Wong Kar-wais - „In the Mood for Love“
In the Mood for Love (2000)

Wong Kar-wai

Frau Chan geht Nudeln holen

| Alexandra Seitz |

Anlässlich des 20-Jahre-Jubiläums wurde Wong Kar-wais Meisterwerk „In the Mood for Love“ – und andere seiner Filme – digital restauriert. Das Filmcasino in Wien und weitere Kinos zeigen nun diese neuen Fassungen. Eine Möglichkeit zur Wiederbegegnung und Neuentdeckung.

Der hohe Kragen betont ihren langen Hals, der figurbetonte Schnitt unterstreicht die schmale Silhouette, die hochgesteckte Frisur betont die Aufrichtung. Wenn sie die Treppe herunterkommt oder hinaufsteigt und die Kamera sie dabei beobachtet, dann möchte man vor ihr niederknien, neben der Kamera, die da bereits kniet, und, ja, möchte sich der Betrachtung dieses musikumschmeichelten, mit perfektem Schwung bewegten Wahnsinnshinterns ergeben. In die Kleider sei sie jeweils eingenäht worden, hieß es seinerzeit, und so sieht es auch aus. Schuhlöffelkleider, qipao genannt, textile Spektakel, die sich den zahlreichen Mustern und vielfachen Maserungen beigesellen, die die Oberflächen dieses Films prägen. Maggie Cheung als Frau Chan in In the Mood for Love (2000) von Wong Kar-wai ist eine Klasse für sich. So wie ja auch der Film eine Klasse für sich ist, der voriges Jahr, man glaubt es kaum, zwanzig Jahre alt wurde. Zur Feier dieses Umstandes kommt In the Mood for Love in einer digital restaurierten, blitzeblanken 4K-Fassung neuerlich in die Kinos. Doch nicht nur erstrahlt er nun wieder wie neu, er ist tatsächlich nicht gealtert. Keinen Tag. Nicht einen. Keinen einzigen. In the Mood for Love ist immer noch und nach wie vor das letztgültige Melodram schlechthin und ein Liebesfilm für die Ewigkeit. Zeit- und ortlos, obwohl er doch so genau angesiedelt ist im Hongkong der sechziger Jahre.

Die Welt des Wong Kar-wai
Die Wiederaufführung fällt in eins mit dem Erscheinen einer Box bei Criterion Collection, dem „Seven Blu-ray Special Edition Collector’s Set“, die im Grunde keine Wünsche offen lässt und über die digital restaurierten 4K-Fassungen hinaus mit allem Drum und Dran und jeder Menge Schnickschnack aufwartet, der Sammlerherzen höher schlagen lässt. Wer dafür nun keine 140 US-Dollar locker machen kann oder will, der kann (unter anderem) ins Filmcasino gehen und sich die Filme dort anschauen, ohne Bonusmaterial zwar, dafür aber auf der Leinwand und mit ordentlichem Sound, also in jener Form, in der diese Kunstwerke schließlich auch gesehen werden wollen. Ergänzt wird das „World of Wong Kar-wai“ betitelte Programm um den „Extended Cut“ von The Hand, Wongs Beitrag zum Kompilationsfilm Eros (2004), sowie um seine bislang letzte Regiearbeit The Grandmaster (2013).

Und wie sieht es nun dort aus, in der Welt des Wong Kar-wai? As Tears Go By (1988): Ah-ngor (Maggie Cheung), wegen einer ärztlichen Untersuchung zu Besuch bei ihrem Cousin Ah-Wah (Andy Lau), will mit einem Schluck aus der Wasserflasche ihre Tablette hinunterspülen, als das Telefonklingeln sie unterbricht und erschreckt. Sie verschluckt sich und spuckt die Tablette in die Flasche. Wenig später wird Ah-Wah bemerken, dass das Wasser sonderbar schmeckt. Es entsteht eigentlich nichts aus dieser Szene; nur ist Ah-ngor danach so in etwa das, was in Ah-Wahs Leben den Geschmack verändert, und er weiß sich das nicht zu erklären. Days of Being Wild (1990): Yuddy (Leslie Cheung) ist ein Eroberer auf der Suche nach seiner Mutter. Schnell gelangweilt und zur Liebe unfähig verstößt er jene, die er an sich zog, wie um sich zu rächen. Er verführt Su Li-zhen (Maggie Cheung) und lässt sie fallen. Ihr Kummer kennt keinen Stolz mehr und keinen Widerstand. Weinend steht sie im strömenden Regen, der ihre Tränen aufsaugt, die sie blind machen für den Polizisten Tide (Andy Lau), der ihr mehr böte als nur Trost. Chungking Express (1994): Polizist Nummer 663 (Tony Leung Chiu Wai) will erst noch seinen Kaffee austrinken, bevor er den Brief liest, in dem seine Geliebte ihm mitteilt, dass sie sich von ihm trennt. Er wird den Brief nicht öffnen. Er steht da mit seiner Tasse, und mit einem Male sieht es aus, als würde er in Zeitlupe trinken, während gleichzeitig alles Geschehen um ihn herum im Zeitraffer abläuft. Zu sehen ist: Zeit. Vor allem aber, was Zeit wesentlich ist: ein Phänomen der Psyche, das je individuell und subjektiv Leben rhythmisiert. Wieviel Zeit in dieser Szene tatsächlich vergeht, kann keiner sagen. Deutlich hingegen ist, welch tiefer Riss mitunter durch die eigene Gegenwart geht.

