Eines der Highlights 2021 ist sicherlich die Rückkehr von Heiner Goebbels auf die Wiener Bühne nach mehr als zehnjähriger Abwesenheit. In Liberté d’action erkundet er mit vielfältigen sprachlichen, stimmlichen, musikalischen und szenischen Mitteln Grundfragen der Autonomie und Abhängigkeit. Der Schauspieler David Bennent verleiht dem Text des Poeten und Malers Henri Michaux eine enorme Präsenz, unterstützt durch die klangliche Wucht von Ueli Wiget und Hermann Kretzschmar, den Pianisten des Ensemble Modern. Bei René Pollesch, einem weiteren großen Namen der deutschsprachigen Theaterlandschaft, stehen wie immer die Schauspielerinnen und Schauspieler im Mittelpunkt seiner Inszenierungskunst. Diesmal ist sogar das Stück nach einer der Hauptdarstellerinnen benannt: Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer spürt mit Hilfe eines Tanzchors den Absurditäten des modernen Lebens nach. Auf ganz andere Weise gesellschaftskritisch sind die Texte Bertolt Brechts (1898–1956). In den 1930er Jahren wurde sein agitatorisches Lehrstück Die Mutter noch als plumpe Propaganda rezensiert, in der Inszenierung der New Yorker Wooster Group (Weltpremiere) wird der Text, der anhand der Entwicklung einer Analphabetin zur Revolutionärin die heute immer drängendere Frage der Verteilungsgerechtigkeit behandelt, zu neuem Leben erweckt.
Gleich in drei Stücken geht es um zentrale Fragen von Handlungsmacht, Moral und Gerechtigkeit: Die interaktive Performance Letters from Attica lädt das Publikum ein, das seine dazu beizutragen, dass die Briefe von Sam Melville, der in den siebziger Jahren im Hochsicherheitsgefängnis Attica im Zuge eines Aufstands gegen menschenunwürdige Haftbedingungen getötet wurde, ihr Ziel erreichen. Als Teil der „Trilogie der Ungleichheit“ erzählt Hope, Faith and Charity, mit Laien und Profis besetzt, vom Kampf verschiedener Randgruppen um Würde und Solidarität in einem britischen Community Center. Ob man einen gefangenen Faschisten töten darf oder nicht, das ist die zentrale Frage des portugiesischen Stücks Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten. Das brillante psychologische Familiendrama untersucht das uralte moralische Problem, wie weit man im Namen der Gerechtigkeit gehen darf.
Natürlich locken neben den vielen Theater-Events auch Crossover-Projekte aus den Bereichen Musik, Tanz oder Ausstellung, und sogar eine Performance-Kunstrede über das bedingungslose Grundeinkommen kann man sich – bei freiem Eintritt – zu Gemüte führen. Auch das Corona-Jahr hat deutliche Spuren im Programm hinterlassen. Die Festwochen-Auftragsarbeiten Danse Macabre und Echoic Choir beschäftigen sich mit den körperlichen und psychologischen Auswirkungen der Pandemie. Und wohl noch nie hat sich das Publikum so sehr auf Wiener Festwochen mit physischer Präsenz gefreut wie heuer.
