Poetische Liebesgeschichte zweier Frauen in einer männerdominierten Welt
1856 im Osten der USA. Abigail (Katherine Waterstone) hat vor kurzem ihre einzige Tochter und somit auch den Glauben an Gott verloren. Seither geht sie nicht mehr in die Kirche. „I no longer derive comfort from the thought of a better world to come“ schreibt sie in ihr Tagebuch, das ihr hilft, den Schmerz zu bewältigen. Die Ehe mit Dyer (Casey Affleck) zeichnet sich nicht mehr durch Herzlichkeit aus, sondern durch die Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren und sich gegenseitig Halt zu bieten. Das Leben auf der Farm ist anstrengend, die Arbeit monoton und die Winter durch die emotionale Kälte noch härter. „I have become my grief“ erzählt Abigail ihrem Tagebuch. Sie ist verloren in einer Welt, in der ihr Dasein für sie kaum mehr Sinn hat und die ohnmächtige Routine sie zu ersticken droht.
Die Erlösung tritt in Form einer Frau in Erscheinung: Tallie (Vanessa Kirby), die neue Nachbarin mit wallender roter Mähne, geistreich, verschmitzt und – ganz zur Missgunst ihres Ehemanns Finney (Christopher Abbott) – alles andere als devot, bringt mit ihrer Präsenz Wärme und Lebendigkeit ins Haus. Abigail ist gleichsam entzückt wie verwirrt, denn das, was sie für Tallie zu fühlen beginnt, kann sie weder einordnen, noch benennen. In einer von Männern dominierten Welt hat Liebe zwischen Frauen nichts verloren, und dennoch: Abigail und Tallie trotzen letztlich der Feindseligkeit ihrer misstrauischen Ehemänner und flüchten in eine romantische Parallelwelt.
The World To Come, nach The Sleepwalker der zweite Spielfilm der norwegischen Regisseurin Mona Fastvold, verzaubert durch seine Schlichtheit, seine Langsamkeit und seine Subtilität. Gefühlte Ewigkeiten blicken die Charaktere in die Landschaft oder sagen nichts, während es so viel zu sagen gibt und ihre Körper so klare Sprachen sprechen. So viel Bedeutung liegt zwischen den Zeilen, den Blicken, den Worten. Wenn Stillstand und Stille omnipräsent sind, bekommt der Ton noch mehr Bedeutung: Der Wind pfeift eindringlicher, die Vögel zwitschern lauter, der Schnee knirscht bedrohlicher. Es sind Stimmungen, die den Zuschauer in ihren Bann ziehen – und die unglaubliche Leinwandpräsenz der beiden Hauptdarstellerinnen. Kirby als feurige Tallie ist atemberaubend, es ist jedoch letztlich Waterstons leise Performance, die den Zuseher durch die Handlung trägt und ihn gleichsam dem Zauber einer in ruhigen Bildern und dichterischen Dialogen erzählten Liebesgeschichte überlässt.