Fallen Angels (1995): Ein Mann und eine Frau stehen in einem Hauseingang, und der Blick der Kamera auf sie ist, wie so oft in diesem Film, der Blick durch ein extremes Weitwinkelobjektiv. Die verzerrten Körper der beiden Menschen wirken in dieser weiträumig gewordenen Enge wie verloren, und die gleichzeitige Nähe in der Entfernung erzählt von ihrer emotionalen Verfasstheit. Obwohl die Figuren äußerlich aufgrund der Verzerrung scheinbar weit voneinander entfernt sind, können sie doch innerlich einander nah sein. Einerseits. Andererseits ist zu sehen, dass sie, wenn sie einander am nächsten sind, auch am weitesten voneinander weg sind. Das Paradox von Intimität und Distanz, Sehnsucht und Angst – hier ist es zu einem Prinzip der Gestaltung des Raums geworden, das über das physikalisch Messbare hinausweist. Happy Together (1997): Nicht mit Dir, aber auch nicht ohne Dich. Die sanften Umkreisungsbewegungen des Tango geben den Rhythmus vor für das Beziehungsdrama zwischen Lai (Tony Leung) und Ho (Leslie Cheung). Die beiden Männer stranden in Buenos Aires, trennen sich, finden einander wieder, gehen neuerlich verloren. Suchen Trost, vergeblich. Heimweh, Einsamkeit, Liebeskummer bestimmen die Atmosphäre in der ehrwürdig heruntergekommenen argentinischen Metropole, während auf der anderen Seite des Globus das laut leuchtende Hongkong auf dem Kopf steht. „Wir könnten noch einmal von vorn anfangen …“

Schwindelerregend
In the Mood for Love (2000): Frau Chan (Maggie Cheung) und Herr Chow (Tony Leung Chiu Wai) sind vereint in dem gemeinsamen Unglück, dass ihre Ehepartner sie miteinander betrügen. Und weil sie nicht sein und nicht werden wollen wie diese, versagen sie sich die Liebe, die heraufdräut wie eine schwarze Wolke. Da geht die Welt leise flüsternd aus den Fugen. Ein schmerzlicher Vorgang, eingefangen in einem Meisterwerk der Montage; hart an der Grenze zur Auflösung des Narrativen, aber immer tief mittendrin im Gefühl der Melancholie. 2046 (2004): Zugleich in der Vergangenheit und in der Zukunft angesiedelt, weder da noch dort aber wirklich zu Hause, haftet diesen Fragmenten aus dem Leben eines Weiberhelden, der an einem Science-Fiction-Roman schreibt, etwas beeindruckend Ruinenhaftes an. Imposant auch die Souveränität der visuellen Gestaltung: Über weite Strecken bleibt die Hälfte der gigantischen Cinemascope-Bilder schlicht schwarz oder liegt im Schatten, dann wieder ist die eine Seite von Vertikalen zerschnitten, während von der anderen her ein Gesicht späht. Neuerlich löst der Begriff vom Raum sich auf, wird transformiert in Umgebung, in der sich die Gefühlslagen der Figuren ausdrücken. The Grandmaster (2013): Ein Historiengemälde. Vor dem Hintergrund des zweiten chinesisch-japanischen Krieges ein Leben im Umbruch. Oder, wie der legendäre Großmeister des Wing-Chun-Kungfu, Yip Man, nach Hongkong kam (wo er später Bruce Lee unterrichten sollte). Regentropfen in Superzeitlupe, Schlagabtäusche im Zeitraffer, schwerelose Körper in rasender Bewegung. Die absolute Ruhe im Auge des Taifuns wechselt mit den Zentrifugalkräften des Wirbelsturms. Schwindlig könnte einem werden.

