Online bleiben und doch ins Kino gehen: Die 64. DOK Leipzig, das größte deutschsprachige Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, fährt auch 2021 wieder zweigleisig.
Zum einen zeigt die DOK Leipzig von 25. bis 31. Oktober in teils neuen Kinos physisch 170 Dokumentar- und Animationsfilme, hybride und Extended-Reality-Arbeiten, zum anderen ist ein ausgewähltes Programm von 1. bis 14. November online verfügbar. Es ist damit eines der wenigen größeren Festivals, die nicht komplett ins Kino zurückkehren und selbstbewusst eine hybride Form umarmen – und, wer weiß, vielleicht wird man auch nach der Pandemie auf diesem Weg bleiben. An der inhaltlichen Struktur ändert sich indes wenig: Weiterhin konkurrieren Kurz- und Langfilme in den nationalen, internationalen und im 2020 eingeführten Publikumswettbewerb, weiterhin gibt es die Lucida Camera, die innovative Filmansätze außer Konkurrenz zeigt.
Eröffnet wird das Festival von Offer Avnons Der Rhein fließt ins Mittelmeer, der, auf den biografischen Erfahrungen des Regisseurs beruhend, der ständigen Präsenz des Holocausts in essayistischer Form nachspürt. Zusammen mit der Hommage an den israelischen Dokumentarfilmregisseur Avi Mograbi unter dem Titel „Geheimagent Avi“, dem Film The Good Soldier von Silvina Landsmann im Wettbewerb um den Publikumspreis sowie der Retrospektive „Die Juden der Anderen. Geteiltes Deutschland, verteilte Schuld, zerteilte Bilder“, die die Aufarbeitung beziehungsweise Verdrängung des Holocaust in der BRD und der DDR zum Thema hat, sind also gleich mehrere Produktionen im Programm, die sich mit dem Nahostkonflikt beziehungsweise mit dem schwierigen historischen und aktuellen Umgang mit jüdischer Identität auseinandersetzen. Von den 14 Filmen im Internationalen Wettbewerb feiern zwölf bei der DOK Leipzig ihre Welt- oder Internationale Premiere
Identität, Exil und Entfremdung sind auch wichtige Themen im deutschen Wettbewerb, der fast komplett von Regisseurinnen bestritten wird und damit das Bestreben der DOK Leipzig, Geschlechterparität im Programm zu erreichen, übererfüllt – ein schöne Übererfüllung. Der Wettbewerb ist dabei deutlich experimenteller gehalten als in den Vorjahren. So finden sich nicht nur essayistisch anmutende Porträts wie Katharina Pethkes Jedermann und ich über den österreichischen Schauspieler Philipp Hochmair, sondern auch lange Arbeiten von Betina Kuntzsch und Juliane Henrich, die sonst eher im essayistisch-experimentellen (Henrich) sowie im animierten Kurzfilmbereich (Kuntzsch) tätig sind. Auch viele Filmhochschul-Abschlussfilme konkurrieren hier um die Goldene Taube.
Als Plattform für den Animationsfilm ist die DOK Leipzig ihrer Transformation von 2020 treu geblieben. Die wunderbare Reihe „Neue Deutsche Animation“ ist auch 2021 nicht mehr im Programm, dafür aber die Animation Perspectives, die heuer mit Claudia Larcher und Randa Maroufi zwei unterschiedliche Künstlerinnen und ihr Arbeiten kontrastieren beziehungsweise zusammenbringen. Ein ergiebiges, wenn auch sicherlich kein größeres Publikum avisierendes Programm widmet sich außerdem der fruchtbaren Interaktion von Animation und Musique concrète.
