen: Ihre Mutter Helen (Jean Smart) kontert genüsslich, Tochter Siobhan (Angourie Rice) hat ihre eigenen Teenage-Probleme, und selbst ihr Ex-Mann Frank, der frisch verlobt nebenan wohnt, weiß sich mittlerweile gegen Mares unverblümte, oft überstürzend verletzende Direktheit zu schützen. Neue Männerbekanntschaften wie der Eintags-Erfolgsautor Richard (Guy Pearce) müssen sich in der Hinsicht erst noch mit ihr arrangieren. Vor allem aber müssen sie alle die eine große Tatsache akzeptieren, dass Mare ihre Arbeit über alles geht. Immer. Ohne Ausnahme. Ohne Kompromiss.

Es ist die eine Sache, an der sich Mare festhält, während ihr das eigene Leben immer mehr zu entgleiten droht. Und es ist die entscheidende Gemeinsamkeit zwischen der Polizistin und der Frau, die sie verkörpert: Kate Winslet spielt Mare nicht nur, in manchen Momenten legt sie so viel Kraft und Überzeugung in die Figur, dass es einem fast ungeheuer wird. Denn mehr noch als die Britin äußerlich den starken Akzent meistert, den man in Easttown ungeniert spricht, legt sie auch ihre ganze emotionale Wucht in das, was Mare im Inneren beschäftigt: Die Krankheit, die Sucht und der Tod ihres Sohnes, der sich vor nicht allzu langer Zeit das Leben genommen hat, sowie das Sorgerecht für ihren vierjährigen Enkel, der das Einzige ist, was ihr jetzt noch von ihm bleibt. Auch die Beziehung zu ihrem verstorbenen Vater ist eine offene Wunde, die nicht heilen will. Für ihn ist sie geworden, was sie heute ist – und Winslet lässt keine Zweifel aufkommen, dass sie alles dafür tut, zu zeigen, was es heißt, diese unwiederbringlich gebrochene, unermüdlich mit sich und der Welt ringende Frau zu sein.

Für die Schauspielerin ist es die zweite große Fernsehrolle nach ihrem beeindruckenden Auftritt als Mildred Pierce in dem gleichnamigen Fünfteiler von Todd Haynes vor zehn Jahren. Damals wurde sie für ihre famose Darstellung einer Mutter, die sich darum bemüht, ihre Familie durch die Große Depression der dreißiger Jahre zu bringen, mit einem Emmy als beste Hauptdarstellerin geehrt. Mare of Easttown, entwickelt von dem Autor und Showrunner Brad Ingelsby, ist jedoch ein ganz anderes Biest: Anstatt der aufregenden, fast verträumt surrealen Arthouse-Ästhetik, mit der Haynes seine Hauptdarstellerin auch im Kleinbildformat ganz groß herausbrachte, verlässt sich Regisseur Craig Zobel hier ganz und gar auf die rohe Macht des Genres, in dem er sich bewegt. Trübe Farben, verregnete Straßen, Kälte und Düsterkeit bestimmen die Atmosphäre. Die Stadt, das Wetter, die Menschen, all das wird zum Barometer für eine allgemein mürrische, gereizte Stimmungslage – und die verschlechtert sich nochmal, als ein drittes Mädchen aus der Gegend verschwindet.

Das Grausame, das hier wirkt, die Vergangenheit der Figuren und ihre Beziehungen zueinander, erfährt man zumeist aus Gesprächen, die sich unvermittelt in die Handlung eingliedern. Nicht wie Anweisungen oder Erklärungen, eher fügen sie sich organisch in einen narrativen Strom, der Folge um Folge immer etwas enger, tiefer und vertrackter wird. Die Kriminalgeschichte, die Mare of Easttown erzählt, ist keine besondere, und doch ist die Charakterstudie, die sich hier behutsam vor unseren Augen entfaltet, von einer leisen Kunstfertigkeit geprägt. Präzise und entschlossen bewegt sich das Drehbuch auf die diversen Enthüllungen hin, jedoch ohne viel Wind zu machen, weder mit übermäßiger Action noch mit ausgeklügelter Kamera oder aufwendiger Botschaft, dafür mit hervorragenden Cliffhangern und einem innigen, subtil humorvollen Mitgefühl, das die Tragödie letztlich nur umso deutlicher zum Vorschein bringt. Was Ingelsby und Zobel trotz einiger tonaler Ungereimtheiten in ihrem ersten gemeinsamen Serienformat auf die Beine stellen, ist handwerklich gut gemacht, und das ist schon etwas. Zudem stellt ihre Serie mehr Fragen, als sie Antworten gibt, und das ist viel. Die Fäden, so klar und deutlich sie zum Ende hin zusammenlaufen, bilden trotz allem kein geordnetes Muster. Vieles bleibt verworren und schwierig, einiges für immer verloren.

Insofern ist Mare of Easttown, authentisch, realistisch und ehrlich wie das Leben selbst. Ihre wahre Stärke gewinnt die Serie jedoch ganz konkret aus der darstellerischen Feinarbeit, die Winslet hier einmal mehr leistet und die sieben Episoden mit Intensität und Tiefgründigkeit zu einem filmischen Ereignis macht. Nicht umsonst war sie im Laufe ihrer Karriere bereits sieben Mal für einen Oscar nominiert und hat ihn für ihre Hauptrolle in Stephen Daldrys Schlink-Verfilmung Der Vorleser gewonnen. Nicht umsonst ist sie einige der Wenigen, die bis auf einen Tony Award sowieso jede der hochkarätigen Auszeichnungen der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie erhalten hat. Und doch hat man das Gefühl, in Mare of Easttown immer wieder auch eine andere, wenn gleichwohl bemerkenswerte Schauspielerin zu sehen. Was sie zuvor in ihren besten Rollen (von Titanic und Eternal Sunshine of the Spotless Mind über Revolutionary Road bis hin zu Steve Jobs und unlängst Ammonite) insbesondere mit physischer und emotionaler Beherrschtheit zum Ausdruck zu bringen vermochte – das innere Chaos, die eigene Brüchigkeit sowie die schmerzliche Gewissheit, den eigentlichen Sinn ihres Lebens aus den Augen verloren zu haben –, all das transportiert sie diesmal in einer explosiven Mischung aus aufflackernden Selbstzweifeln, Unsicherheiten und folgenschweren Kurzschlusshandlungen, die ihr kühnes Spiel zu einer einzigen gefühlsmäßigen Kraftanstrengung machen. Für jeden durchschnittlichen Menschen wären Mares Alltag, ihr Vorgehen und ihr Auftreten eine einzige Zumutung. Der ganz normale Ausnahmezustand wird es, wenn man Kate Winslet heißt.