Edgar Wright unternimmt mit „Last Night in Soho“ einen Ausflug in die sechziger Jahre, der von einer nostalgischen Zeitreise zur Höllenfahrt mutiert.
Ein flüchtiger Blick in das Zimmer von Eloise Turner (Thomasin McKenzie) macht deutlich, dass die junge Dame ein ausgeprägtes Faible für jene Zeit hat, die als „Swinging Sixties“ fest im kollektiven Gedächtnis verankert ist und exemplarisch für (pop-)kulturelle nWandel auf vielerlei Ebenen steht. Die ikonische Gestalt von Audrey Hepburn auf dem Filmplakat von Breakfast at Tiffany’s, das wie viele andere an diese Ära erinnernde Poster an der Wand hängt, wird auch gleich in einer der ersten Einstellungen formatfüllend ins Bild gerückt. Und nun hat Eloise – wer bei ihrem Vornamen an den gleichnamigen hymnischen Song von Barry Ryan aus dem Jahr 1968 denkt, ist damit übrigens auf der richtigen Spur –, die nach dem frühen Tod ihrer Mutter bei ihrer Großmutter im ländlich-beschaulichen Cornwall lebt, endlich den lang ersehnten Studienplatz am London College of Fashion erhalten, wo sie ihre Ausbildung zur Modedesignerin beginnen kann. Dass sie damit in jener Metropole lebt, die wie keine andere die Swinging Sixties repräsentiert hat, macht die Vorfreude umso größer. Die kleine Warnung von Großmutter Peggy (Rita Tushingham) vor den Schattenseiten der Großstadt scheint nicht viel mehr als die übliche Besorgnis über den Auszug der Enkelin, die sich nun aufmacht, die große, weite Welt zu erobern.
Glamour und Abgrund
Doch als Eloise – die bei aller Verbundenheit mit den Sixties ihren klingenden Vornamen im Alltag dann doch lieber auf die bodenständige Form „Ellie“ verkürzt – in der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs ankommt, wird ihr schnell vor Augen geführt, dass London sich naturgemäß verändert hat und ein wenig anders präsentiert als in ihren Vorstellungen. „Beneath the surface, it’s still the same old London“ raunt ein Taxifahrer Ellie zu, eine Aussage, die sich als mehrdeutige Vorwegnahme erweisen wird. Doch auch sonst läuft es für die angehende Studentin zunächst alles andere als rund. Ihre Kommilitoninnen erweisen sich als intrigantes Grüppchen, das Leben im Studentenheim verläuft viel zu hektisch für den Geschmack der eher introvertierten Ellie. Als sie jedoch ein Untermietszimmer im pittoresken Haus von Miss Collins (Diana Rigg), einer exzentrischen älteren Lady, findet, scheint sich alles zum Besseren zu wenden.
Doch dann geschieht Unerwartetes: Ellie findet sich plötzlich in die von ihr so geliebte Zeit versetzt, in das London der Sechziger; ein riesiges, hell erleuchtetes Plakat des James-Bond-Films Thunderball über dem Eingang eines Kinos – der erste Eindruck, den Ellie auf ihrer Zeitreise erhascht – lässt mutmaßen, dass es sich um das Jahr 1966 handelt. Ellie taucht auf eine höchst verblüffende Weise in diese Welt ein, sie erlebt Swinging London zuerst aus det Perspektive einer jungen Frau namens Sandie (Anya Taylor-Joy). Mittels einer Reihe stilistisch höchst elaborierter Einstellungen wird zunächst über Spiegelbilder die Verbindung von Ellie und Sandie etabliert, die zwischen identer Perspektive und einer Beobachterposition Ellies wechselt. Auch Sandie steht etwa am Anfang ihrer Karriere, sie versucht sich als Sängerin im Stil der damals populären Cilla Black einen Namen zu machen. Doch was zunächst wie ein besonders lebhafter Traum erscheint, stellt sich als mysteriöse und zunehmend unheimliche Angelegenheit heraus. Ellie scheint nämlich über eine Art sechsten Sinn zu verfügen, der sie immer öfter in die Vergangenheit zurückversetzt, sie wird dabei auf zunehmend verstörend intensive Weise in das Leben von Sandie hineingezogen. Die wunderbare Zeitreise bekommt also nach und nach eine beunruhigende Dimension. Denn Sandie – und damit auch Ellie – lernt nicht nur die glamourösen, sondern auch die dunklen Seiten von Swinging London kennen. Als die Ereignisse nicht nur für die Protagonistin in der Vergangenheit – vorsichtig formuliert – unangenehm werden, sondern auch Ellies gegenwärtiges Leben zu bedrohen scheinen, kippt die Stimmung endgültig.
Für die in Last Night in Soho präsentierte gewagte Mischung aus Drama, Thriller, Mystery, Horror und Period Piece zeichnet mit Edgar Wright ein Regisseur verantwortlich, der es gleichsam zu seinem Markenzeichen gemacht hat, höchst unterschiedliche Genres ineinanderfließen zu lassen und so eine Art von dramaturgischer Hybrid-Konstruktion zu inszenieren. Schon sein Regiedebüt, der fast ohne Budget produzierte satirische (Spaghetti)-Western A Fistful of Fingers (1995) deutete bereits – da war Wright gerade einmal 21 Jahre alt – an, wohin die Reise gehen sollte. Nach einigen Fernseharbeiten bekam sein Arbeitsprinzip in Shaun of the Dead (2004) klare Konturen. Schon die Anspielung des Titels auf George Romeros stilbildenden Dawn of the Dead macht die Richtung deutlich: Edgar Wright nimmt sich des populären Subgenres des Zombiefilms an, wobei Shaun of the Dead geschickt zwischen Hommage, Persiflage und bluttfriefender Tragikomödie zu changieren versteht. Für die reichlich vorhandene Portion an (schwarzem) Humor dürfte auch das Mitwirken des Comedians Simon Pegg gesorgt haben, der nicht nur die Hauptrolle des titelgebenden Verkäufers Shaun übernahm, dessen gemütliches Slacker-Leben von der Zombie-Apokalypse empfindlich gestört wird, sondern gemeinsam mit Wright auch das Drehbuch verfasst hat.
