TV-Serie

Stay Frosty

| Roman Scheiber |

Eines der eindrücklichsten und schlüssigsten Werke über die Invasion des Irak durch die US-Armee: die HBO-Serie „Generation Kill“ (2008) von David Simon und Ed Burns.

Im Herbst 2003 erschien im Popmagazin „The Rolling Stone“ unter dem Titel „The Killer Elite“ eine dreiteilige Reportage-Serie über den jüngsten Angriffskrieg der USA gegen den Irak. Ihr Autor, der ehemalige „Hustler“-Mitarbeiter Evan Wright, war in den ersten Wochen der Invasion als „embedded reporter“ einer Aufklärungseinheit der US-Marine-Infanterie zugeteilt gewesen – hatte also zu den handverlesenen Journalisten gezählt, die über den Krieg zwar bloß aus der Perspektive der Angreifer, dafür aber gewissermaßen aus der ersten Reihe berichten durften. Dass die Sache mitunter gefährlich werden würde, konnte Wright nicht ahnen, war doch sein ursprünglich für verdeckte Aufklärungszwecke ausgebildetes und vergleichsweise dürftig ausgerüstetes „Marine Corps‘ 1st Reconnaissance Battalion“ nicht primär für den Kampfeinsatz vorgesehen gewesen. Doch während der gepanzerte Teil der Armee von Kuwait aus störungsarm auf den Autobahnen Richtung Bagdad rollte, fand der Bataillonskommandant an diversen Nebenschauplätzen andere Missionen für seine Soldaten. Und Wright fand sich mitunter im Kugelhagel wieder.

Ein schlechter Krieg ergibt eine gute Geschichte, das bewies Wright mit seinem im Jahr darauf erschienenen, um wesentliche Elemente erweiterten Buch „Generation Kill“, das bald zum Bestseller avancierte. David Simon, Mastermind der genialen Serien The Wire und Treme (ray 09/12) befand es für das Beste, was er über den Irakkrieg gelesen hatte, und überzeugte seinen Stammsender HBO, eine siebenteilige Miniserie daraus zu machen. Gemeinsam mit The Wire-Kollaborateur Ed Burns schrieb und realisierte er Generation Kill, die Regiearbeit teilten sich Susanna White und Simon Cellan Jones. Wright schrieb an einigen Episoden mit und kommt wie Eric Kocher, damals Staff Sergeant beim „1st Recon“ und militärischer Berater der Serie, als Figur in ihr vor (dargestellt von Lee Tergesen).

Die Erzählstruktur ist chronologisch angelegt, die Inszenierung weitgehend schnörkellos, auf ablenkende Begleitmusik wird verzichtet. Wie von David Simon nicht anders zu erwarten, beschäftigt Generation Kill sich auf höchst komplexe Weise mit dem Krieg, mit dessen Sinn oder vielmehr Unsinn, mit dessen Konsequenzen für die Befehlsempfänger. Die einzelnen Episoden, ausgenommen die beiden letzten, sind nach einem so schlichten wie ausdrucksstarken Muster gerahmt: Vor- und Abspann markieren auf der Tonebene den Funkkontakt als determinierende Kommunikationskonstante. In ihren Codes verweist diese Form auf die von der Polizei abgehörten Gespräche der Drogendealer in The Wire zurück – die Militärs im zum Feind erklärten Land exerzieren wie die Gangster im heimatlichen Baltimore via mehr oder weniger verschlüsseltem Fernsprechverkehr die Befehlskette durch. Und wie in The Wire ist vieles davon bloß unverständlicher Sprachmüll für den Äther.

