Je suis Karl

Filmkritik

Je suis Karl

| Pamela Jahn |
Mutiger Thriller mit großen Ambitionen und starker Besetzung

Karl (Jannis Niewöhner) ist einer dieser charismatischen Typen, denen man nicht widerstehen kann. Sie ziehen einen an mit ihrer freundlichen, ungezwungenen Art, dem Beschützerinstinkt und den Rehaugen, die es schwer machen, nach dem ersten Blickkontakt noch irgendwo anders hinzuschauen. So geht es auch Maxi (Luna Wedler), die gerade ihre Mutter und Zwillingsbrüder bei einem Terroranschlag verloren hat. Als sie vor ein paar penetranten Reportern flüchtet, steht Karl plötzlich vor ihr und von dem Moment an ist alles nur noch halb so schlimm. Karl bietet ihr nicht nur Schutz und Halt, sondern auch eine Perspektive: Denn er ist der Frontmann einer neuen jungen europäischen Bewegung, die mit einer „Revolution des Wissens“ sowie jeder Menge rechter Ideen und Praktiken die Welt verändern will. Dafür reist er von Berlin nach Prag, dann weiter nach Paris, um mit effektvollen Auftritten neue Anhänger zu werben. Mit einigem Erfolg. Nicht nur Maxi lässt sich von Karls kalkulierten Sprüchen neu motivieren. Die Stimmung ist euphorisch, mitunter ekstatisch, bis sie irgendwann eskaliert.

Nach Die Täter – Heute ist nicht alle Tage, dem ersten Akt des ARD-Dreiteilers über die Verbrechen des NSU, ist Je suis Karl die zweite Zusammenarbeit von Christan Schwochow und dem Autor Thomas Wendrich. Ganz gelungen ist ihnen eine erfolgreiche Fortsetzung in diesem Fall zwar nicht, aber den Versuch war es allemal wert. Je suis Karl ist einer dieser Filme, die (zu) hoch hinauswollen und am Ende an ihren Ambitionen scheitern. Ein rasanter Thriller, der das Romantische mit dem Politischen unter einen Hut zu bringen versucht. Was immer noch besser ist als ein Film, der überhaupt kein Risiko eingeht. Allein das ist Schwochow hoch anzurechnen. Der 1978 in Bergen auf Rügen geborene Bad Banks-Regisseur kennt sich aus mit falschen Ideologien und erzählt in großen Bildern, mit schnittigem Score und einer wohl gewählten Besetzung, eine Geschichte, die Wahrheiten enthält auch wenn sich das Drehbuch im finalen Akt ins Extreme flüchtet und darin verliert. Niewöhner steht die Doppelrolle des charmanten Retters und verträumten Märtyrers zu – und sie steht ihm gut. Aber auch Wedler verleiht Maxi genügend Kraft und Ausstrahlung, um ihre Figur bis ins Mark glaubhaft zu machen. Ihre Zerrissenheit zwischen Wut, Schmerz und Desillusion bildet das emotionale Epizentrum des Films. Milan Peschel als hilf- und hoffnungsloser Vater, der sich wie gelähmt in seiner Trauer vergräbt, schafft dagegen das nötige Gleichgewicht in einer Handlung, die immer schneller, immer größer, immer fragwürdiger wird. Die einzige Rettung ist ein langer schwarzer Tunnel, der ins Ungewisse führt.