Thomasin McKenzie wurde die Schauspielerei in die Wiege gelegt. Auch ihre Mutter und Großmutter standen bereits vor der Kamera. Mit „Leave No Trace“ von Debra Granik schaffte die junge Neuseeländerin 2018 ihren Durchbruch. Jetzt spielt sie in „Last Night in Soho“ ihre erste Hauptrolle. Ein Gespräch über Filmlisten, die Swinging Sixties und darüber, warum Regisseur Edgar Wright ein eigenes Genre für sich verdient.
Miss McKenzie, Edgar Wright hatte eine Filmliste mit nicht weniger als fünfzig Titeln parat, die er Ihnen zur Vorbereitung auf Ihre Rolle ans Herz legte. Wie ging es Ihnen, nachdem Sie die Liste durchgearbeitet hatten?
Thomasin McKenzie: Ich schaue sonst eigentlich keine Horrorfilme. Ich bin sehr schreckhaft und bekomme es schnell mit der Angst zu tun. Aber in Vorbereitung auf Last Night in Soho ging das nicht anders. Und ich muss sagen, ich konnte mir danach tatsächlich ein ganz gutes Bild davon machen, was Edgar vorhatte. Es ist unglaublich, was er über die Filme aus den sechziger Jahren weiß. Und überhaupt über das Kino, egal aus welcher Zeit. Er schaut so viele Filme, ich habe keine Ahnung, wie er die Zeit dazu findet. Ich war mit fünfzig Titeln komplett ausgelastet. Vor allem visuell bekam ich dadurch jedoch ein gutes Gefühl dafür, in welche Richtung es gehen würde. Das war extrem hilfreich. Filme wie Don’t Look Now und Repulsion sind nur zwei Beispiele. Wir hatten auch eine Menge Fotos von Twiggy oder Julie Christie und anderen – all diese Ikonen aus den Sechzigern, für die Ellie geschwärmt und denen sie nachgeeifert hätte. Aber ich muss gestehen, ich habe am Ende nur neunundvierzig von fünfzig Filmen geschafft. Suspiria stand auch auf Edgars Liste, aber ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen. Sonst hätte ich sicher heute noch Alpträume.
Zu viel zu sehen oder zu lesen kann mitunter kontraproduktiv sein. Haben Sie sich jemals überfordert gefühlt mit der Fülle an Material, dass Ihnen bei der Recherche zur Verfügung stand?
Nein, ich war begeistert. Man kommt im Gespräch mit Regisseurinnen und Regisseuren oft an den Punkt kommt, wo sie fragen, ob man den einen oder anderen Film gesehen hat, wenn es um Referenzen für ihre eigene Arbeit geht. Und bisher habe ich dann oft nein sagen müssen, was mir immer schrecklich peinlich war. Das heißt, die Liste von Edgar war für mich auch über die Vorbereitung auf die Rolle hinaus extrem hilfreich. In Zukunft werde ich hoffentlich etwas seltener nein sagen und stattdessen über die Filme reden können, die ich während meiner Recherche entdeckt habe. Die einzigen Momente, in denen mir ein bisschen mulmig wurde, waren die, in denen ich zu viel darüber nachdachte, wie groß die Rolle ist, und dass Ellie wirklich in jeder Einstellung des Films vorkommt. Das hat in mir einen ziemlich großen Druck ausgelöst.
Es gibt tolle Spiegelszenen mit Ihnen und Anya Taylor-Joy, die perfekt choreografiert sind. Schon bei den Marx Brothers in „Duck Soup“ hat man gesehen, wie schwierig das zu koordinieren ist, wenn es richtig gut funktionieren soll. Wie lief das bei Ihnen?
Sehen Sie, schon haben Sie mich erwischt. Wieder ein Film, den ich noch nicht gesehen habe. Und ich weiß nicht, wie es den Marx Brothers dabei ging, aber uns ist es schon ein paar Mal passiert, dass wir unterbrechen mussten, weil es komisch ist, sich die ganze Zeit im Spiegel anzustarren. Ich kam mir den ganzen Dreh über ziemlich eitel vor. Zum Glück gab es aber auch Szenen wie die im Café de Paris, wenn Ellie und Sandie zum ersten Mal die Treppen zum Saal hinuntergehen. Da hatten wir einen schiebbaren Spiegel in der Mitte und jeweils zwei identische Sets auf jeder Seite, so dass Anya und ich uns durch den Rahmen in der Mitte ansehen konnten und es im Film trotzdem so aussieht, als würden wir direkt in den Spiegel schauen. Aber davon abgesehen gab es jede Menge Spiegel, überall. Daran musste ich mich erst gewöhnen.
Sie haben auch eng mit Rita Tushingham zusammengearbeitet, die im Film Ihre Großmutter spielt. Und dann natürlich auch mit der großen Diana Rigg. Beide waren in den sechziger Jahren in London dabei. Haben sie während des Drehs ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert?