Popkulturelle Verweise sind in Last Night in Soho ebenfalls ein konstituierendes Element. Um die Swinging Sixties und den diese Zeit umgebenden Mythos konzipieren Wright und seine Ko-Drehbuchautorin Krysty Wilson-Cairns einen Plot, der unterschiedliche Genres – und damit narrative Tonlagen – zu kombinieren versteht. Doch es wäre zu einfach, Edgar Wrights Arbeit auf die Fähigkeit, einen fulminanten Genremix in Szene zu setzen, zu reduzieren. Wright ist zunächst ein Regisseur, der sich seines (film-)kulturellen Erbes sehr bewusst ist und diesen Hintergrund gezielt – formal und inhaltlich – einzusetzen vermag. Last Night in Soho ist, was die in den sechziger Jahren spielenden Sequenzen angeht, ein stilistisch höchst elegantes Period Piece, das sich zwischen Rekonstruktion mit Liebe zum Detail und popkulturellem Mythos zu bewegen versteht. Für diese Ära repräsentative Songs wie „Downtown“, „Puppet on a String“ oder der titelgebende „Last Night in Soho“ setzt Wright nicht bloß als dekorativen Hintergrund ein. In seiner Inszenierung übernehmen diese Stücke – ähnlich wie in Martin Scorseses GoodFellas und Casino – auch narrative Funktion.
Zudem hat Edgar Wright mit Teilen des Casts den Sechzigern auf besondere Weise seine Reverenz erwiesen: Die Rolle von Eloises Großmutter besetzte er mit Rita Tushingham, die 1961 mit ihrer ersten Rolle in A Taste of Honey gleich zu einem der Gesichter des „Kitchen Sink Realism“ wurde. Die Vermieterin der Protagonistin wird wiederum von Diana Rigg verkörpert, die mit der Rolle der Emma Peel in der TV-Serie The Avengers (1965 bis 1968) zu den ikonischen Figuren dieser Jahre zählt (dass Riggs Auftritt 1969 in On Her Majesty’s Secret Service zu einem der markantesten Momenten in der langlebigen James-Bond-Reihe zählt, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt). In Last Night in Soho spielte die im September vergangen Jahres verstorbene Diana Rigg ihre letzte Rolle und – soviel darf man vorwegnehmen – es ist ein Auftritt, der einem noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Fusion
In Edgar Wrights Arbeiten finden sich zahlreiche Reverenzen, Anspielungen und Querverweise, doch funktionieren seine Filme anders als etwa jene Quentin Tarantinos. Während Tarantino reichlich aus allen möglichen Ecken des Weltkinos schöpft, um kunstvoll ziselierte Filmerzählungen zu generieren, bei denen auch dank ihrer akribischen Detailversessenheit fast immer auch die Meta-Ebene hineinspielt, schafft Wright zunächst eine durchaus griffige Oberfläche – eine Herangehensweise, die sich in den weiteren Kollaborationen mit Simon Pegg deutlich manifestierte. Nach dem Horrorgenre in Shaun of the Dead nahmen sich die beiden – immer in der Konstellation als gemeinsame Drehbuchautoren, Wright als Regisseur und Pegg als Hauptdarsteller – das Action-/Krimigenre (Hot Fuzz) und schließlich Weltuntergansszenarien in Kombination mit einem typischen Buddy-Movie (The World’s End) vor. Alle drei Filme beziehen ihre Dynamik aus dem Spannungsverhältnis zwischen einem handfesten Einsatz typischer Genre-Elemente und der schwarzhumorigem, selbstreflexiven Unterwanderung eines solchen Kanons. Eine Dramaturgie, die in der durchaus selbstironischen Charakterisierungen dieser Arbeiten als „Blood and Ice Cream trilogy“ oder „Three Flavours Cornetto trilogy“ zum Ausdruck kommt.
Im Fall besagter Cornetto-Trilogie kann man einen gewissen sarkastisch-ironischen Grundton konstatieren, bei dem selbst der Tod immer auch ein wenig von seinem Schrecken verliert. Ein ambivalenter Erzählduktus, der durchaus charakteristisch für den Regisseur Edgar Wright ist, doch bereits bei seinem Action-Thriller Baby Driver (2017) hat er das offenkundige Augenzwinkern deutlich zurückgefahren – eine Tendenz, die sich nun in Last Night in Soho deutlich fortsetzt.
Von einem bloßen, wenn auch höchst kongenialen Genre-Mix zu sprechen, wird Wrights Film jedoch nicht gerecht. Vielmehr versteht es seine Inszenierung, ein Universum zu kreieren, das bei allen realitätsverhafteten Anknüpfungspunkten eine narrative Logik eigener Form entwickelt, in der die Kombination aus handfesten Bedrohungen und mysteriösen, geisterhaften Erscheinungen durchaus plausibel erscheint. Dass Last Night in Soho bei diesem erzählerischen Drahtseilakt weitgehend homogen und in seiner phantastischen Anmutung höchst schlüssig geraten ist, spricht für einen konzeptuellen Zugang, mit dem ein Regisseur seine eigene Handschrift gefunden hat.
