Filmpreis

Schritt nach vorn

| Pamela Jahn |
Der Nachwuchspreis „First Steps“ ist die bedeutendste Auszeichnung für Abschlussarbeiten von Absolventinnen und Absolventen deutschsprachiger Filmschulen. Vier Beiträge aus Österreich waren in diesem Jahr nominiert, darunter einer der Gewinnerfilme.

Frei sein, ein bisschen leben. Mehr wolle er nicht, beteuert Muhammed (Zaman Kahn Shahin) immer wieder. Die Frage, warum er aus Afghanistan nach Österreich geflüchtet ist, setzt ihm jedoch deutlich mehr zu, als er nach außen zugeben will. Er wirkt nachdenklich, verschlossen, nachts plagen ihn Alpträume. Im Dunkeln holt ihn der wahre Grund für seine Flucht aus der Heimat ein und der in Wien lebende türkische Regisseur und Drehbuchautor Fatih Gürsoy nimmt sich in seinem Film Neverinland viel Zeit, uns das Schicksal und den inneren Kampf seines Protagonisten mit der eigenen wahren Identität näher zu bringen. Mohammed ist neben Ali (Alireza Noduschani), Fill (Mflinge Nyalsui) und Hasan (Barış Bilen) einer der vier Asylbewerber, die in Gürsoys Erstling eine Hauptrolle spielen. Jeder für sich und alle gemeinsam suchen sie einen Platz in dieser Welt, warten, hoffen, beten, haben Angst vor der endgültigen Abschiebung und versuchen trotzdem, auch Spaß zu haben und Boden unter den Füßen zu gewinnen. Ein bisschen leben, frei sein, so gut es eben geht.

In knappen, klug und aufmerksam erzählten 45 Minuten gibt Neverinland auf eindringliche Weise Einblick in den Alltag dieser vier Männer, die sich in einem Asylantenheim ein Zimmer teilen. Der Jury von „First Steps“ war dies in diesem Jahr den Preis für den besten mittellangen Spielfilm wert. Vergeben wurden die Awards auf dem Holzmarkt am Spreeufer in Berlin. Basierend auf einer privaten Initiative von Bernd Eichinger und seinem Produzentenfreund Nico Hofmann, findet der Wettbewerb seit über 20 Jahren statt, um die jungen Filmschaffenden bei ihren ersten Schritten zu unterstützen. Florian Gallenberger und Vanessa Jopp gehörten 2000 zu den ersten Ausgezeichneten, ein Jahr später wurde Hans Weingartner für Das weiße Rauschen (2001) ausgezeichnet, bevor er mit Die fetten Jahre sind vorbei (2004) in Cannes Premiere feierte. Auch Ina Weisse (Das Vorspiel), Valeska Grisebach (Western) und Nora Fingscheidt (Systemsprenger) konnten im Rahmen des renommierten Nachwuchspreises ihre ersten Erfolge erzielen. Im vergangen Jahr erhielt Sandra Wollner für The Trouble with Being Born den Preis für den besten abendfüllenden Spielfilm, während 2019 Faraz Shariat mit seinem hervorragenden Erstling Futur Drei nicht nur die „First Steps“-Jury in helle Euphorie versetzte, sondern darüber hinaus zu einem großen Festival-Liebling avancierte.

Zwar lassen sich mit Adrian Goiginger (Die beste aller Welten), Philipp Fussenegger (Henry) und dem Vienna Blood-Regisseur Umut Dağ immer wieder auch Österreicher unter den bisher ausgezeichneten Filmschaffenden finden. Aber in diesem Jahr standen die Chancen für den an heimischen Filmhochschulen ausgebildeten Nachwuchs besonders gut. Neben Gürsoy waren auch die Wiener Filmakademie-Absolventen Jannis Lenz mit dem Dokumentarfilm Soldat Ahmet und Paul Ploberger mit seiner absurden Komödie Naked Men in the Woods nominiert. Darüber hinaus konkurrierte der 23-jährige Tiroler Christoph Amort mit seinem Dreiminüter Be Unbreakable um den Preis für den besten Werbefilm.

Vor allem Lenz hätte man ebenfalls eine Auszeichnung gewünscht. Soldat Ahmet ist das schmale, für einen Erstlingsfilm bemerkenswert selbstsichere Porträt eines junges Mannes, der zwar seine Rolle im Leben gefunden zu haben scheint, aber noch nicht seine Gefühle. Mit der Dokumentation, die vor kurzem auf dem Visions du Réel Festival in Nyon seine Premiere erlebte, ist dem 38-jährigen Regisseur ein Film gelungen, der nachhaltig wirkt und das Potenzial zeigt, das in dem Filmemacher steckt. Der Preis für die beste Dokumentation ging dagegen an Mein Vietnam von Tim Ellrich und Hien Mai, zwei Absolventen der Filmakademie Baden-Württemberg.

Als bester abendfüllender Spielfilm wurde Schattenstunde von Benjamin Martins ausgezeichnet, der von den letzten Stunden des christlichen Schriftstellers Jochen Klepper und seiner Frau und Tochter, die im nationalsozialistisch regierten Deutschland nur noch den Selbstmord als Ausweg sieht. Der Preis war in diesem Jahr mit 20.000 Euro dotiert, während Gürsoy sich über 12.000 Euro freuen darf.

www.firststeps.de