kajillionaire

Filmkritik

Kajillionaire

| Pamela Jahn |

Die gute Nachricht zuerst: Dieser Film verzichtet auf sprechende Katzen, Kindersex und schwer bis heftig durchgeknallte Paare. Und das Beste: Kajillionaire ist Miranda Julys bisher unskurrilster Film, was noch lange nicht heißt, dass irgendetwas normal ist an der Geschichte, die er erzählt. Das fängt bereits bei dem Namen an, den die Trickster Theresa (Debra
Winger) und Robert (Richard Jenkins) ihrer Tochter gegeben haben. Old Dolio (Evan Rachel Wood) heißt die verstockte 26-Jährige, benannt nach einem Obdachlosen, der einst beim Lotto gewann. Wohl wissend, dass ihnen ein ähnliches Glück jedoch vermutlich vorenthalten bleibt, wurde Old Dolio von ihren Eltern darauf trainiert, aus jeder Gelegenheit einen Gewinn zu schlagen, Betrug, Diebstahl und Fälschung eingeschlossen. Und trotzdem haben die drei Mühe, sich in ihrem durchgetakteten Alltag über Wasser zu halten. Mit der Miete für die abgewetzten Büroräume einer Schaumfabrik, in der sie sich häuslich eingerichtet haben, sind sie schon seit Monaten im Rückstand und auch sonst fehlt ihnen der große Coup, der sie von einem Leben an der Existenzgrenze befreien könnte. Stattdessen läuft ihnen bei einer ihrer ausgeklügelten Gaunereien die scheinbar unschuldige Melanie (Gina Rodriguez) in die Arme und bringt damit die verquere Familiendynamik schließlich komplett aus dem Gleichgewicht.

Miranda July hat gut daran getan, sich diesmal ganz auf die Arbeit hinter der Kamera zu konzentrieren, ohne selbst eine Rolle zu übernehmen, und dafür lieber eine exzellente Besetzung für ihre herrlich dysfunktionale Schwindler-Familie zu finden. Es schärft ihren klugen Blick auf die Figuren, mit dem die Regisseurin und Multimediakünstlerin bereits in ihrem Debüt Me and You and Everyone We Know selbst Skeptiker ihrer quirlig verschrobenen Art überzeugen konnte. Vor allem Wood ist großartig als tickende Zeitbombe aus Liebesentzug und Repression, in sich gekehrt und eingeschlossen hinter einem Vorhang aus dichten langen Haaren. Wingers Theresa geht ihrer Tochter gegenüber ebenso sparsam mit ihren Gefühlen um wie mit dem mühsam zusammengeklauten Familieneinkommen, während sie Melanie zu Old Delios Verdruss mehr als nur ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Und Jenkins darf nach The Shape of Water einmal mehr beweisen, dass er einfach ein wundervoller Schauspieler für alle Fälle ist, wie schräg oder ungewöhnlich sie auch sein mögen.