Viennale. Ein Schwerpunkt

Crowd Pleaser und Subversion

| Oliver Stangl |
Von 21. bis 31. Oktober findet die 59. Viennale statt.

Das Nachdenken über imaginäre Grenzen, der Dialog der Generationen, die Krise der Demokratie, die Betonung des Politischen: Schwerpunkte, die Festivaldirektorin Eva Sangiorgi auf der diesjährigen Viennale-Pressekonferenz bekanntgegeben hat. Als Festivalsujet wurde diesmal eine „natürliche Landschaft“ gewählt, die die „Wieder-Öffnung unserer geografischen und geistigen Grenzen“ herbeisehnen lasse. Ähnlich dem kinematografischen Dispositiv sei dieser Sehnsuchtsort „Wiedergabe und Projektion“ zugleich. Das Programm, das die seit 2018 im Amt befindliche Sangiorgi zusammengestellt hat, verspricht also ein Spiegel gesellschaftlicher Bruchlinien zu werden. Im Folgenden finden Sie eine kleine Auswahl der Werke, die zu Redaktionsschluss bekannt waren – man kann davon ausgehen, dass die Direktorin noch  Highlights aus Venedig in die Bundeshauptstadt bringen wird. Wie so oft in den letzten eineinhalb Jahren drücken wir an dieser Stelle natürlich auch die Daumen, dass nichts dazwischenkommt und das Festival ungehindert über die Bühne gehen kann.

Sparks, Hong, Murakami
Musikdokus sind seit jeher ein fixer, gut gehender Bestandteil des Viennale-Programms, und zu den programmierten „crowd pleasern“ dieses Jahrgangs gehört sicherlich The Sparks Brothers von Edgar Wright. Der Brite, der als Spielfilmregisseur schon diversen Genres (etwa Zombies mit Shaun of the Dead oder Action mit Baby Driver) humorvoll Reverenz erwiesen hat, liefert auch mit seinem ersten Dokumentarfilm eine humorvolle Hommage ab: Wright nähert sich der Band, die mit ihrer Mischung aus bissig-satirischen Texten und eingängigen Klängen Kult wurde, mit einer Mischung aus Archivmaterial und Interviews (darunter Beck, Flea oder Neil Gaiman). Das macht nicht nur Spaß, sondern ist auch sehr informativ, denn in dieser geballten Form wird deutlich, wie oft die Brüder Mael, die sich nie auf ein Genre festlegen ließen, ihrer Zeit voraus waren. Von Rock über Glam bis Disco – überall setzten die beiden Maßstäbe, ohne sich der breiten Masse anzubiedern. Mit Anfang 70 zeigen sie immer noch keine Ermüdungserscheinungen und steuerten kürzlich sogar für Leos Carax’ Drama Annette, das dieses Jahr den Regiepreis in Cannes holte, Drehbuch und Musik bei. Wer bislang noch kein Fan von Ron und Russell Mael war, könnte durch diesen Film definitiv einer werden.

Das Zeug zum Publikumshit könnte auch Bergman Island von Mia Hansen-Løve haben: Im Film reist das amerikanische Ehepaar Christine (Vicky Krieps) und Anthony (Tim Roth) auf die schwedische Insel Fårö, um dort, wo Regie-Gott Ingmar Bergman seine Drehbücher schrieb, Inspiration zu finden. Seitenblicke-affine Cineasten können in Bergman Island u.a. eine Bestandsaufnahme der Beziehung von Hansen-Løve zu Regisseur Olivier Assayas sehen; dazu kommt noch ein Film-im-Film, der die Beziehung von Christine und Anthony reflektiert. Die bisherigen Kritiken waren eher gemischt, wobei Befürworter besonders die Auseinandersetzung mit den Themen Kreativität und Beziehungsleben lobten.

Das asiatische Kino ist wie gewohnt mehrfach vertreten. Der von Sangiorgi angesprochene Generationenkonflikt lässt sich beispielsweise recht deutlich in Introduction, dem 25. Spielfilm des Südkoreaners Hong Sang-soo, finden: In Schwarzweiß, mit knackiger Lauflänge von 66 Minuten und ein wenig Berlin erzählt Introduction in drei Kapiteln davon, wie Eltern ihren Kindern einen vorteilhaften Platz im Leben sichern wollen. Doch sie haben die Rechnung ohne Nachwuchs gemacht, der schlicht und einfach andere Pläne hat. Neben dem Konflikt zwischen Alt und Jung kommt anhand einer Figur, die Schauspieler ist, noch das Thema Liebe bzw. die Frage ihrer Darstellung im Film dazu. Auch die Fanbase von Hong Sang-soo wird dem Festival sicherlich einen Besuch abstatten.

