Zum zweiten Mal findet das Netzhaut Ton Film Festival in Wiener Neustadt, genauer gesagt, im Bürgermeistergarten vor dem Museum St. Peter an der Sperr und im Kino im Stadttheater, statt. Ein Gespräch mit Astrid Heubrandtner, die auch heuer das Filmprogramm kuratiert hat.
Auch im zweiten Jahr seines Bestehens überzeugt das Festival mit einer Mischung aus qualitativ hochwertiger österreichischer Musik (Voodoo Jürgens, Die Strottern u.v.a.), europäischem Arthouse-Kino und lauschigem Bürgermeistergarten-Ambiente. Die für die filmische Programmauswahl zuständige Astrid Heubrandtner hat sich bisher in der Branche eher als Kamerafrau (Eine von acht), Regisseurin (Mein Haus stand in Sulukule) oder als Obfrau des Kameraverbandes AAC einen Namen gemacht. Im Interview spricht sie über Wechselwirkungen im Kopf des Zuschauers, warum ein interessantes Thema noch keinen guten Film ausmacht und den Hintergrund des heurigen Festivalmottos „Unverwüstliche Zerbrechlichkeit“.
Das ist jetzt das zweite Jahr, in dem Sie für die Programmierung des Netzhaut Festivals zuständig sind. Wie kam es dazu, das ist ja normalerweise nicht Ihr Metier?
Astrid Heubrandtner: Nein überhaupt nicht. Aber ich war sofort begeistert, als mich die Organisatoren Fabian Eder und Katharina Stemberger, die ich beide schon länger beruflich kenne, letztes Jahr gefragt haben, ob ich mir das vorstellen kann. Da wurde mir auch das erste Mal klar, dass das Kuratieren schon ein sehr spannender Job ist, dass es auch ein Privileg ist, sich so viele Filme sozusagen beruflich anschauen zu können, aber auch durchaus eine Herausforderung. Kurz vor diesem Angebot habe ich relativ wenig gesehen, das war fast wie ein Zeichen, sich jetzt wieder stärker mit Filmen zu beschäftigen, und das hab ich auch sehr genossen.
Wie haben Sie dann ganz konkret aus der Unzahl an Möglichkeiten ausgewählt? Was waren Ihre ganz persönlichen Kriterien?
Bei einigen Festivals war ich in der Jury, in Ostende zum Beispiel, auch durch die Sichtung für den Award der Imago, der Vereinigung der europäischen Kameraleute, habe ich viele interessante Filme entdeckt. Die Europäische Filmakademie war ebenfalls eine gute Quelle für mich. Zusätzlich habe ich noch meine internationalen Kontakte in der Branche genützt, um mir ganz private Tipps aus einigen Ländern zu holen. Österreichische Produktionen waren natürlich auch ein Thema, aber wir hatten von Anfang an die Prämisse, dass das Herkunftsland der Filme kein Auswahlkriterium sein sollte. Wenn etwas Einheimisches dabei ist, das ins Programm passt, umso besser, aber es gibt da keine Quote. Nachdem wir auch nicht so wahninnig viele Filme zeigen, ist da relativ schnell ein Pool an Filmen da, die alle absolut sehenswert sind. Die Anzahl der Filme wurde nur deswegen um zwei reduziert, weil wir einfach nicht wollten, dass Filme parallel laufen.
Wie hat sich das innovative Konzept, als durchgehendes Programmmerkmal einen Spielfilm und eine Dokumentation zu einem Thema zu zeigen, entwickelt?
Es hat mich schon immer interessiert, wie zwei unterschiedliche Formen – und das sind Dokumentar- und Spielfilm, obwohl es gerade heute immer mehr Mischungen aus beiden Bereichen gibt -, dasselbe Thema mit ihren jeweiligen Stärken unterschiedlich beleuchten können. Ich finde es stimmig und interessant, wenn sich durch das Sehen von zwei Filmen möglichst knapp nacheinander ein vielleicht noch größerer Denk- und Erlebnisraum öffnet. Natürlich sind sie unabhängig voneinander gedreht worden, aber können vielleicht trotzdem in eine Art Wechselwirkung treten, zumindest im Kopf des Zuschauers. Ein wichtiger Teil des Konzepts sind auch die Gespräche mit den Filmschaffenden und Experten zu den Themen nach den Filmen.
Haben Sie sich vorher die Themen überlegt und danach die Filme ausgesucht oder eher umgekehrt?
Die Themen haben sich ganz eindeutig aus den Filmen her entwickelt, in ziemlich organischer Weise zum Glück. Erstaunlicherweise ist es auch so, dass in einem bestimmten Filmjahr doch einige Themenkomplexe gut den Zeitgeist widerspiegeln, zumindest meiner Erfahrung nach. Aber natürlich bleibt das Ganze eine subjektive Auswahl, bei der im Vordergrund steht, welche Filme mich persönlich am meisten fesseln und berühren. Das müssen nicht immer solche zu Themen sein, die mich sowieso interessieren, wo ich vielleicht schon einiges weiß drüber, es ist für mich oft sehr spannend, neues zu erfahren, ein neues Thema überhaupt durch einen Film erst zu entdecken. Die formale Gestaltung ist auch ein Kriterium, keine Frage, ein interessantes Thema allein macht noch keinen guten Film aus.
Wollen Sie dem Publikum einen Film besonders ans Herz legen?
Das ist natürlich schwierig, weil mir jeder einzelne sehr wichtig ist. Das Konzept mit dem imaginären Dialog von Dokumentar- und Spielfilm wird besonders in den zwei Werken Father und My Dear Mother deutlich. In der Dokumentation geht es um einen mittellosen serbischen Vater, dem die Kinder vom Sozialamt weggenommen werden. Im Spielfilm wird aus der Sicht einer Jugendlichen erzählt, die bei einer Pflegefamilie aufwächst und damit klar kommen muss, dass ihre totgeglaubte Mutter eines Tages in ihr Leben tritt.
Der Dokumentarfilm Self Portrait ist für mich ein ganz starkes, berührendes Werk, das manchmal schwer zu ertragen ist in seiner Direktheit, aber unbedingt sehenswert. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die mit zwölf Jahren aufgehört hat zu essen, später Fotos von sich selbst gemacht hat und sich so künstlerisch betätigt hat. Dieser fotografische Aspekt steht mir natürlich nahe, aber beim Thema Bulimie kenne ich mich kaum aus. Die Regisseure haben den Kampf dieser trotz ihrer äußerlichen Zerbrechlichkeit sehr starken Frau und ihres nächsten Umfelds Jahrelang verfolgt bis hin zur künstlichen Ernährung im Krankenhaus. Wegen dieses Films ist Fabian Eder auch auf das Motto des diesjährigen Festivals gekommen: unverwüstliche Zerbrechlichkeit.
