Porträt eines niederländischen Lichtmal-Meisters.
Er sah vielleicht ein bißchen zauselig aus; das Haupthaar war bereits etwas zurückgewichen und die Stirne dementsprechend hoch, zum Ausgleich trug er am Hinterkopf einen dünnen Pferdeschwanz; und komplettiert wurde das Bild von der Zigarette im Mund. Sein ungeheures Gespür für Schwarzweiß prägte das Frühwerk von Wim Wenders. Er sorgte für magische Stimmungen in den Filmen von Jim Jarmusch. Das Licht tanzte mit seiner Kamera in den Melodramen von Lars von Trier. Alex Cox‘ Repoman, Barbet Schroeders Barfly und Michael Winterbottoms 24 Hour Party People, um nur ein paar wenige weitere zu nennen, verdanken der Sensibilität seiner Wahrnehmung ihren spezifischen Look und ihre besondere Wirkung. Die Bilder waren frei und im filmischen Raum war alles möglich, wenn Robby Müller als „Director of Photography“ fungierte.
Geboren wurde Müller 1940 auf Curaçao in den Niederländischen Antillen, er studierte in Amsterdam, zog nach Deutschland, machte international Karriere, wurde vielfach ausgezeichnet. 2007 erkrankte er an Morbus Binswanger, das zu einer Form der Demenz führt; Müller ging zurück in die Niederlande, wo er 2018 in Amsterdam verstarb. Living the Light – Robby Müller von Claire Pijman ist ebensowohl Vermächtnis wie Nachruf von Freunden.
Pijman, die selbst als DoP tätig ist, führte unter anderem die zweite Kamera bei Wenders Buena Vista Social Club; sie übernahm das letzte Projekt, an dem Müller arbeitete, und stellte es fertig; der große niederländische Kameramann war für sie nicht nur Mentor, sondern auch Freund. Für den vorliegenden Dokumentarfilm, dessen Fertigstellung Robby Müller noch erlebt hat, konnte Pijman auf dessen Privatarchiv zugreifen, seine Hi8-Video-Tagebücher verwenden, sich der Polaroids und der Fotos bedienen.
Wenders, Jarmusch und von Trier steuern Erinnerungen an gemeinsame Kollaborationen bei, die von Wärme und Achtung erfüllt sind. Dazwischen montiert Filmausschnitte, die die spezifische Qualität der Müller’schen Kunst belegen: seine liebevolle Aufmerksamkeit für das vermeintlich unscheinbare Detail – Gräser am Wegesrand, Strukturen eines Birkenwaldes, Farbflecken im Einerlei -, sein Vermögen, spontan auf sich ändernde Gegebenheiten zu reagieren, nicht zuletzt seine Vertrautheit mit dem ungreifbaren Element. Früher wäre aus Robby Müller wohl ein Maler geworden, einer jener Meister, die gerühmt werden für ihr Vermögen, das Licht einzufangen, auf die Leinwand zu bannen, uns Staunen zu machen.
