Kultfigur in schlauen neuen Kleidern: eine zeitgenössische Anrufung des Grauens aus dem Hause Peele
Wenn die Künstler-Karriere zu stagnieren droht, kommt jede Idee, die aufregendes Neues verspricht, wie gerufen. So scheint auch die regionale Schauergeschichte, die der Bruder von Anthonys Partnerin Brianna, ihres Zeichens Galeristin, erzählt, die rettende Inspiration zu geben. Das Paar ist kürzlich in eine luxuriöse Wohnung gezogen, die auf dem ehemaligen Gebiet des Chicagoer Public-Housing-Projekts Cabrini-Green liegt – beziehungsweise hoch thront, in einem der neuen, schicken Hochhäuser –, die letzten Überbleibsel der früheren Siedlung sind es, in die den Maler Anthony seine Recherche über jene mysteriöse Frau führt, die damals unter anderem einen Rottweiler enthauptet, ein Baby entführt und sich schlussendlich selbst in den Flammentod gestürzt haben soll. Einer der letzten Anwohner von früher, der schrullige Betreiber einer Waschküche, eröffnet ihm schließlich die Legende von Candyman – zunächst nur an einen furchteinflößenden, aber harmlosen Einzelgänger des Viertels gekoppelt, der von weißen Polizisten totgeprügelt wurde, jedoch auch als Mythos eines wiederkehrenden, mordenden Geistes. Der faszinierte Künstler findet nichts dabei, die Beschwörung von Candyman in sein neuestes Werk einzubauen, nichts ahnend, dass seine Koketterie mit dem Morbiden noch in der Nacht nach der Vernissage blutigen Tribut zollen sollte. Gemeinsam mit Anthonys voranschreitender Besessenheit mit Candyman kommt ein Gemetzel ins Rollen, das mit dem anfänglichen Spaß nun wirklich nichts mehr zu tun hat …
Auch schon die spiegelverkehrten und von Bienensurren umschwirrten Universal- und MGM-Emblems der Opening Credits sind nicht nur netter Witz, sondern deuten darauf hin, dass in der nunmehr vierten Verfilmung von Clive Barkers Erzählung „The Forbidden“, zwar klassische Horrortropen wie der unumgängliche Schock-Spiegel inhaltlich bedingt zwar vorkommen müssen, weder aber plump abgearbeitet noch das hauptsächliche Erlebnis des Films bilden werden. Wenngleich mindestens zwei der unvermeidbaren Slash-Situationen cineastisch äußerst formschön inszeniert sind – der erste Auftritt des Hakenhand-Killers inmitten des schick-reduziert präsentierenden White-Cube-Artspaces ist flackernd-furios, ein späterer durch wunderbares Wegzoomen in die Fernsicht aufbereitet –, würde der Film nicht ohne sein ambitioniertes Buch funktionieren, dem man deutlich, aber keineswegs störend, anmerkt, wie sehr Regisseurin und Ko-Autorin Nia DaCosta und Erfolgsgarant Jordan Peele (Produzent und ebenfalls Drehbuch, wie auch Ian Cooper) sich die Geschichte des zu Tode gefolterten schwarzen Sklaven, der als dämonenhafter Ruheloser wiederkehrend vielen an die Kehle geht, aneignen möchten. Dass Gore und Grusel hier nicht gewöhnlich und selbstgefällig werden, liegt daran, dass sie in ein schlaues Passepartout eingebettet sind, das aus der ökonomisch-rassistisch geprägten Gentrifizierungs-Problematik in Städten der USA sowie aus Schmerz und Gewalt, die über Generationen weitergegebenen werden, gewoben ist. So wird Candyman 2021, in dem hippen Artist mit farbbeflecktem Jäckchen und eklig entzündeter Bienenstich-Hand ein perfekt reflektiertes Pendant findend, auch in der – soviel darf verraten werden – erzählten Losgelöstheit von bloß einem individualen Horror-Subjekt verdientermaßen neue Fans finden.
