All that Jazz: Eine legendäre Musikdoku erstrahlt als Sommer-Reprise in neuem Glanz.
Eigentlich schade, dass der renommierte Mode- und Werbefotograf Bert Stern (1929–2013) nur diesen einen Film gedreht hat. Mit dem erstmals 1959 bei den Filmfestspielen von Venedig vorgestellten Jazz on a Summer’s Day – den Stern mit kreativer Unterstützung von Aram und George Avakian in Szene setzte – übertrug der Amerikaner seine Fähigkeiten als Fotograf nämlich sehr überzeugend auf das Medium Dokumentarfilm: Das Reagieren auf spontane Momente trifft auf Planung und Inszenierung.
Der Film – im Kino läuft nun eine vom Original-Negativ restaurierte Fassung in 4K – fängt einen Tag am damals noch relativ jungen Newport Jazz Festival ein, genauer gesagt den 6. Juli 1958. Die Liste der auftretenden Künstler ist ein absoluter Traum für Jazz-Aficionados; aufgespielt haben unter anderem Louis Armstrong, Thelonius Monk, Dinah Washington, Gerry
Mulligan, Chuck Berry, George Shearing oder Anita O’Day. Musikalisch gesehen also eine Mischung mit enormer Bandbreite, in der klassischer Jazz und Blues ebenso vorkommen wie Bebop, Gospel, Cool Jazz, der aufkommende Rock ’n’ Roll und avantgardistische Töne. Stern belässt es nicht bei einem bloßen Abfilmen des Bühnengeschehens, er bildet (großteils unter Verzicht auf einen Off-Kommentar) zusätzlich die Stimmung im Publikum und die maritime Atmosphäre des schmucken Küstenstädtchens Newport ab, sodass man das Gefühl hat, selbst vor Ort zu sein. Sowohl das Publikum als auch die Musiker sind so gekleidet, wie man es sich zu dieser Zeit, an diesem Ort und in diesem Milieu erwartet: elegant, stilvoll, cool. Die Damen bevorzugen leichte Kleider und Hut, die Herren Hemden und Anzüge. Welch ein Kontrast zu heutigen Festivals. Die Kamera zeigt das Publikum beim konzentrierten Zuhören, Mitwippen, Tanzen oder Lachen (wenn etwa „Satchmo“ Witze erzählt). Manche der Bands werden auch bei Proben in Hotelzimmern gefilmt – wo es so heiß ist, dass den Musikern der Schweiß auch dann von der Stirn tropft, wenn sie leise Töne spielen.
Das „jazzig“ geschnittene Musikprogramm erhält einen passenden Kontrapunkt: Immer wieder gibt es Szenen der America’s Cup-Segelregatta zu sehen. Dabei kreuzen allerdings nicht bloß flotte Yachten vor der Küste – abstrakte Spiegelungen im Wasser wirken wie eine Visualisierung des musikalischen Geschehens. Dies alles wird ergänzt durch Impressionen des Insellebens; Kinder springen ins Wasser, Menschen räkeln sich in der Sonne, Partyvolk feiert auf einem Vordach. Die „wilde“ Kamera des zu dieser Zeit aufkommenden Direct Cinema ist hier übrigens absent: Die Bilder sind präzise und ästhetisch, immer wieder tauchen spannende Blickwinkel und Kadrierungen auf.
