So viel Leben und Lieben: Realitäts-Kino statt Reality-TV
There can be miracles when you believe“, tönen Whitney Houston und Mariah Carey via YouTube, Stand-PC und Boxen durch eine Wohnung in Wien, in der anfangs vier Menschen wohnen: Die alleinerziehende Claudia und ihr sehr junger Sohn Daniel, ihr älterer Bruder Gerhard und Mutter Gabi. Irgendwie aber auch fünf, denn dass Filmemacherin Lisa Weber nicht einfach hin und wieder vorbeischneit und ihre Kamera auf die Familie richtet, sondern ihre Präsenz viel eher ein Mit-Leben denn invasives Beobachten bedeutet, wird schon bald unmissverständlich klar.
Alltagsthemen im engen Wohnraum sind Notstandshilfe, Mindestsicherung und AMS ebenso wie Geburtstage, Beziehungen und Politik, das Fehlen von Perspektiven und das Schwinden von hoffnungsvoller Motivation prägen das Zusammenleben spürbar, der gemeinsame Computer ist Schaltzentrale für Musik und Gesang, Stellenanzeigen und Bewerbungen, LKW-Simulator und Fantasy-Spiel. Der über Jahre entstandene Film präsentiert all dies aber nicht einfach als fertig komponiertes Porträt, vielmehr lädt er sein Publikum in das kontinuierliche Entstehen auf der Leinwand ein: Zu Beginn wirken stille Routinen und viel Vorbereitendes als Annäherung, nur kurzzeitig gipfelt das nähere Kennenlernen der erlebten Menschen in einer brutalen Begegnung mit Daniels Vater. Dann bedeutet eine gemeinsame Wohnung mit ihrem neuen Partner für Claudia und ihren Sohn eine große Veränderung – auch das Setting dessen, was zu sehen ist, verschiebt sich stark in diese neuen Wände. Vielleicht sogar erst mit dem letzten Erlöschen der Kamera offenbart sich das große Gelingen, das Kind in der wahren Geschichte, an deren Ende es sogar schon das Abenteuer Schule begeht, niemals als sentimentalen Ankerpunkt zu inszenieren, aber doch als viele Fäden zusammenhaltende, ernstzunehmende Person zu behandeln. So ist das Erkennen eines in wunderbarstem Kinder-Englisch gesungenen Hits im Abspann nicht nur ein schönes, auch ein wichtiges kleines Glück. Wobei die ganzen eineinhalb Stunden inklusive Credits nicht nur strikt inhaltlich ebenso wenig Abgeschlossenheit bedeuten: Wahrscheinlich noch nie war ein Social-Media-Account eine dermaßen gelungene und sinnvolle Erweiterung zum Leinwandgeschehen, dass sich eine Empfehlung, den Filmtitel in der Instagram-Suchleiste einzutippen, derart aufdrängt wie hier.
Ein Drama ohne Rührseligkeit, das sich durch feinstens strukturierte Erzählkunst beinahe unbemerkt in Bewusstsein und Gedächtnis brennt, ein anti-sensationelles Fragment einer tiefen Wahrheit, so könnte man Jetzt oder morgen nennen. Oder einfach einen tollen Film.
