Ein zeitloser Klassiker des New Hollywood: Peter Bogdanovichs „The Last Picture Show“ strahlt auch 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung in hellem Glanz – unter anderem dank einer großartigen Schauspielerinnen.
„Ein New-Hollywood-Film, gemacht mit Methoden des klassischen Hollywood“, sagt Peter Bogdanovich in der sehr aufschlussreichen Dokumentation auf der 2017 erschienenen Blu-ray mit dem Director’s Cut. Bogdanovich, 1939 in Kingston, New York, als Sohn europäischer Einwanderer geboren, studierte zunächst Schauspiel und war in einigen kleineren Rollen zu sehen. Vor allem aber war er ein Filmnerd, der bis zu 400 Filme pro Jahr sah, und er programmierte in den sechziger Jahren Retrospektiven für das MoMA in New York. Aus seinen Notizen zu einer John-Ford-Retro entstand sein bis heute kanonisiertes Buch über den legendären Hollywood-Regisseur; später schrieb er auch Bücher über Howard Hawks, Orson Welles, Fritz Lang und Alfred Hitchcock. Außerdem war er als Journalist tätig, und seine Artikel für den „Esquire“ machten ihn bekannt. 1968 drehte er mit Targets seinen ersten Film, eine Art Trashfilm mit hohem Anspruch, produziert vom Vielfilmer und Talenteschmied Roger Corman. Neben anderen Vorzügen hatte der Film Horror-Ikone Boris Karloff in einer seiner letzten Rollen aufzubieten.
„I had made a name for myself“, sagt Bogdanovich, leicht untertreibend, und so war es möglich, dass der 31-Jährige in Texas mit der Unterstützung Bob Rafelsons und der Brüder Bert und Harold Schneider, die nicht nur Easy Rider, sondern in der Folge einige der größten künstlerischen Erfolge New Hollywoods (exekutiv) produzierten, seinen wohl besten Film – in einer doch recht stattlichen Zahl von sehr guten – realisieren konnte. Den Roman von Larry McMurtry aus dem Jahr 1966 hatte er, so sagt er, schon einmal beiseite gelegt, weil ihn das Thema nicht interessierte, aber beim zweiten Anlauf (Schauspieler Sal Mineo empfahl ihm das Buch) fing er Feuer. Gemeinsam mit McMurtry, dessen Werke öfter verfilmt wurden und der später als Drehbuchautor (Brokeback Mountain) zu Oscar-Ehren kam, schrieb er das Buch; mit einem Cast, der sich als wahrer Glücksfall herausstellen sollte, und mit dem Hollywood-Veteranen Robert Surtees (u.a. für Howard Hawks, Anthony Mann, Vincente Minelli, Mervyn LeRoy und John Sturges) an der Kamera wurde der Film in wenigen Wochen komplett on location gedreht, vor allem in Archer City, der Stadt, in der der Roman tatsächlich spielt – kein Wunder, denn McMurtry stammte von dort. So ergab sich die pikante Situation, dass einige der realen Menschen, auf denen die Film- und Romanfiguren basierten, noch sehr lebendig waren, als der Film dort gedreht wurde. Man war, so hieß es später, in Archer City nicht sehr begeistert, dass vor allem das nächtliche Leben der Kleinstadt in Roman und Film, wo sie Anarene heißt, so vor aller Öffentlichkeit ausgebreitet wurden.
Anarene
Die Story ist so schlicht wie wirkungsvoll: Es geht um die beiden Jugendlichen Sonny Crawford (Timothy Bottoms) und Duane Jackson (Jeff Bridges), die dickste Freunde sind, bis, ja, die örtliche Schönheit Jacy Farrow (Cybill Shepherd) ihnen beiden den Kopf verdreht, und dem armen Lester Marlow (Randy Quaid) gleich noch dazu. Es geht um Sam the Lion (Ben Johnson), den Betreiber des lokalen Cafés, Billardsalons und Kinos, um die Kellnerin Genevieve (Eileen Brennan), um die von ihrem Sportlehrer-Gatten vernachlässigte Ruth Popper (Cloris Leachman) und um Jacys von ihrem Ölbaron-Gatten vernachlässigte Mutter Lois (Ellen Burstyn), die einst Sam the Lions große Liebe war. Und dann ist da noch Billy, der freundliche, leicht zurückgebliebene Junge (Sam Bottoms), der immer die Straße fegt. Zwischen all diesen Figuren – welch ein Reichtum! – spannt Bogdanovich seine episodenhafte Geschichte auf, die ebenso schön wie traurig, so hoffnungsfroh wie sentimental ist und die mit dem ganzen Gefühlsspektrum aufwartet, das ein guter, großer Kinofilm nun einmal zu bieten hat.
