Ein Hoch auf das Kino der Frauen. Mit Happening von Audrey Diwan gewinnt in diesem Jahr ein feiner französischer Film den Goldenen Löwen in Venedig.
Nachdem am Samstagabend bereits mehr als die Hälfte der Preise vergeben waren, ging das große Grübeln los. Jane Campion hatte bereits den Regie-Preis für ihren famosen Spätwestern The Power of the Dog erhalten, der von vielen als einer der großen Favoriten für den Goldenen Löwen gehandelt worden war. Auch Paolo Sorrentinos The Hand of God hatte aus Sicht der Kritiker*innen vor Ort durchaus gute Chancen auf den Hauptpreis, erhielt jedoch stattdessen den Großen Preis der Jury, während sein Landsmann Michelangelo Frammartino für seinen kunstvoll inszenierten Höhlenforscherfilm Il Buco mit dem Specialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Der Eröffnungsfilm Parallel Mothers sowie Official Competition von Gastón Duprat und Mariano Cohn wurden ebenfalls relativ hoch gehandelt, obwohl keines der beiden Werke wirklich überzeugte – abgesehen von der hervorragenden schauspielerische Leistung von Penélope Cruz, die schließlich für ihre Mutterrolle in Almodovárs Drama mit einem Silbernen Löwen geehrt wurde. Danach blieben von den namenhaften Filmen nur noch The Lost Daughter und The Card Counter, doch obwohl Maggie Gyllenhaal für ihr Regiedebüt den Drehbuchpreis erhielt, ging Paul Schrader wie bereits vor vier Jahren mit seinem exzellenten First Reformed erneut gänzlich leer aus.
Auf das Abtreibungsdrama Happening von Audrey Diwan hatte kaum einer gesetzt, um so schöner, dass der Film am Ende mit dem Goldenen Löwen geehrt wurde. Und das, nachdem mit Nomadland von Chloé Zhao bereits im Vorjahr das Werk einer Regisseurin zudem mit einer weiblichen Protagonistin im Vordergrund die höchstmögliche Auszeichnung erhalten hatte. Die Jury, der in diesem Jahr der südkoreanische Regisseur und Oscargewinner Bong Joon-ho vorstand und der neben den Schauspielerinnen Virginie Efira, Cynthia Erivo und Sarah Gadon auch der rumänische Regisseur Alexander Nanau sowie Zhao angehörten, wollte scheinbar ein Zeichen setzen, nachdem bereits in Cannes die Außenseiterin Julia Ducournau mit der Palme d’Or für Titane für Furore gesorgt hatte. Zwei Regisseurinnen, beides Französinnen. Doch während sich Ducournau mit ihrem gewagten Genremix aus Psychottrip, Horror und einem zutiefst menschlichen Drama im besten Sinne des Wortes auf der Leinwand verausgabt, tastet sich Diwan eher fein und behutsam an ihre Geschichte, oder besser gesagt an ihre wundervolle Hauptdarstellerin heran. Anamaria Vartolomei spielt die 23-jährige Anne, eine junge Frau aus der französischen Provinz Anfang der sechziger Jahre, die nicht nur ihr ganzes Leben, sondern vor allem eine gute Ausbildung vor sich hat, was zu der Zeit keine Selbstverständlichkeit ist. Aber Anne ist klug, begabt und ehrgeizig, beliebt bei den Lehrern und begehrt bei den Männern, was ihr alsbald zum Verhängnis wird. Eine ungewollte Schwangerschaft bricht über das sogenlose Leben der ambitionierten Literaturstudentin ein. Basierend auf Annie Ernaux’ gleichnamigen autobiografischem Roman beobachtet Diwan im Wochenrhythmus wie Anne zunächst leise entschlossen, dann immer verzweifelter ihren Plan, das Kind abzutreiben, verfolgt – in einer Zeit, in der Schwangerschaftsabbrüche unter harter Strafe stehen und sie keine andere Wahl hat, als zu illegalen Mitteln zu greifen, um ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung geltend zu machen. Ähnlich wie Eliza Hittman mit Never Rarely Sometimes Always (2020) beschäftigt sich auch Diwan in Happening vor dem Hintergrund verschärfter Abtreibungsgesetze in Polen und den USA auf sensible, authentische und eindringliche Art und Weise mit einem zeitlos aktuellen Thema, dessen Brisanz kaum überschätzt werden kann, während Vartolomei den Film in einem bemerkenswerten Kraftakt auf ihren schmalen Schultern trägt.