Haruki Murakami geht meistens ja auch sehr gut beim Publikum; hinzu kommt noch der Bonus, dass Drive My Car, die Murakami-Adaption des japanischen Regisseurs Ryûsuke Hamaguchi, in Cannes gleich dreifach prämiert wurde: Bestes Drehbuch, FIPRESCI-Preis, Preis der Ökumenischen Jury. Im Zentrum steht Schauspieler und Theaterregisseur Yûsuke Kafuku (in vielen Viennale-Filmen dieses Jahres sind die Protagonisten Künstler), der in Hiroshima Tschechows „Onkel Wanja“ inszeniert und zwei Jahre zuvor seine Frau verlor. Dabei wird ihm als Fahrerin die verschlossene Misaki zugeteilt, die ihn täglich zur Arbeit chauffiert; allmählich erzählen die beiden einander von ihrer gebeutelten Vergangenheit, und Kafuku offenbart Misaki, was wirklich mit seiner Frau passiert ist.

Aus Kanada dabei ist der alte Viennale-Bekannte Denis Côté mit Hygiène sociale, in dem Menschen in historischen Kostümen auf einer Wiese stehen und sich aus der Distanz anschreien: Die weiblichen Figuren versuchen, den Dieb Antonin zu ändern, doch dieser will nun mal nicht. Côté macht es dem Publikum also wie so oft nicht unbedingt leicht, doch Herausforderungen können ja auch eine spannende Angelegenheit sein.

Aus österreichischer Produktion stammt Sebastian Meises Drama Große Freiheit, das die Geschichte des Homosexuellen Hans (Franz Rogowski) erzählt, der im Deutschland der Nachkriegszeit aufgrund seiner Neigung ins Gefängnis muss. Dort freundet er sich nach anfänglicher Abneigung langsam mit Viktor (Georg Friedrich) an. An Auszeichnungen gab es bisher den Jurypreis der Sektion „Un certain regard“ in Cannes sowie Darsteller-Trophäe (Georg Friedrich) und Hauptpreis in Sarajevo. In einer Nebenrolle dabei ist Thomas Prenn, kürzlich mit dem Österreichischen Filmpreis für seine Rolle in Hochwald ausgezeichnet.

Voice-over und Widerstand
Eine Monografie ist Terence Davies gewidmet: Der bald 76-jährige Brite verarbeitet in seinem Werk persönliche Themen – darunter Aufarbeitung eines Vaters-Traumas, kritischer Blick auf die konservativen britischen Verhältnisse, in denen er aufwuchs, Homosexualität –, ohne allerdings als Scharfrichter aufzutreten. Sein poetischer Stil, in dem das menschliche Erinnerungsvermögen oftmals ein Leitmotiv darstellt, gewinnt seinen Themen durchaus ambivalente Schattierungen ab; eventuell könnte man von kritisch-melancholischer Nostalgie sprechen. Erinnerungen und Vergänglichkeit stehen auch im Zentrum des von Davies gestalteten diesjährigen Viennale-Trailers, in dem ein junger Mann eine Treppe erklimmt und ein älterer Mann (Peter „Doctor Who“ Capaldi) diese Treppe wieder hinuntersteigt; Davies (der übrigens persönlich zum Festival kommt) rezitiert dazu ein Voice-over, das die Gedanken des Mannes wiedergibt. Was wird bleiben, was ging verloren? Auch sein neuester Film Benediction, in dem der im Ersten Weltkrieg dienende homosexuelle Schriftsteller Siegfried Sassoon im Mittelpunkt steht, wird zu sehen sein. Ein Stück weit mag diese Monografie auch von einer filmischen Verweigerungshaltung erzählen, denn Davies war immer ein prononcierter Gegner davon, populäre filmische Muster (vor allem jene Hollywoods) zu imitieren.

Den Geist von Verweigerung verströmt auch die Retrospektive „Film as a Subversive Art“. Filmwissenschaftler und -kritiker Vogel (* 18. April 1921 in Wien; † 24. April 2012 in New York), u. a. Mitbegründer des New York Film Festival, war immer ein Verfechter von filmischer Avantgarde, der sich nicht scheute, mit bekannten Intellektuellen (darunter Susan Sontag) über seine Auffassung von Film zu streiten. Bürgerliche Konventionen wollte er unterlaufen wissen; im Dokumentarfilm-Genre beispielsweise sollten seiner Ansicht nach Kunstfertigkeit und soziales Bewusstsein auf Poesie und Fakten treffen. Die Schau bezieht sich allerdings nicht auf Vogels Filmprogramme und zeigt auch nicht die Filme, über die er schrieb – sechs internationale Kuratorinnen und Kuratoren haben sich in eigenen Programmen mit Vogels Werten, darunter politisches Bewusstsein und gesellschaftliche Sprengkraft, auseinandergesetzt. Es handelt sich also um ein Programm, das viele Überraschungen bieten dürfte.

Weitere Spezialprogramme sind schließlich dem Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler Henrik Galeen (1881–1949) – der sich vornehmlich mit Horrorfilmen wie Nosferatu, Das Wachsfigurenkabinett oder Der Student von Prag einen Namen machte, aber durchaus auch andere Genres beherrschte – sowie den poetischen Arbeiten des Italieners Fabrizio Ferraro gewidmet.

www.viennale.at