Eine wichtige Rolle spielt – siehe Titel – das Kino der Stadt, das Royal, in dem am Anfang noch Minnellis Komödie Father of the Bride (1950) läuft, am Ende dann, als „letzte Vorstellung“, Howard Hawks’ melancholischer Western Red River. Das Kino ist am Ende in der texanischen Kleinstadt, vielleicht früher als anderswo und das, obwohl das reale Hollywood zu der Zeit, in der der Film spielt, noch einige gute Jahre vor sich hatte. Bogdanovich hat, anders als McMurtry im Roman, seinen Film, auch mithilfe eines phänomenalen Soundtracks aus zeitgenössischen Songs, sehr präzise auf die Jahre 1951 und 1952 datiert, was man auch daran merkt, dass sich Duane gegen Ende nach Korea aufmacht, wo die USA wieder einmal einen Krieg zu führen haben. Die beiden Jungs, das nur nebenbei, haben außer dem väterlichen Freund Sam keine männlichen Bezugspersonen, die sind wohl in einem anderen Krieg geblieben. Und der Todesfall des Kinos ist nicht der einzige in der Film-Geschichte.
Entscheidungen
Dass The Last Picture Show bis heute wie ein Juwel funkelt, dass der Film bei einem Budget von etwas mehr als 1 Million Dollar nahezu 30 Millionen einspielte, und dass er – für damalige Zeiten und seine Produktionsbedingungen geradezu unerhört – acht Mal für den Oscar (darunter als Bester Film und für das Beste Drehbuch) nominiert wurde, hat unter anderem mit dem Mut der Produzenten zu tun, einem nahezu unbekannten Cast zu vertrauen, und einem jungen Regisseur, der noch dazu – wie er sagt, auf Anraten von Orson Welles – darauf bestand, in Schwarzweiß zu drehen. Bogdanovich, so sagen alle Beteiligten in der erwähnten Doku, war wild entschlossen, drehte so wenige Takes wie möglich, war am Boden zerstört, als Robert Surtees ihm offenbarte, eine mühsam komponierte lange Szene müsse wegen Unterbelichtung noch einmal gedreht werden, und kasernierte das gesamte Team in einem Hotel – wobei er die technische Crew, zu deren Missfallen, komplett links liegen ließ. Er wollte die Schauspielerinnen und Schauspieler zusammenschweißen, von denen Jeff Bridges, Randy Quaid, die Bottoms-Brüder und vor allem Cybill Shepherd absolute Neulinge waren. Die 20-jährige Shepherd, die ursprünglich Model werden wollte, hatte er auf dem Cover des Mode-Magazins „Glamour“ entdeckt, den 20-jährigen Jeff Bridges (einige Serien-Rollen als Kind und Jugendlicher) nahm er, weil er der eher nicht so sympathischen Figur des Duane Jackson eine „sanftere“ Facette hinzufügen wollte, den 19-jährigen Timothy Bottoms deswegen, weil der soeben eine Hauptrolle in Dalton Trumbos Antikriegsfilm Johnny Got His Gun bekommen hatte. Und Sam Bottoms war einfach dabei, weil er seinen Bruder am Set besucht hatte …
Zufall oder alles richtig gemacht? Instinkt oder Wissen? Schwer zu sagen, aber dass die Karrieren aller Beteiligten in der Folge steil abhoben und großteils bis heute anhalten, ist Tatsache. Die größten Besetzungs-Coups allerdings verdankte Bogdanovich, wie er selbst zugibt, anderen. Den alten Western-Haudegen Ben Johnson bekam er nur, weil John Ford diesen so lange bearbeitete, bis er zusagte, auch wenn er sich zunächst weigerte, „diesen ganzen Quatsch“ (= die Dialoge) zu sprechen. Bogdanovich, so der Mythos, „versprach“ ihm einen Oscar als Bester Nebendarsteller, und den bekam er auch, und das – Filmnerds messen solche Dinge – für 9:54 Minuten screen time.
Der zweite Oscar für The Last Picture Show (Beste Nebendarstellerin) ging völlig zu Recht an Cloris Leachman, damals 44 Jahre alt. Bogdanovich stand, wie er selbst sagt, vor dem Problem, drei „reifere“ Schauspielerinnen (und das war und ist man im Filmbusiness spätestens ab 35) für doch recht große Rollen zu besetzen. Auf einer Liste mit 20 Namen, die ihm Bob Rafelson gab, standen neben Leachman auch Ellen Burstyn, die wenig später für Martin Scorseses Alice Doesn’t Live Here Anymore einen Academy Award erhielt, und Eileen Brennan. Beide waren damals 38 Jahre alt. Längere Zeit war nicht ganz klar, welche der drei Schauspielerinnen welche Rolle spielen sollte, aber wenn man den Film heute sieht, weiß man, dass auch hier alles richtig entschieden wurde.
Exkurs: 2021
Ein trauriger Zufall will es, dass 2021 drei maßgebliche Personen, die mit dem Film The Last Picture Show zu tun hatten, verstorben sind: Am 27. Jänner starb Cloris Leachman im Alter von 94 Jahren, am 25. März Drehbuchautor Larry McMurtry mit 84 Jahren. Und auch die Journalistin und Autorin Ceil Cleveland Footlick, die Frau, die das reale Vorbild für Cybill Shepherds Figur gewesen war, starb am 14. Jänner 2021 kurz nach ihrem 85. Geburtstag. 1997 hatte sie ihre Memoiren veröffentlicht, unter dem passenden Titel „Whatever Happened to Jacy Farrow?“ All das ist ein Grund mehr, sich diesen großartigen Film (wieder einmal) anzuschauen, am besten in der Director’s-Cut-Version mit dem schönen Bonusmaterial.
