Sicher nicht für alle im Kopf auszuhalten: der neueste schräge Streich von Sebastian Brauneis
So viele charismatische, österreichische Menschen, es wäre doch gelacht, kannten sie sich nicht alle irgendwie untereinander. Tun sie dann auch, mehr oder weniger, früher oder später. Dreh- und Angelpunkt der episodischen Verzweigungen ist ein Typ namens Anton, der sich plagt: Als Freibeuter im Dienste seines massiven Männer-Egos hat er mehrere Frauen in verschiedenen Häfen, will aber auch dringend keine davon verletzen. Nachdem er Freundin Eins (Linda) in Wien zurücklässt, um nacheinander Zwei (Gisela) und Drei (Alma, aber das dürfen wir erst später wissen) zu treffen, trifft er irgendwann auf Kurt, dessen Bruder wegen Gustav im Gefängnis sitzt, schließt sich spontan – Schelm der er ist – einer Verfolgungsjagd durch die Grazer Innenstadt an, verletzt sich am Arm und ist etwas traurig. Linda freut sich derweil über zwei Air-Guitar-Kasper vorm Stephansdom und darüber, dass ihr ein fremder Mann eine ganze Straßenbahnstation nachrennt und eine Abendessenseinladung ausspricht. Gustav heißt der Eroberer, tagsüber hat er einem kleinen Bub namens Peter(le?) aus wohl genau der Zeitung, die Linda morgens aus dem Fenster geworfen hat – warum, wird nicht erläutert, was seltsam ist, da regelmäßig ein gemütlicher, älterer Kiffer als Erzähler in kurzen Zwischensequenzen Alles und Nichts erklärt – und die in seinem Gesicht landete, einen Piratenhut gebastelt und ihm bei der Suche nach seinem Papa geholfen. Nach dem Dinner beim Würstelstand, setzt Gustav Linda ungefragt auf seine Schultern, wo vorhin auch schon der kleine Bub saß. Danach geht es in ein Nachtlokal. „Den fick ich heut noch“, erklärt Linda dort einer Freundin – ein wertvolles Ausrufezeichen für den feministischen Kampf vonseiten des Regisseurs und Drehbuchautors.
Dessen, das heißt: Sebastian Brauneis‘, Kamera zeigt viele Close-ups und wilde Schwünge, wiewohl sich auch erzählerisch gefühlsnah-ernst und überdreht-klischiert abwechseln. Es wird viel Schluss machen geübt, viel nachgetrauert, viel gehadert. Der gebeutelte Casanova ist dabei als Figur ungefähr so interessant wie die hundertste Schauspielschul-Gesichtsregung (auch) aller anderen um ihn. Eher interessant wäre, ob das überdeutlich „gewitzte“, sich selbst gefallende Verwischen der Grenzen von Ironie, Poesie und Pathos als einziges tragendes Konzept gedacht ist und interessant wird zu sehen sein, ob es jemand ähnlich unterhaltsam findet wie der Auteur. Gesagt werden muss: Mit so wenig Budget einen Film zu machen, der sich optisch über weite Strecken wirklich sehen lassen kann und es auch schafft, ein gewisses Flair – das zwar Geschmackssache ist – zu erzeugen, das kann nicht jeder. Auch aktualisieren sich alle Zeit- und Handlungsebenen in jeder Szene in ein starkes, fokussiertes Jetzt. Gesagt werden muss aber auch: Über Menschen und Gefühle wird man in diesem hektischen Abfeiern von Millenial-Klischees garantiert nichts lernen. 1 Verabredung im Herbst wirkt oft wie 1 abgelehnter Pitch für einen Apple-Werbespot in Spielfilmlänge und Mundart, dazwischen einige Theater-Monologe. Exaltierte Leere, für viele wahrscheinlich akut nervenbedrohend, für manche vielleicht ein Vergnügen.
