Ungünstig verschachteltes Drama mit viel Atmosphäre und wenig dahinter
Es weht ein frischer Wind auf Fårö, jener Insel, die Ingmar Bergman einst zu der seinen erklärte. Wo er jahrelang seinen Wohnsitz hatte, seine Bibliothek und ein Kino, und wo er auch spirituell seinen Platz gefunden hatte. Fårö war der Ort, der ihn inspirierte, der ihm als Drehort diente und der seit seinem Tod regelmäßig Filmschaffende anzieht, die in dem Schatten des großen schwedischen Kinomagiers nach Eingebungen für ihre eigene Arbeit suchen. So wie auch Chris (Vicky Krieps) und Tony (Tim Roth), die sich im Sommer auf den Weg in den hohen Norden machen, um in der Ruhe und Abgeschiedenheit der rauen Küstenlandschaft jeder für sich an neuen Stoffen zu schreiben.
Sie sind ein eigenartiges Paar, schon rein äußerlich, sie groß, er klein, sie kaum Mitte dreißig, er um einiges älter und auch etablierter. Ungleich wirken sie und doch verbunden, im künstlerischen Austausch miteinander und doch jeder mit sich allein. So gehen sie bald auch auf der Insel getrennte Wege, weil Tony außerdem vor Ort ist, um seine Filme zu zeigen, während Chris sich daran macht, die Umgebung zu erkunden, um einer Schreibblockade aus dem Weg zu gehen. Die Bildsprache von Mia Hansen-Løve ist ganz und gar erfüllt von der unbändigen Lebhaftigkeit des Inselklimas, mehr als von dem Zusammenspiel ihrer Figuren, die außer ein paar sparsamem Dialogen nicht viel zur Verfügung haben, um hier ein glaubhaftes Beziehungsdrama aufzubauen.
Komplizierter wird es, als Chris sich entschließt, eine ihrer Filmideen mit Tony zu teilen, die Hansen-Løve schließlich als Film-im-Film auf die Leinwand überträgt. Auch darin geht es um eine Filmemacherin (Mia Wasikowska), die anlässlich der Hochzeit einer Freundin nach Fårö kommt und dort ihrer Jugendliebe wiederbegegnet. Auf eine leidenschaftliche gemeinsame Nacht folgt die Ernüchterung, denn eine Zukunft gibt es für das Paar nicht, weil mittlerweile beide zu sehr in einem anderen Leben stehen.
All das erzählt Hansen-Løve mit viel Atmosphäre und der angedeuteten Gewichtigkeit einer Bergman’schen Inszenierung, ohne tatsächlich ein entsprechendes Drehbuch zur Verfügung zu haben. Kaum etwas passiert in diesem Film, um ihn in eine spannende Richtung zu lenken, geschweige denn, die schmale Handlung zu einem befriedigenden Ende zu führen. Dennoch ist man immer wieder seltsam fasziniert von der Einsamkeit der Figuren und ihrer Unfähigkeit, sich über die eigene innere und äußere Isoliertheit zu erheben. Vielleicht wäre es ihnen und ihrer Regisseurin auf einer anderen Insel besser ergangen. Auf Fårö weht der Wind indessen unnachgiebig weiter.
