Der russische Regisseur Alexei German Jr. macht Filme, die Poesie und Politik auf elegante Weise ineinanderfließen lassen. Sein neuer Film „Delo“ („Hausarrest“) ist am 28. Oktober im Rahmen der Viennale zu sehen. Zeit für ein Gespräch über die Korruption in Russland, seinen großartigen Hauptdarsteller Merab Ninidze und wie es bei ihm zu Hause unterm Sofa ausschaut.
David (Merab Ninidze) sitzt fest, in seiner Wohnung, allein. Allerdings ist sein Hausarrest nicht pandemiebedingt, sondern das Resultat einer Anklage: Der Literatur-Professor soll staatliche Fördergelder unterschlagen haben. Sein wahrer Fehler war jedoch, den Bürgermeister der Stadt offen der Korruption zu bezichtigen – dafür soll er nun büßen. Daran besteht für David kein Zweifel. Inszeniert als Kammerspiel mit nur wenigen Ausbrüchen in die Umgebung, lässt der russische Regisseur Alexei German Jr. seinen Protagonisten über die eigene Situation und die Lage in seiner Heimat reflektieren. Dazu gesellen sich immer wieder Bekannte und ungeladene Gäste, die von der Mutter über die Anwältin bis hin zur Exfrau und ein paar unangenehmen Staatsbeamten reichen, um ein Stimmungsbild der Gesellschaft zu zeichnen, das nie schwarz oder weiß ist und dessen Konturen stets bemerkenswert nah am Puls der Zeit liegen.
Herr German, Ihr Film verhandelt offen das Problem mit der Korruption in Ihrem Heimatland. Hat sich die Situation in den letzten Jahren verschärft?
Alexei German Jr.: Derzeit erleben wir in Russland ein ziemliches Momentum, was den Kampf gegen die Korruption betrifft. Fast jede Woche hört man in den Nachrichten von einem neuen Fall: Sei es ein Bürgermeister, gegen den ermittelt wird, oder irgendeine andere Person im öffentlichen Dienst, die unter dem Verdacht der Korruption steht. Das heißt, das Thema ist hochaktuell. Es ist ein reales Problem, und die Leute kämpfen dagegen an. Wenn man es sich recht überlegt, ist Moskau in vielerlei Hinsicht eine modernere Stadt als Berlin, Paris oder Rom. Und die Vorstellung, in Russland ginge es zu wie im Wilden Westen, hat lange ausgedient. Es entspricht einfach nicht der Wahrheit. Russland ist extrem fortschrittlich, wenn es um technologische Entwicklungen geht. Sei es das Internet allgemein oder Online-Dienste im Speziellen, all das hilft uns, wirksam gegen Korruption vorzugehen – und zwar heute mehr als je zuvor.
Denken Sie, es ist deshalb besonders wichtig, das Thema jetzt auch in der Kunst explizit anzusprechen?
Nicht unbedingt, und nicht wichtiger als sonst auch. Die Idee zum Film hatte ich bereits vor sechs Jahren. Vor drei Jahren schrieben wir das Drehbuch. Und angesichts des kammerspielartigen Settings, waren wir trotz der pandemiebedingten Einschränkungen in der Lage, den Film zu drehen. Aber ich würde Delo auch nicht als ein Anti-Korruptions-Drama bezeichnen. Ganz ehrlich, für mich beschreibt der Film vielmehr den Konflikt zwischen dem System und dem Individuum. Es geht um Einsamkeit, es geht darum, Freunde zu verlieren und darum, was es bedeutet sich mit seinem unmittelbaren Umfeld auseinanderzusetzen und zu hinterfragen, welche Menschen im Leben wirklich zu einem stehen, wenn es darauf ankommt, und wer nicht.
Basiert Ihr Film auf einem oder mehreren realen Fällen, die Sie in der Geschichte verarbeitet haben?
Es wäre falsch zu sagen, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt. Aber es gibt Menschen, die ich persönlich kenne, sie sich in einer ähnlichen Situation befanden. Menschen, die unter Hausarrest standen, denen bestimmte Dinge angelastet und wo die Vorwürfe schließlich zurückgezogen wurden. Mein Film basiert daher auf einem Mosaik aus diesen Personen, Fällen und Ereignissen, anstatt sich konkret nur an einem Beispiel zu orientieren.
Haben Sie jemals ein anderes Ende in Erwägung gezogen?
