Miniserie | Sky

Totti – Il Capitano

| Jakob Dibold |
Die Sky-produzierte Miniserie „Totti – Il Capitano“ dramatisiert hoch vergnüglich den Karriereherbst der Fußball-Legende Francesco Totti. Als poppige Doku-Tragikomödie ist sie eine gelungene Erweiterung der ebenfalls on demand verfügbaren, klassischeren Dokumentation über AS Romas Nummer 10. Eine zweifache Empfehlung.

Am 28. Mai 2017 betonte Francesco Totti bei seiner Abschiedsrede vor rund 70.000 Menschen im Stadio Olimpico, dass er sich doch stets viel besser mit seinen Füßen ausdrücken habe können als mit Worten. Wie viel der Kapitän der AS Roma des 21. Jahrhunderts in der erstmals rund eineinhalb Jahre später erschienenen Autobiografie „Un Capitano“ also letztlich selbst formuliert hat, und ob nicht der Fußballjournalist Italiens, Paolo Condò, mehr als nur Ko-Autor war, sei dahingestellt. Sicher auch nicht zuletzt deshalb, weil Condò seit 2015 offiziell für Sky tätig ist, mündete das Buch in Kooperation mit Sky in eine Dokumentation und schließlich auch als waschechtes Sky Original in eine Serie: Während der wortgetreu ins Deutsch übersetzte Doku-Film Mi chiamo Francesco Totti hierzulande seit August auf Sky Q abrufbar ist, läuft die auf den gleichen Tatsachen beruhende, aber doch fiktionalisierte Miniserie Speravo de morì prima nun simpler tituliert als Totti – Il Capitano mit Start am 30. September an drei Donnerstagen mit zwei Folgen auf Sky Atlantic (und ist ebenfalls auf Sky Q verfügbar) Der deutsche Name ist zwar weniger klingend, aber durchaus logisch – mit „Ich hoffte, vorher zu sterben“ hätten vermutlich nur kleinste Teile des deutschsprachigen Publikums gleich etwas anfangen können.

Der ganz normale Irrsinn
Im fußballverrückten Italien wurde der Satz „Speravo de morì prima“ als Aufschrift einer jener zahlreichen Fahnen-, Transparent- und Doppelhalter-Huldigungen berühmt, mit dem die Tifosi ihrer Nummer 10 am letzten Tag die Ehre erwiesen. In Mein Name ist Francesco Totti erzählt der Maestro, dessen Fans also teilweise sogar hofften, durch frühzeitigen Tod nicht miterleben zu müssen, wie er die Schuhe an den Nagel hängt, höchstpersönlich über eine beeindruckende Dichte an Archivmaterial sein Leben – quasi von Geburt an. Zu verdanken haben wir die wunderbaren Aufnahmen, die erst ein am Sandstrand einem viel zu großen Ball nachjagendes Kleinkind, dann einen schüchternen Buben im Faschingskostüm oder in adretter Schulkleidung und später einen drahtigen Teenie zeigen, der im Trikot des A.S. Lodigiani (damals hinter der Roma und Lazio die Nummer drei in der Haupstadt) zu glänzen beginnt, der Familie Totti selbst. Besonders spätere, wie das videografierte Verwandtschafts-Gruppenfoto vor der ersten Abreise des jungen Stars zu einem Auswärtsspiel der Nationalmannschaft, entstammen der Kameraführung von Francescos Bruder, der an Filmsets arbeitete. Wenn Tottis Stimme über diese Bilder tönt, ist sehr schön zu erkennen, wie sehr er im Grunde vom Akteur in die Rolle des Kommentators wechselt. Die Ikone kommentiert chronologisch und gefühl- wie auch humorvoll, wie seine Welt im Laufschritt abnormaler wurde. Wie sehr dabei Genialität und Wahnwitz, Licht und Schatten gar nicht so sehr vordergründig am Spielfeld den einzigartigen Weg Tottis zum „König Roms“ mitprägen, kristallisiert sich deutlich heraus: Gewinnt das verfeindete Lazio die Meisterschaft oder das Derby, ist kaum daran zu denken, das eigene Haus zu verlassen – jedoch wegen der eigenen Fans. Andererseits ist Francesco schon als 18-Jähriger ohnehin dermaßen populär, dass er im Grunde auch vor lauter Zuneigung und Anhimmelei nicht mehr ungestört auf die Straße gehen kann.