So dumm der Irakkrieg war, so klug ist diese Serie. Denn sie veranschaulicht – auf schlüssige, dabei oft auch unterhaltsame Weise –, dass in einem illegitimen Krieg die Dummheit direkt proportional mit dem Dienstgrad wächst. Generation Kill lässt einen ganzen Haufen höchst unterschiedlicher Figuren aufeinander treffen, deren Gemeinsamkeit nur ein Ziel ist: „die Bösen“ zu besiegen und den Krieg zu gewinnen. Im langen Warten zwischen den Einsätzen echauffieren sich die niederen Chargen im Chor über die mangelnde Versorgung (z.B. über fehlende Landkarten und Batterien für ihre Nachtsichtgeräte), tragen aber vor allem – und das geradezu leitmotivisch – derbe homoerotische, rassistische und frauenfeindliche Wortgefechte aus oder ergehen sich in Polylogen über ihre alltäglichen Bedürfnisse. Sympathisch wirken zunächst wenige der Soldaten, darunter natürlich die vom leicht bübisch wirkenden Alexander Skarsgard gespielte Hauptfigur des Sergeant Brad „Iceman“ Colbert, der sich in zunehmend erlahmender Geduld die Exegesen seines bisweilen an Sprechdurchfall leidenden Team-Fahrers Corporal Josh Ray Person (James Ransone) anhört. Wie etwa: „There would be less fucked-up countries, if their leaders would not believe in their gay armies, but rather provide more quality pussy!“

Ein amerikanischer Kritiker hat die Serie das Platoon (Oliver Stone, 1986) des Irakkriegs genannt, wo ebenfalls eine Truppe zusammengewürfelter Kämpen auf einem Schlachtfeld voller Wirrnisse gefangen ist. In seiner Lakonie näher geistesverwandt ist Generation Kill aber mit dem rund 12 Jahre früher am selben Ort spielenden Jarhead (2005), in dem Regisseur Sam Mendes (basierend auf einem Buch von William Broyles, Jr.) seine durchaus meditative Sicht auf die „Operation Desert Storm“ von George Bush Sr. festgehalten hat. Wo Mendes seinen von Jake Gyllenhaal gespielten, sensiblen Hauptprotagonisten einer Horde infantiler Neo-Nazis gegenüberstellt, versuchen Simon und Burns ambivalentere Charaktere zu zeigen, haben aber auch annähernd viermal so viel Filmzeit zur Verfügung. Gemeinsam ist beiden Werken ihr kritisch-distanzierter Blick auf das Kriegsgeschehen und die narrative Strategie, die Soldaten über weite Strecken mehr als Beobachter des Krieges zu zeigen als in ihrer eigentlichen Funktion als Killer. Oder, wie im folgenden Gespräch von „Iceman“ mit einem Kumpel, als Analysten der eigenen Situation: „Don’t fool yourself. We are not warriors out here. He is using us as machine operators. Semi-skilled labour.“ Mit „he“ ist hier der Bataillonskommandant mit dem Spitznamen Godfather gemeint, der mit herrlich heiserer Stimme eine unsinnige Mission nach der anderen verkündet.

Was an Generation Kill nachhaltig beeindruckt, sind die unerhört authentisch wirkenden Dialoge, der detailgenaue Blick auf die nicht allzu häufigen, aber zum Teil chaotischen Kampfhandlungen, und vor allem das Augenmerk auf das glaubwürdig nachgezeichnete „Mindset“ von Menschen, die plötzlich zum Töten abkommandiert sind. Einer der besten Sätze kommt aus dem Mund eines Hauptfeldwebels, der einmal irrtümlich auf die eigenen Leute schießt: „If you want to survive in combat, you have to get insane.“ Die meisten der ausführlicher porträtierten Figuren der Truppe sind anfangs keine ausgesprochenen Kritiker der Invasion oder gar der US-Außenpolitik. Doch als sie bemerken müssen, dass im Verlauf eines Krieges – und sei es eines hochtechnologisch unter der Prämisse minimaler menschlicher Verluste geführten – zwischen konkreter Aufgabe und schierem Blutdurst nicht mehr trennscharf unterschieden werden kann, erkennen einige auch den Verlust an Menschlichkeit, der damit einhergeht. Manche Soldaten beginnen zunächst die Kompetenz ihrer Vorgesetzten und schließlich überhaupt ihr Tun in der fremden Wüste zu hinterfragen. Am Ende bleibt in einer großartigen Gruppenszene nur einer aus dem Fußvolk übrig, den das brutale und brutal einseitige Geschehen gänzlich kalt gelassen hat – und dabei handelt es sich glasklar um einen Todessehnsüchtigen.