Nein, die Idee war immer, den Film so enden zu lassen. Es gab zwar eine paar Anfragen der westlichen Geldgeber, die ein anderes Ende bevorzugt hätten. Plötzlich stand die Frage im Raum, ob die Hauptfigur nicht besser ermordet werden sollte. Aber davon haben wir uns nicht beirren lassen. Wir sind bei unserer Version geblieben, und ich denke, das ist gut so.
Haben Sie das Drehbuch mit Merab Ninidze im Kopf geschrieben?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube nicht, dass es in Russland einen anderen Schauspieler gibt, der die Sache so gut gemacht hätte wir er.
Wie kommt das?
Ich denke wir haben in Russland ein Problem, was die Schauspielschulen angeht. Der Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus verlief nicht reibungslos. Es war ein schmerzlicher Prozess und wir haben auf dem Weg viel Gutes eingebüßt. Früher hätte ich Ihnen zehn Namen von Schauspielern nennen können, die eine derartige Rolle verinnerlicht hätten, die das Maß an Verzweiflung hätten zum Ausdruck bringen können und die schmerzliche Aufrichtigkeit. Aber heutzutage sieht das anders aus. Viele Schauspieler haben derartige Fähigkeiten verloren, und oft haben sie auch kein Gefühl oder kein Verständnis mehr für den Ort, an dem sie leben. Schauspieler heute arbeiten nur noch für Geld, aber nicht mehr für die Idee. Merab Ninidze ist die große Ausnahme, er ist ein Mann der alten Schule. Ich weiß, in Österreich macht er eher kommerzielle Filme oder Serien, die vielleicht nicht sehr ernsthaft sind. Aber für mich gibt es keinen Zweiten, der den Schmerz und das Leid der Figur eindringlicher, wahrhaftiger hätte darstellen können.
Die Beziehung zwischen David und seiner Mutter ist zärtlich, aber nicht harmonisch. Es herrscht ein starkes Spannungsverhältnis zwischen ihnen. Was hat Sie daran interessiert?
Zunächst einmal muss man dazu sagen, dass ich persönlich eine sehr enge Beziehung zu meiner Mutter hatte. Der Film spiegelt in gewisser Hinsicht meine private Erfahrung in Bezug auf die Gefühle wider, die ich gegenüber meiner Mutter habe. Aber davon abgesehen, brauchte ich einen Gegenpol, um die beiden Sichtweisen gegenüberzustellen, die in Russland herrschen. Und wie Sie sicher gemerkt haben, gibt es in der Hinsicht kein Richtig oder Falsch. Der Blickwinkel ist einfach ein anderer. Deshalb ist es möglich, dass sich zwei Generationen einerseits sehr nahe sein können, aber im gleichen Moment grundverschieden sind, was ihre Sicht auf die Situation in ihrer Heimat angeht und wie es ihnen damit geht.
Welche Rolle spielt die Anwältin für Sie?
Sie ist einfach eine Person, die ihre Arbeit gut macht.
Ist es schwer, heute in Russland Leute wie sie zu finden?
Manchmal glaube ich, Russland und Europa sind wie zwei Galaxien, die sich konträr gegenüberstehen. In Russland wissen die Menschen nicht viel über die Europäer, und die Europäer wissen nichts über uns. Es sind zwei komplett fremde Welten. Wir sind ein unheimlich großes Land mit mehr als 150 Millionen Einwohnern, und natürlich gibt es darunter die verschiedensten Typen. Es gibt die Ehrlichen, die ernsthaft an ihre Arbeit und an das Gemeinwohl glauben. Und dann gibt es solche, die alle möglichen politischen Positionen vertreten. Was nicht heißen soll, dass jeder Demokrat automatisch ein besserer Mensch ist. Auf keinen Fall. Das will ich damit nicht sagen. Aber es gibt Gott sei Dank immer noch Menschen, die ihre Arbeit gut machen, das ganz sicher.
Ihre Filme sind stets nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell sehr anspruchsvoll. Ist die Wohnung, in der der Film spielt, auch daran angelehnt, wie Sie persönlich leben?
Es gibt sicher Parallelen. Vor allem ist der Ort eine Reflexion der Sichtweise meiner Frau. Sie ist die Ausstatterin, sie hat den Raum gestaltet. Alle Sets, die im Film vorkommen, stammen von ihr. Und sie ist jemand, die der Ansicht ist, dass das, was andere Menschen als Unordnung missbilligen würden, in ihren Augen einer künstlerischen Ordnung entspricht. Allein deshalb spiegelt der Film sicherlich wider, wie wir privat leben, denn bei uns zu Hause sieht es gewiss ähnlich aus. Sollten Sie mal vorbeikommen, machen Sie sich auf etwas gefasst.