Ewige Stadt meets Big Brother
Einerseits spielt Regisseur Alex Infascelli (der mit S Is for Stanley, die von Kubricks Beziehung zu seinem jahrzehntelangen Chauffeur Emilio D’Alessandro handelt, schon 2015 eine ungewöhnliche Doku vorgelegt hat) dieses pausenlose Beobachten bis in Truman Show-Nähe mit – sogar vom chirurgischen Eingriff an Tottis Bein im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2006 gibt es Original-Mitschnitte direkt aus dem OP-Saal zu sehen –, andererseits überlässt er dem Gefilmten die mitunter intime Kontextualisierung dieser Bilder. Sein größter Wunsch sei es, einen Tag lang unsichtbar zu sein, sagt Totti, einen Tag ohne den Trubel zu haben, bevor er stirbt. Anfänge und Enden strukturieren den Film zu einem Dokument aus Zyklen: Der Alt-Kapitän Giannini übergibt das Zepter, Francesco folgt ihm nach und findet in dem Kindheitsfreund Vito einen treuen Begleiter, der ihm nie von der Seite weicht und nicht nur sein persönlicher Betreuer im Verein, sondern quasi wie ein Bruder wird. Der Trainer-Rückkehrer Spalletti vermiest dem Capitano schließlich seine allerletzen Jahre. Totti, den sein erster, spontaner Profi-Einsatz ein bisschen wurmte – hatte er doch vorgehabt, mit Freunden essen und tanzen zu gehen –, kann schwer realisieren, dass er abtritt. Und schon beim Erwachen in diesen neuen, letzten Profispieler-Tag, wird er gefilmt – im eigenen Bett von seiner Frau Ilary und ihrem Smartphone.

Ist in der wirklich sehenswerten Dokumentation also primär Archivmaterial vordergründig, das manchmal durch kurze Clips vom nachdenklichen Totti im Dunkel des Olimpico gebrochen wird, konzentrieren die sechs Folgen von Totti – Il Capitano ihren hauptsächlichen Handlungsstrang auf das Karriere-Ende und das Privatleben des Stars, naheliegenderweise mit vielen Rückblenden eigener Erinnerung. Dabei setzt man sehr oft auf vollständige, mit viel Humor und sorgloser Verspieltheit gestaltete Dramatisierung: Folge eins, Szene eins. Eine Strafvollzugsanstalt. Ein junger Mann soll entlassen werden, seine Freundin wartet schon vor den Toren. Er bittet darum, noch ein bisschen bleiben zu dürfen. Logisch, kommt doch sein Kapitän bald die Häftlinge besuchen.

Er kommt wirklich und posiert geduldig für Fotos. Gespielt wird Totti von Pietro Castellitto, einem Mann, der ihm optisch nicht zwingend bis aufs Letzte ähnelt, der aber effektiv das Bild eines sensiblen, geerdeten Menschen hinter dem Wunderkicker verkörpert. Die Serie setzt mit der Ankunft des neuen Coaches ein: Ausgerechnet unter Luciano Spalletti, dem hitzköpfigen Glatzkopf, der die Mannschaft schon einmal betreute und das Herzstück seines Teams – was sonst nur Freunden vorbehalten ist – liebevoll Checco nannte, soll die Reise zu Ende gehen. Doch es kommt weit weniger angenehm, als Francesco erwartet. Spalletti (Gianmarco Tognazzi), der hier optisch lustigerweise übrigens oft eher an Matthias Sammer erinnert, lässt ihn nämlich links liegen.

High Noon, Halluzinationen und Melancholie
Auf einer wilden Achterbahnfahrt aus Flashbacks auf den sportlichen Aufstieg und der neuen, finalen Herausforderung lernen wir Mama Tottis sehr zum Entsetzen eines Pfarrers lautstark ausgelebte Affinität für Schimpfwörter ebenso kennen wie die von Vertrauen und Wahrhaftigkeit gekennzeichnete Partnerschaft mit Ehefrau Ilary (Greta Scarano), die ihrem drolligen, unbeholfenen und eben doch liebenswerten Macho in fürsorglicher Ruhe und einfühlsamer Ratio mit Rat und Tat zur Seite steht. So unwahrscheinlich, beeindruckend und aberwitzig die inszenierten Fakten sind – Totti bangt um die WM, der durchgeknallte Spalletti kommt jeden Abend mit Taktik-Tafel ins Krankenzimmer, Totti verwandelt, kaum vollständig genesen, einen lebenswichtigen Elfer in der K.O.-Phase und wird Campione del Mondo; Totti verliebt sich in einen Fernsehstar, lädt sie zum Derby ins Stadion ein, schießt knapp vor dem Ende ein Traumtor und flirtet beim Jubel mit T-Shirt-Spruch unter dem gelb-roten Trikot, die beiden werden ein Paar und heiraten; Totti nimmt durch eine Fügung des Schicksals ungeplant an einem Testturnier mit u.a. Ajax Amsterdam teil, dessen Star Jari Litmanen ihn bei der Roma ersetzen soll, liefert eine unfassbare Leistung ab und wird doch nicht ausgebootet … – am allermeisten Spaß machen doch die phantasievoll überdrehten Sequenzen: Da stehen einander Spalletti und Totti in bester Western-Opern-Manier gegenüber, dort endet eine 40er-Geburtstagsfeier mit einer bittersüßen Cinderella-Anspielung (auch farblich perfekt, Stichwort Kürbis), last not least stiehlt ein visionenhaft wiederkehrend erscheinender Antonio Cassano als völlig durchgeknallte Mixtur aus mephistotelischer „Grillo Parlante“ (Jiminy Cricket) und Tyler Durden die Show.