Und schwindlig wurde wohl auch so manchem angesichts dessen, was Wong Kar-wai im Zuge der Restaurierung mit seinen Filmen so alles anstellte. Die Kontroverse hinsichtlich der vorgenommenen Format-, Farb- und Tonkorrekturen – siehe Kasten weiter unten – ist jedenfalls in vollem Gange. Sie wirft die interessante Frage auf, wem Filme eigentlich gehören? Jenen, die sie lieben, oder jenem, der sie nie richtig zu Ende gebracht hat. Denn letztlich sind alle Filme Wongs unfertig gebliebene Fragmente und vorsichtige Annäherungen an ihr jeweiliges Thema. Alle hängen auf vielfältige Weise miteinander zusammen. Motive, Figuren, Figurennamen, Schauspielerinnen und Schauspieler, Gesten, Formelemente und Erzähltechniken ziehen wie Ströme durch sie hindurch und sorgen dafür, dass der einzelne Film immer auch über sich selbst hinausweist und den Kontakt zum Gesamtwerk sucht. So kann der etwas seltsam geratene Science-Fiction-Film 2046 zum Beispiel ebenso als eine Art Fortsetzung von In the Mood for Love gesehen werden wie als Brückenschlag zum frühen Liebeswirrendrama Days of Being Wild, das eigentlich einmal ein Zweiteiler hätte werden sollen – wie übrigens auch das schwer unordentliche Meta-Martial-Arts-Epos Ashes of Time (1994), das sich, da schon 2008 von Wong zum „Redux“ umgearbeitet, leider nicht im Programm findet; es hätte sich wunderbar als Reibefläche für The Grandmaster geeignet.

Gleichfalls nicht verwunderlich, wenn sich ein Erzählstrang selbstständig macht und seinen eigenen Film fordert, wie Fallen
Angels
, der aus einer Nebenhandlung von Chungking Express erwuchs. Dass Wongs Filme eigentlich auch gar nichts anderes sein können als assoziative Cluster, Rhizome, hängt damit zusammen, dass der Regisseur auf ein fertiges Drehbuch verzichtet und lediglich mit einem mehr oder weniger groben Entwurf, einer vorläufigen Vorstellung von dem, was der Film einmal werden soll oder sein könnte, zu drehen beginnt. Das ist nicht schlimm, sondern eigentlich großartig, weil Wongs Arbeitsweise Ausdruck einer künstlerischen Freiheit ist, die sich im Filmgeschäft die wenigsten auch nur vorzustellen erlauben, geschweige denn zu nehmen wagen. Sie beweist eine unendliche Offenheit und Neugier gegenüber Stoff, Schauspielerinnen, Schauspielern und Mitarbeitern (allen voran Wongs kongenialer Kameramann Christopher Doyle), und die Bereitschaft, nach allen Richtungen zu denken und zu schaffen. Da liegt es in der Natur der Sache, dass man vom Weg abkommt, Abkürzungen und Ausflüge unternimmt, im Kreis geht, Irr- und Nebenwege beschreitet und am Ende ganz woanders ankommt, als ursprünglich geplant oder gedacht. Ebenso naturgemäß findet dieser kreative Prozess sein Ende nicht in einer Uraufführung. Und deswegen geht Frau Chan auf immer wieder neue und immer wieder andere und immer wieder sehenswerte Weise
Nudeln holen.

DIE RESTAURIERUNGEN
Aus Anlass des 20-Jahre-Jubiläums von „In the Mood for Love“  entschloss sich Wong Kar-wai, den Film 4K-digital zu über-
arbeiten – und im Zuge dessen auch fast alle anderen seiner Filme. Unter anderem wurde das Leinwandformat von 1:1,85 auf das „intimere“ 1:1,66 geändert, ebenso bei „Chungking Express“. Dafür ist „Fallen Angels“ nun im ursprünglich vorgesehenen Cinemascope-Format zu sehen, was die spektakulären Weitwinkel-Aufnahmen von Christopher Doyle in engen Räumen noch weitwinkeliger macht. Bei „Happy Together“ musste Wong feststellen, dass das Originalnegativ teilweise zerstört war, wodurch jetzt Teile der ursprüngliche Voice-over-Erzählung fehlen. Auch der Ton wurde bei allen Filmen gründlich überarbeitet.

Wie nicht anders zu erwarten, gab es weltweit einen Aufschrei – tatsächlich gibt es kaum eine eingeschworenere Fangemeide als die Wongs. Der Filmemacher reagierte, wie man ihn kennt, nämlich gelassen-philosophisch: „No man ever steps in the same river twice, for it’s not the same river and it is not the same man.“ Und er spricht eine nachdrückliche Einladung aus: „I invite the audience to join me in starting afresh, as these are not the same films, and we are no longer the same audience.“

Zum Technischen: Wongs Filme sind auch deswegen legendär, weil kaum einer von ihnen jemals wirklich „fertig“ im Sinne von „endgültig“ war. Unvergessen der Moment, als „In the Mood for Love“  2000 in Cannes lief, die Pressevorführung ganz ans Ende des Festivals verschoben wurde, um dem Meister mehr Zeit zu geben, und man, als sich der Vorhang hob, den lapidaren Satz lesen konnte: „We apologize for not being able to show the film in its final sound-mix“. Sicher macht es Spaß, die Filme nun in den überarbeiteten Fassungen so zu sehen, wie Wong Kar-wai sie erdacht hatte. Und für „Fans“ bleibt, zumindest im Filmcasino, die Möglichkeit, sich die „alten“ 35mm-Fassungen zum Vergleich anzuschauen. (Andreas Ungerböck)