Es war insgesamt ein Festival der Frauen, das in diesem Jahr am Lido gefeiert wurde. Mütter – ob gewollt oder nicht – bestimmten den Wettbewerb. Aber auch ein paar Männer machten von sich Reden, allen voran John Arcilla, der für seine Hauptrolle in dem philippinischen Krimidrama On The Job: The Missing 8 als Bester Schauspieler ausgezeichnet wurde, sowie Filippo Scotti in Sorrentinos The Hand Of God, der als bester Jungdarsteller den Marcello-Mastroianni-Preis erhielt. Auch Franz Rogowski hätte man eine offizielle Anerkennung seiner darstellerischen Leistungen gewünscht, zumal er, kostümiert als durchgeknallter Nazi auf der Jagd nach unfreiwilligen Superhelden, Gabriele Mainettis gescheitertes Fantasy-Kriegsdrama Freaks Out allein mit seiner Präsenz vor dem totalen Untergang rettet. Das vielleicht größte Versäumnis von Festivalchef Alberto Barbera war es jedoch, Potsy Poncirolis Western Old Henry «nur» außer Konkurrenz zu zeigen. Denn sonst hätte der Preis für den Besten Schauspieler eindeutig Tim Blake Nelson gehen müssen, nicht nur, weil er hier, wie sonst viel zu selten, endlich einmal wieder in einer Hauptrolle aufspielt, sondern weil sich hinter dem aufrichtigen, hart arbeitenden Farmer, den er zunächst gekonnt vorgibt, schließlich ein gewiefter und bemerkenswert fingerfertiger Revolverheld verbirgt.
Das politisch engagierte Kino, wie man es auf der Berlinale gerne feiert, hatte es in Venedig schwer. Allein die Positionierung der Filme in der zweiten Festivalhälfte, nachdem sich zuvor bereits fast alle der in diesem Jahr am Lido vertretenen großen Namen die Klinke in die Hand gegeben hatten, war keine günstige Voraussetzung. Dabei bot insbesondere Jan P. Matuszyskis Leave No Traces über die Hintergründe der Ermordung des polnischen Studenten Grzegorz Przemyk im Jahre 1983 ein komplexes, extrem detailliertes und bewegendes Drama. Doch Matuszyskis konnte die Jury ebenso wenig überzeugen wie etwa Pablo Larraíns Spencer mit Kristin Stewart in erstklassiger Form als Prinzessin Diana – ein Film, der vor allem in der nachträglichen Reflexion noch um einiges an Größe gewinnt. So wie übrigens auch Sundown von Michel Franco, der auf den ersten Blick zunächst frustrierend undurchsichtig und ziellos auf den Betrachter wirkt, jedoch nur, um sich im Hinterkopf festzusetzen und anschließend eine intensivere Auseinandersetzung zu fordern.
Zum Abschluss hatte Barbera mit dem allerneuesten bildgewaltigen Historiendrama von Ridley Scott noch einen besonderen Trumpf im Ärmel. Allerdings war die eigentliche Sensation am Lido weniger The Last Duel selbst, auch wenn der Film, mit Jodie Comer, Adam Driver, Matt Damon und Ben Affleck hochkarätig besetzt, überraschend gelungen und unterhaltsam daherkam. Als viel Wichtiger erwies sich an Ort und Stelle die Ankunft Afflecks an der Seite von Jennifer Lopez, die offiziell in ihrer Position als Botschafterin für das Modehaus Valentino nach Venedig gereist war, und damit sogleich einen Social-Media-Sturm angesichts des gemeinsamen Auftritts des glücklich wiedervereinten Glamour-Paares hervorrief.
Dem Festival schadet die Publicity nicht, auch nicht dem Film, der übrigens schon bald in die heimischen Kinos kommt. Barbera hat den Dreh raus, wie er Venedig als glitzerndes Event im Vorfeld der Oscar-Saison zelebriert, und die Stars und Regiegrößen folgen seiner Einladung gern. Aber bei allem Glamour sollen auch kleinere Filme wie True Things mit der stets exzellenten Ruth Wilson oder der Politthriller Promises von Thomas Kruithof, der in diesem Jahr die Sektion Orizzonti eröffnete, nicht unbeachtet bleiben. Denn mit Isabelle Huppert in der Rolle einer engagierten Pariser Bürgermeisterin auf der einen Seite und Wilson auf der anderen als verlorene junge Frau ohne Halt und ohne Ziel, die jedoch genau weiß, was sie nicht will, kommen noch mindestens zwei weitere Frauen hinzu, die Venedig in diesem 78. Jahrgang zu einem besonderen Ereignis gemacht haben. Mit Audrey Diwan als Gewinnerin des Goldenen Löwen ist das Festival angemessen zu Ende gegangen. Die Vorfreude auf die nächste Edition ist bereits groß.
