Das Indische Filmfestival in Stuttgart präsentiert mit „Sheer Qorma“ einen queeren Meilenstein.
Europas größtes Indisches Filmfestival, das vom Filmbüro Baden-Württemberg in Stuttgart veranstaltet wird, präsentiert in seiner 18. Ausgabe von 21. bis 25. Juli drei queere Filme. Unbedingt sehenswert ist Sheer Qorma von Faraz Arif Ansari, Jahrgang 1986, ein Film, der auch online zu sehen ist. Der Viennale sollte man dringend „for your consideration“ zurufen, handelt es sich doch um einen der wichtigsten queeren Filme der letzten Jahre. Dass der Filmemacher mit Hassbotschaften und Todesdrohungen konfrontiert wird, macht die Sache umso dringender. Auf „IMDB.com“ versuchen Hassprediger und deren Mitläufer, das Meisterwerk mit schlechten Bewertungen zu verteufeln – vergeblich! Ansari selbst gibt sich derweil unbeeindruckt rigoros bei Interviews in der indischen Heimat: „Die Repräsentation der Unterrepräsentierten ist etwas, was mir als Filmemacher sehr am Herzen liegt. Seien es meine trans, nicht-binären, queeren muslimischen und muslimischen Geschwister – in meinen Filmen wird immer Platz für sie sein. Ich bin genauso ein Muslim wie eine queere Person, und das ist nicht verhandelbar. Ich denke, das muss verstanden und respektiert werden“
„Tolerieren wir nicht schon genug?“ fragt Mama vorwurfsvoll die Tochter. „Was sollen wir noch alles tun? Wegen deiner Sünden komme ich in die Hölle.“ Lange hatten die beiden keinen Kontakt mehr. Nach einem Jahrzehnt des Schweigens kehrt Saira (Divya Dutta) auf Vorschlag ihres Bruders nach Indien zurück, um der Mutter ihre Frau Sitara (Swara Bhaskar) vorzustellen. Das gemeinsame Abendessen beginnt frostig. Und es wird mit einem Fiasko enden. Alle Vermittlungsversuche des Bruders scheinen vergeblich. Doch dann löst ein Zufall die völlig unerwartete Wendung aus. Am Ende wird es das titelgebende Sheer Qorma geben, ein fruchtiges Dessert, welches die Mutter ihrer Tochter und deren Frau zubereitet hat.
In nur 30 Minuten erzählt Faraz Arif Ansari eine bewegende Coming Out-Geschichte über zwei junge muslimische queere Women of Colour – und eine Mutter, die zunächst mühsam ihre Lektion in Sachen Liebe und Akzeptanz lernt und schließlich völlig begeistert ist vom neuen Lebensgefühl. Begeistert zeigen sich auch Publikum samt Fachwelt: Zwei Jury-Preise sowie zwei Publikumspreise gab es bereits, in Stuttgart dürfte der nächste folgen. Mit seinem Erstling, der Stummfilm-Lovestory Sisak, hatte das Regietalent immerhin 59 Preise abgeräumt. Man muss im Netz nicht lange suchen, um die viertelstündige Flirt-Story um zwei Männer in einem Zug ausfindig zu machen. Gespannt sein kann man auf den ersten Langfilm, der sich aktuell in Vorproduktion befindet. In Sabr geht es um eine transsexuelle Frau, die nach 30 Jahren nach Hause zurückkehrt, um ihre sterbende Mutter zu treffen.
Noch zwei weitere queere Titel stehen auf dem Indischen Festival in Suttgart auf dem Programm. Der 27-minütige Dammy von Rukshana Tabassums dreht sich um einen alleinerziehenden Familienvater, der eine Geschlechtsumwandlung plant, weil er nicht Daddy, sondern Mummy für seine Kinder sein will. Futuristisch geht es derweil im Sci-Fi-Thriller Manny von Dace Puce zu: Darin reist eine Inderin nach Lettland, um an einem autobiografischen Roman zu arbeiten, während sie mit ihrer Identität als heimlich homosexuelle Frau ringt. Pech, wenn man dann vom eigenen Sprachassistenten in Geiselhaft genommen wird.