Stay Real
Cassano-Darsteller Gabriel Montesi sieht dem echten Enfant Terrible Cassano täuschend ähnlich, das erst bei der Roma gemeinsam mit Totti zauberte, später mit einem Tor im Dress von Sampdoria die ehemaligen Kollegen im letzten Spiel um den Scudetto brachte – und dazwischen bei den Königlichen war, zu denen der König nie ging: Der Nicht-Wechsel Tottis zu Real Madrid nimmt eine bedeutende Rolle in der Serie ein, da in den Gedankenspielen darum deutlich wird, wie tief Totti mit seinem Lebensklub und seiner Lebensstadt in Symbiose lebt. Der Capitano entscheidet sich bekanntlich immer und immer wieder für einen Verbleib in Rom – zwei Videotelefonate im Karriereherbst mit höchst prominenten Mitstreitern aus der Squadra Azzurra, die sich selbst mimen und sich mit solchen späten Transfers bestens auskennen, sind für das fußballbegeisterte Serien-Publikum dabei übrigens ein Hochgenuss.

Wie sehr die Darstellung des den Tatsachen ensprechenden Geplänkels zwischen Trainer und Vereins-Ikone auf Realismus bedacht ist, lässt sich unter anderem in einer Szene erkennen, in der sich Totti, der lieber zu Hause bleiben wollte, weil Spalletti ihn nicht in den Kader berufen hat, auf Anraten von Ilary doch auf der Tribüne des Olimpico niederlässt. Die Sitzordnung, die Kleidung sowie das zaghafte, jedoch nicht ungenussvolle Aufstehen als Antwort auf ermunternde Fangesänge sind minutiös 1:1 aus Archivmaterial re-enactet. Diese sehr bewusste Offenlegung von Wirklichkeits-Abbildung trägt selbstredend stark dazu bei, dass man sich gar nicht mehr sicher zu sein traut, ob nicht scheinbar eindeutig erfundene, weil gar so unterhaltsame Details der Serie doch näher an den historischen Fakten sein könnten als geahnt.

Fußballbegeisterung und Fakten als abschließende Schlagworte: Natürlich macht Totti – Il Capitano wohl primär jenen Freude, die das Spiel lieben. Das liegt aber eher daran, dass sich wohl hauptsächlich dem Kunstleder Verfallene in das Seherlebnis stürzen werden – was aber tatsächlich schade wäre. Das Gebotene ist nämlich gerade in seinen Konventionen unkonventionell, da es sich zum einen herrlich unbeschwert präsentiert, zum anderen eine nicht unspannende Verquickung von Dokudrama und Archivbildern darstellt, die sich dessen, was sie kann oder nicht kann, äußerst bewusst ist. So romantisierend, heroisierend der Capitano ins Zentrum gerückt ist und so wunderbar blöd klischiert manche Motive wirken, so sehr ist Totti auch Normalo mit Macken und Mängeln, mitunter fast Anti-Held, so sehr stecken in den Klischees eben doch viele Wahrheiten – Schimpftiraden von Verwandten, der wahnsinnige Cassano, der überfordernde, zum Umzug der Familie nötigende Fame, aber auch die verheißungsvolle Berührung des jungen Francesco durch Papst Johannes Paul II. lassen sich beispielsweise nicht zuletzt in der Doku auf Authentizität gegenchecken. Den Trip zu wagen, sei also ausdrücklich auch jenen empfohlen, die der Sportart (zugegeben natürlich teils völlig zu Recht) skeptisch gegenüber stehen, vielleicht lässt es auch sie nicht kalt, wenn der ewig Treue zu Zigtausenden Schluchzenden zitternd ins Mikro spricht und in seinen goldenen Spezial-Nikes zum allerletzten Mal einen Ball in die Kurve schießt. Den Versuch ist es wert. Ilary Blasi interessierte Fußball ja zum Beispiel lange Zeit auch nicht im Geringsten.