Regisseurin Sonia Liza Kenterman über die Überwindung ihrer eigenen Schüchternheit, die Horrorvorstellung, dass junge Leute jetzt noch mehr Zeit zu Hause verbringen und über Schneider, die keine unnötige Bewegung machen.
Der Protagonist in Sonia Liza Kentermans sensiblem Debütfilm Der Hochzeitsschneider von Athen (Raftis) ist ein Überbleibsel aus einer Zeit, als das Schneiderhandwerk noch als Ausdruck einer Kunstform galt, in der die Menschen Materialien wie Stoffen noch Wertschätzung zollten. Der introvertierte Nikos muss sich nicht nur um seinen erkrankten Vater und Lehrmeister kümmern, sondern sich über Nacht selbst neu erfinden, als auf Grund der Finanzkrise in Griechenland dem wohlbestückten Schneidergeschäft die Kunden abhanden kommen. Auch durch die Hilfe seiner Nachbarin Olga und ihrer quirligen Tochter erkennt er eine Marktlücke und verdingt sich von nun an mit Hilfe eines selbst gebauten Marktwagens an öffentlichen Plätzen als Designer und Näher von Hochzeitskleidern. Auch wenn überall gespart wird, am hoffentlich schönsten Tag des Lebens muss die Braut einfach ihr Glück auch optisch optimal verkörpern. Wenn man nicht genug Geld hat, wird eben mit frischen Fischen bezahlt.
Diese Hymne an die Kreativität des Handwerks passt sich auch im Stil perfekt ihrem Sujet an: Die junge griechische Regisseurin, die in London die Filmschule abgeschlossen hat und jetzt dort lebt, legt wie jede gute Handwerkerin sehr viel Wert auf die Details und den richtigen (leichten) Ton. Nahaufnahmen der Hände und der Schneiderwerkzeuge in Aktion kombiniert mit stimmungsvollen Stadtbildern und einem Protagonisten, der als großes, naives Kind über die Hektik der modernen Zeit staunt, ergeben eine leicht melancholische Komödie über einen Außenseiter, der althergebrachte (Karo-)Muster überwinden muss, um in der Veränderung seinen Frieden zu finden.
Ihr Debütfilm lebt sehr stark von den Charakteren und von der Atmosphäre. War die erste Idee eher ein Bild oder die Geschichte?
Sonia Liza Kenterman: Es war ein Bild oder eher eine Situation, die dann gar nicht direkt in den Film eingeflossen ist. Als die finanzielle Krise in Griechenland begann, studierte ich gerade in London und bekam davon nicht allzuviel mit, weil ich nur zu Weihnachten, Ostern oder im Sommer kurz dort war. Als ich in einer ziemlich reichen Gegend von Athen auf einer Bank saß und auf einen Kinderschauspieler wartete, der in einem Kurzfilm von mir mitspielte, kam eine ältere Dame auf mich zu und bat um einen Euro. Im ersten Moment dachte ich, sie braucht Kleingeld für die Parkuhr oder sowas ähnliches, bevor mir schlagartig klar wurde, dass sie bettelte. Diese Erkenntnis war wie ein Schock für mich, sowas hatte ich in meiner Zeit des Heranwachsens in Athen nie gesehen, ich wollte dieses Thema, wie Menschen mit dieser finanziellen Herausforderung umgehen, in einen Film verpacken, auch wenn diese Art von Armut im Film gar nicht vorkommt.
Wie kamen Sie dann auf einen Schneider als Protagonisten?
Sonia Liza Kenterman: Meine Ko-Autorin und ich, wir sind zwar nicht besonders alt, aber wir sind beide sehr berührt vom Aussterben der Handwerkskunst, was vielleicht auch daran liegt, dass wir etwas altmodisch sind. Wir haben zum Beispiel auch das Drehbuch auf Papier geschrieben, das waren ganz schön viele Notizbücher. Das Interessante an diesen Berufen, wo Dinge mit der Hand hergestellt werden, ist ihre größere Wertschätzung von Zeit. Die Schneider und auch ihre Kunden verwenden viel Zeit, um den bestmöglichen Anzug abzuliefern und zu bekommen. Diese lange Konzentration auf die handwerkliche Arbeit führt dazu, dass sie beinahe in einer anderen Geschwindigkeit leben als der Rest der modernen Welt. Das lässt einen Handwerker wie ein Relikt aus einer längst untergegangenen Ära erscheinen und führt dazu, dass ihn seine Umgebung und die Zuschauer als seltsam wahrnehmen. Sogar seine Reaktionen auf Menschen sind ein wenig verspätet, er braucht einfach mehr Zeit, um zu verdauen, was er sieht und was er fühlt. Diese langsamere innere Uhr macht ihn und viele andere Menschen auch zu Außenseitern, die sich in sich zurückziehen, weil die Werte der Gesellschaft derzeit andere sind, weil Geschwindigkeit als solches ein wichtiger Wert in unserer Gesellschaft ist.
Dimitris Imellos trägt den Film mit Leichtigkeit. Seine Performance, seine Haltung erinnern an Buster Keaton, aber auch an eine sehr interessante Mischung aus Rowan Atkinsons Mister Bean in seiner Kindlichkeit und Gregory Peck in seiner würdevollen Erscheinung. Wie sind sie auf ihn gekommen?
