Poetisches Home Movie von und über die französische Chanson- und Filmlegende.
„Was mich morgens aufwachen lässt, ist meine Neugier.“ Dieses Fellini-Zitat erklärt Charles Aznavour in dieser ungewöhnlichen Dokumentation zu seinem Lebensmotto. Wer eine konventionelle chronologische Annäherung an die Karriere und das Privatleben einer französischen Ikone erwartet, wird zweifellos enttäuscht, aber für alle diejenigen, die sich für den Menschen hinter dem Star interessieren, ist dieses Home Movie eine unschätzbare Fundgrube an Einsichten und Aussichten. Relativ knapp vor seinem Tod im Jahr 2018 bat Charles Aznavour den Regisseur Marc di Domenico, sein Privatarchiv mit über 40 Stunden selbst gedrehtem 8- und 16mm-Material aus mehreren Jahrzehnten zu sichten und daraus einen Film nach eigenem Gutdünken zu montieren. Die Kamera hatte Aznavour 1948 von seiner Freundin Edith Piaf geschenkt bekommen.
Das Ergebnis ist vor allem ein Reisefilm mit Aufnahmen aus Indien, Japan, Marokko, USA usw., kleine Urlaubsfilmchen mit einem durchaus talentierten Kameramann, der aus reiner Neugier und Anteilnahme Alltagsszenen aus fremden Kulturen aufnimmt, wie es Millionen anderer Reisender gerade heute auch tun. In Kombination mit Auszügen aus seiner Autobiografie, gelesen von Romain Duris, ergibt sich so eine Art unvollständiger melancholischer Lebensrückschau. Nachdem Aznavour ein Weltstar geworden ist, überlässt er immer wieder auch anderen seine Kamera, damit auch er im Bild ist, dazu sieht und hört man auch wenige Konzertausschnitte, eine wirklich mitreißende Jam Session und einige Songs, aber der Fokus des Films liegt auf seinen beiläufigen Hobbyaufnahmen. Im Original heißt der Film auch sehr treffend Le regard de Charles (Der Blick von Charles), denn die introspektiven Autobiografieauszüge über die Flucht seiner armenischen Familie, seine bescheidenen Anfänge, sein Weg zu internationalem Erfolg, seine Ehefrauen und Kinder, aber auch vor allem seine Sicht auf sich selbst ergänzen sich hervorragend mit seinem (Kamera) Blick auf die Welt.
Eine solche Art von Film ist meilenweit von einer kritischen Auseinandersetzung entfernt, auch wenn Schicksalsschläge wie der tragische Drogentod eines seiner Söhne oder seine oft dysfunktionalen Beziehungen zu Frauen nicht ausgespart werden. Aber das Ergebnis dieser auch mit Making-of-Passagen von Filmsets wie Schießen Sie auf den Pianisten angereicherten Introspektion ist auch keinesfalls eine Selbstbeweihräucherung, sondern das (fllmische) Testament eines äußerst zielstrebigen Mannes mit einer außergewöhnlichen Stimme, der seine Schwächen gut kennt, der sich selbst auch als Superstar in irgendeinem spielenden Kind in Indien wiedererkannt hat und dessen Interesse für die Welt ein Leben lang nicht kleiner geworden ist.