Ja, definitiv. Rita und Diana, aber auch Terence Stamp, sie alle hatten tolle Geschichten von damals zu berichten. Diana Rigg beispielsweise hat erzählt, wie sie ihren 18. Geburtstag im Café de Paris gefeiert hat. Und während der Proben ist es öfter passiert, dass wir nicht wirklich die Szenen durchspielten, sondern einfach zuhörten, was die anderen zu erzählen hatten. Ich habe in der Zeit auch ein Buch gelesen, Ready, Steady, Go! von Shawn Levy, in dem Terence und Rita sehr oft erwähnt werden. Das war schon seltsam, zu erfahren, wie berühmt und wichtig sie für die Zeit waren und dann im nächsten Augenblick mit ihnen in Soho vor der Kamera zu stehen.
Ein Merkmal von „Last Night in Soho“ ist, dass sich der Film jeder Kategorisierung entzieht. Welchem Genre würden Sie den Film am ehesten zuordnen?
Wenn Sie mich so fragen, würde ich einerseits sagen, dass es sich um einen psychologischen Thriller mit Horrorelementen handelt. Andererseits sind Edgars Filme immer ein Fall für sich, weil er stets Horror und Komödie, Thriller- und Actionelemente mischt, wie sonst kein anderer. Auch die Art und Weise, wie er zum Beispiel in Scott Pilgrim vs. the World Animation einsetzt oder in Baby Driver Videospiel-Effekte einbaut, ist oft schlicht atemberaubend. Deshalb würde ich dafür plädieren, für Edgars Filme ein ganz eigenes Genre aufzumachen. Es sind einfach „Edgar-Wright-Filme“, und Punkt. Denn wie Sie selbst gesagt haben, mit den üblichen Kategosierungen kommt man bei ihm nicht weit.
Sie haben in diesem Jahr noch in einem anderen Horrorfilm mitgespielt, „Old“ von M. Night Shyamalan. Wie Edgar Wright ist auch er ein Regisseur mit einer ganz eigenen Handschrift.
Das stimmt. Und beide haben ganz bestimmte Vorstellungen davon, was sie in ihrem Filmen erreichen wollen und wie sie es erreichen wollen. Das hat mich sehr fasziniert. Interessant ist auch, dass sie beide auf Film gedreht haben. Es gab also auch Gemeinsamkeiten, obwohl sie natürlich jeder für sich ganz eigenwillige Stile verfolgen.
Hat sich Ihre Vorstellung von den Swinging Sixties nach der Arbeit an „Last Night in Soho“ gewandelt?
Definitiv. Ich habe stets mit einer rosa Brille auf die sechziger Jahre geschaut, ohne zu bedenken, dass jede Zeit auch ihre Schattenseiten hat und sich Dinge abspielen, die man im Nachhinein aus Nostalgiegründen lieben verdrängen möchte. In der Hinsicht hat mich die Arbeit am Film daran erinnert, wie wichtig es ist, in der Gegenwart präsent zu sein, mit wachen Augen durchs Leben zu gehen und dankbar zu sein für das, was ich habe und wo ich stehe, nicht nur im Hinblick auf meine Karriere. Gleichzeitig habe ich aber auch immer noch ein großes Herz für die Sechziger, die Filme, die Musik, die Mode. Vor allem die Mode mit experimentierfreudigen Designerinnen wie Mary Quant. Auch sie hatte ihren ganz eigenen Stil und hat damit eine ganze neue Bewegung ins Rollen gebracht.
Gibt es noch eine andere Periode, in die sie gerne eintauchen würden?
Ich bin sehr an den ganz klassischen Zeiten interessiert. Ich würde gerne in einem Film mitspielen, der im antiken Griechenland spielt und mich in die Welt der Griechischen Mythen transportiert. Und egal zu welcher Zeit würde ich wahnsinnig gerne einmal eine Fee spielen, mich in einer ganz anderen Sphäre bewegen, in einem magischen Reich.
Sie haben in kürzester Zeit bereits mit sehr außergewöhnlichen Regisseuren und vor allem Regisseurinnen gearbeitet: Liz Garbus, Debra Granik und unlängst Jane Campion. Inwieweit haben Sie Ihre Karriere bisher selbst gesteuert? Oder sind diese Projekte immer an die herangetragen worden?
Ich habe, was meine Karriere angeht, viel den Menschen um mich herum zu verdanken. Ich habe ein tolles Team, das mich berät, und ich stamme aus einer Künstlerfamilie, in der sich immer alles um Film und die Schauspielerei drehte. Ich habe unheimlich viel von meinen Eltern gelernt. Und die Art und Weise, wie sie ihre Arbeit sehen, hat auch mich geprägt und mir bei den Entscheidungen für meine eigene Karriere geholfen. Es ist also immer Teamarbeit, wenn es darum geht zu entscheiden, was ich als nächstes mache. Aber ganz so theoretisch, wie das jetzt vielleicht klingt, ist es dann auch wieder nicht. Ich habe alle Projekte, an denen ich bisher beteiligt war, gemacht, weil ich mich entweder in das Drehbuch verliebt habe, oder weil ich den Regisseur oder die Regisseurin unheimlich spannend fand. Ich habe keinen Plan, kein Ziel, ich will einfach nur gute Arbeit leisten, hier und jetzt.