Sonia Liza Kenterman: Dieser Vergleich würde ihm sicher gefallen. Er ist ein sehr bekannter Schauspieler in Griechenland, und ich verfolge seine Karriere schon lange, ohne ihn jemals persönlich kennengelernt zu haben. Ich dachte schon während des Drehbuchschreibens an ihn. Es war auch eine sehr wichtige und weitreichende Entscheidung. Mir war klar, dass er die komische Seite des Charakters sehr stark betonen würde, denn auch wenn er vor allem im Theater hauptsächlich sehr dramatische Figuren verkörpert, hat er auch schon in einigen Komödien sehr subtil agiert. Er hat auch die richtige Physiognomie, auch wenn wir ihn mit Hilfe von Make-up und Frisur noch stark verändert haben. Wir haben dann einige Keaton-Filme geschaut, weil auch unsere Hauptfigur ein fast stummer Charakter ist. Er spricht sehr wenig und drückt seine Emotionen verbal nur in einer einzigen Szene aus. Deshalb musste sein Gesicht sehr ausdrucksstark sein und sozusagen für ihn sprechen. Als Schneider ist er auch sehr geometrische Bewegungen gewöhnt, Schneider würden nie eine Bewegung zu viel machen, zumindest die vier, mit denen wir in der Vorbereitung und auch noch während der Dreharbeiten zusammengearbeitet haben.
Haben Sie sich schon früh für den Tonfall des Films entschieden, oder ist diese Atmosphäre der Leichtigkeit eher später im Prozess entstanden?
Sonia Liza Kenterman: Der Ton des Films hat sich während des Schreibprozesses sehr verändert. Am Anfang war er ziemlich düster mit einem eher deprimierenden Schluss und einem klar sozialrealistischen Anspruch. Aber dann dauerte es einige Jahre, bis wir endlich das Geld für den Film zusammenkratzen konnten, und in dieser Zeit veränderte ich mich, und mein Blick auf die Welt wurde vielleicht ein wenig milder. So ergab es sich ganz organisch, dass mit meinem optimistischeren Blick auf die Krise auch der Ton und die Aussage des Films eine positivere Note bekamen, wobei auch der Einsatz der Musik eine große Rolle spielte. Es war am Ende dann fast eine Art von ethischer Entscheidung für mich, zu zeigen, dass einzelne Menschen und die gesamte Gesellschaft auch gestärkt aus einer Krise hervorgehen können. Als wir den Film 2019 fertigstellten, war noch nicht abzusehen, dass wir mit Covid in einer Art permanenten Krise sein würden. Die aber auch wieder dazu geführt hat, dass Leute kreativ mit der Situation der Lockdowns umgegangen sind und z.B. dringend benötigte Waren wie Lebensmittel geliefert haben, also gleichzeitig mobiler geworden sind – natürlich oft in einer Art Schwarzmarkt – und unbeweglicher. Was ich für keine gute Entwicklung halte ist, dass unsere Gesellschaft eigentlich durch die ganze Digitalisierung und Vernetzung sehr gut vorbereitet war auf dieses erzwungene Zu-Hause-Bleiben. Sehr viele gerade jüngere Leute waren es auch vorher durch die Möglichkeiten des Internets wie Streaming, Online-Shopping etc. gewohnt, alles daheim zu erledigen. Und dieser Trend hat sich durch die Pandemie enorm verstärkt, das macht mir Angst.
Bei einem Film, der von starken Charakteren lebt, darf man wohl davon ausgehen, dass auch ein Teil von Ihnen in diesen Figuren steckt?
Sonia Liza Kenterman: Natürlich sind auch einige Charaktereigenschaften von mir in die Hauptfigur eingeflossen, seine Detailverliebtheit und wohl auch sein eher langsamer Rhythmus. Wie er starte ich auch oft erst mit Details, mir erschließt sich nicht gleich das ganze Bild, das Panorama. In der Unterstufe hatte ich einen Klassenkameraden, der immer irgendwas im Mund hatte. Wenn er einen neuen Stift hatte, kaute er mit Hingebung darauf herum. Erst Jahre später ist mir klar geworden, dass das sein Weg war, die Welt zu begreifen, mit ihr vertraut zu werden. Da hat jeder seinen eigenen Zugang, mein Weg, ein neues Land kennen zu lernen, führt zum Beispiel hauptsächlich über das lokale Essen, das ich ausgiebig probiere. Das gibt mir auf eine komische Art das Gefühl, das Land besser zu verstehen.
Waren oder siånd Sie auch so schüchtern wie Ihr Protagonist?
Sonia Liza Kenterman: Früher war ich schüchtern, sehr in mich zurückgezogen. Das ging so weit, dass ich in den Pausen oft im Klassenzimmer blieb, was mich nicht unbedingt populärer machte in der Klasse. Heute schreiben mir ehemalige Klassenkollegen, dass sie sich nie hätten vorstellen können, dass ich jetzt Filme mache und in der Öffentlichkeit stehe und Interviews gebe (lacht). Was mich auch stark mit Nikos verbindet, ist der unbedingte Wunsch, kreativ zu sein. Und dieser Drang lässt ihn im Film auch hinausgehen in die Welt. Es geht gar nicht so sehr darum, seinem Vater zu helfen oder um die finanzielle Krise zu meistern. Das auch, aber sein Hauptantrieb ist, dass er mit seinen Händen etwas Kreatives machen will, sonst könnte er sie gleich abhacken. Und ich wollte einfach unbedingt Filme machen, deshalb und nur deshalb bin ich dann mit 23, 24 aus meinem Schneckenhaus, meiner Schutzhülle ausgebrochen.
