Cannes 2021 | Blog 1

Volle Kinos, viele Filme

| Pamela Jahn |
Zur Halbzeit an der Croisette lassen die großen Meisterwerke noch auf sich warten

Es ist Sommer in Cannes. Die Juli-Sonne strahlt schon morgens hoch über der Croisette und bei den Anwesenden ist die Stimmung dem Wetter entsprechend euphorisch. Aber auch strömender Regen könnte in diesem Jahr wohl niemandem die Laune verderben, der gerade nicht zu Urlaubszwecken an der Côte d’Azur verweilt. Ja, man kann die Erleichterung spüren, auf den Straßen, im Palais du Festival und vor allen in den vollbesetzten Sälen. Die Weltmaschine Kino startet durch. Und läuft sofort wieder auf Hoch  touren. Nichts da mit Sicherheitsabstand oder Temperaturchecks. Die Maske genügt und die große Hoffnung, dass schon alles gut gehen wird in diesen zehn Tagen, in denen Cannes, nach einem Jahr Zwangspause, nicht nur das Weltkino, sondern auch sich selbst einmal mehr, einmal auf Neue feiert.

Und wenn schon, dann richtig. 24 Filme gehen in diesem Jahr ins Rennen um die Palme d’Or, 20 laufen in der wichtigsten Nebenreihe Un Certain Regard. Dazu gibt es außerdem eine eigens für dieses Jahr eingeführte Reihe, die unter dem Titel „Cannes Première“ neue Filme von Andrea Arnold, Hong Sang-soo, Kornél Mundruczo und Mathieu Almaric zeigt, die sonst den Rahmen des Wettbewerbs gesprengt hätten. Und die Premieren überschlagen sich. Kaum hat ein Filmteam seinen Gang über den roten Teppich absolviert, bereitet sich das nächste auf den großen Auftritt vor. Alles minutiös getaktet, alles nach Plan. Viel Zeit zum Atmen bleibt da kaum, aber so ist das, wenn man quasi zwei Jahrgänge Kino nachzuholen hat. Der Qualität der Film tut das keinen Abbruch.

Das bewies zum Auftakt gleich Leos Carax mit seinem bizarren Film-Musical Annette, das am Dienstagabend diesen bedeutungsschweren 74. Jahrgang feierlich eröffnete. Carax, der Unberechenbarste unter der gegenwärtigen französischen Auteurs, legt mit seinem sechsten Werk erneut einen Film vor, der ganz in dem äußerst speziellen Gedanken- und Gefühlsuniversum seines Regisseurs spielt und damit bewusst nicht für jeden Geschmack geeignet ist. Auch – oder besser erst recht – zumal die Musik und das Drehbuch von den Sparks-Brüdern Ron und Russell Mael stammt, die sich ebenfalls stets in ihrer ureigenen schrägen und nicht selten befremdlichen Welt bewegen. Es geht zunächst um die Romanze zwischen dem kontroversen Stand-up-Comedian Henry McHenry und der zarten Opernsängerin Ann, die, gespielt von Adam Driver und Marion Cotillard, unterschiedlicher und zugleich perfekt füreinander bestimmter nicht sein könnten. Ihre Liebe bringt eine Tochter hervor, Annette, die mit Segelohren und Holzgelenken geboren wird, was niemanden zu überraschen oder stören scheint. Auch das bald Henrys dunklere Charakterzüge die Überhand nehmen, ist dem melodramatischen Plot eingeschrieben. Auf der Liebe folgt der Tod, begleitet von Schmerz, Trauer, Schuld und zusätzlichen Verstrickungen bis hin zu einem angemessen emotionsgeladenen Finale, das einmal aufs Neue die ganze große Kunst von Drivers schauspielerischer Virtuosität gepaart mit Charme und Charisma vereint.

Neben Annette hatte diese erste Halbzeit von Cannes zudem neue Filme von Carax‘ Landsmann François Ozon sowie dem Norweger Joachim Trier zu bieten, die bisher ebenfalls zu den besten im diesjährigen Angebot zählen. Während sich Ozon in Tout s’est bien passé diesmal in gewohnt klug inszenierter, dramatischer und humorvoller Natur mit dem Thema Sterbehilfe auseinandersetzt und Sophie Marceau auf der Leinwand zum Strahlen bringt, steht bei Trier in The Worst Person in the World (Verdens verske menneke) eine junge Frau im Mittelpunkt, die ihr Leben noch vor sich hat und entsprechend sprunghaft von einer Beziehung in die nächste stürzt, ohne große Rücksicht auf Verluste. Das mag als Grundlage für großes Kino zunächst wenig originell erscheinen, wird in den behutsamen Händen des spannenden Regisseurs allerdings zu einem intelligent verspielten, mal leichtfüßig, mal sexy und stets emotional mitreißendem Drama von feinster Qualität. Und auch seine Hauptdarstellerin, Renate Reinsve, die 2011 in Triers Oslo, August 31st ihr Debüt feierte, dürfte mit ihrer Glanzleistung in dem Film bald auch international für Aufregung sorgen.

Hinter der Kamera sind die Frauen, wie in Cannes üblich, auch bei erweiterter Anzahl von Filmen mit vier Beiträgen nur spärlich im diesjährigen Wettbewerb vertreten. Und bis auf Catherine Corsinis Krankenhaus-Komödie La Fracture gibt es die mit Spannung erwarteten neuen Arbeiten von Mia Hansen-Løve, Julia Ducournau und der Ungarin Ildikó Enyedi zudem erst in der zweiten Woche zu sehen. Dafür überlies Festivalleiter Thierry Frémaux den begehrtesten Premieren-Platz am Samstagabend lieber seinem guten alten Freund Sean Penn, der mit seiner neuen Regiearbeit Flag Day an die Croisette gereist ist. Basierend auf dem Buch „Flim-Flam Man: The True Story of My Father’s Counterfeit Life“, in dem US-Autorin Jennifer Vogel ihre Familiengeschichte im Allgemeinen und über ihren Vater im Speziellen erzählt, hat Penn aus dem Drama allerdings jedoch nur eine allerhöchstens solide, allzu redundante und mit Gemeinplätzen überhäufte Adaption geschnitzt, in der seine eigene Tochter Dylan Penn, die hier in ihrer ersten Hauptrolle glänzt, mit Abstand den stärksten und bleibendsten Eindruck hinterlässt.

Aber noch ist dieses Festival jung, kann in der zweiten Häfte so einiges passieren, um den heurigen Wettbewerb in Fahrt zu bringen. Vor allem Regisseure wie Sean Baker (The Florida Project) und der Australier Justin Kurzel, deren Filme ebenfalls noch bevorstehen, sind immer für eine Überraschung gut. Bleibt zu hoffen, dass sich die Gerüchte über positiv getestete Stars und eine wachsende Zahl von Covid-Fällen an der Croisette als fasch erweisen. Frémaux wehrt sich zumindest vehement dagegen. Ein Covid-Skandal wäre das letzte, was Cannes in diesem Jahr gebrauchen kann.