Nora Fingscheidt, mit „Systemsprenger“ ins Rampenlicht gerückt, gibt mit einem ambitionierten Thriller-Drama-Remake ihr englischsprachiges Regiedebüt.
Ihr Blick ist hart und sagt doch einiges: 20 Jahre hinter Gittern haben ihre Spuren hinterlassen. Verurteilt wurde Ruth Slater (Sandra Bullock) für den Mord an einem Polizisten. Ein Akt der Verzweiflung, so scheint es, und doch nicht rückgängig – und schon gar nicht wieder gut zu machen. Aber Ruth will trotzdem zumindest versuchen, nach ihrer Entlassung wieder Fuß in ihrer Heimatstadt Seattle zu fassen. Die blasse Frau mit den hochgezogenen Schultern, die ihre Hände stets tief in die Manteltaschen gräbt, will ein Leben zurück, auch wenn das bedeutet, sich in einer Welt durchzuschlagen, die für «Cop-Killer» grundsätzlich herzlich wenig übrig hat.
Das bekommt Ruth zu spüren, sobald sie sich auf die Suche nach einem Job begibt. Während der Haft hat sie Schreinerin gelernt, aber damit kommt sie «draußen» nicht weit. Die wenigen Stellen, die es gibt, sind für sie unerreichbar. Also fängt sie doch erst einmal in der Fischfabrik an – ein Kontakt, den ihr ihr Bewährungshelfer Vincent (Rob Morgan) vermittelt hat. Auch sonst hat der neben diversen Auflagen ein paar gute Ratschläge parat, die seinem Schützling die Resozialisierung erleichtern sollen.
Doch Ruth hat eine Mission: Sie will sich mit ihrer kleinen Schwester Katie (Aisling Franciosi) versöhnen, die nach ihrer Verurteilung zu einer Pflegefamilie kam und sich heute kaum mehr an die Zeit davor erinnern kann. Bis sie fünf war, kümmerte sich Ruth um Katie, nachdem beide Eltern verstorben waren. Nur wurde das Geld irgendwann knapp und die Schulden immer größer. Als sich Ruth weigerte, der unvermeidlichen Räumung ihres Hauses nachzukommen, kam es schließlich zu dem Schuss, der ihr Leben für immer verändern sollte.
Es ist kein leichter Stoff, den sich Nora Fingscheidt für ihr englischsprachiges Debüt ausgesucht hat. Aber um so besser scheint er auf die Regisseurin zu passen, die vor drei Jahren mit Systemsprenger nicht nur das deutsche Kino wachrüttelte, sondern auch international stark auf sich aufmerksam machte. Damals geriert ihre Hauptfigur, die neunjährige Benni, im deutschen Sozialsystem in eine Abwärtsspirale, die Fingscheidt authentisch und mit viel Empathie auf der Leinwand nachzuzeichnen verstand. Und auch bei Ruth geht sie ähnlich genau und wachsam vor, um gesellschaftliche Missstände offenzulegen. Nur gelingt es ihr hier am Ende nicht, sich dem Klischee und einer gewissen Oberflächlichkeit zu erwehren, was The Unforgivable zwar zur einem bewegenden, aber bisweilen verschenkten Thriller-Drama macht.
Das Zurückliegende, das hier wirkt, erfährt man aus zahlreichen Rückblenden, die unvermittelt in die Gegenwartshandlung eingebaut sind. Und auch sonst orientiert sich das Drehbuch von Peter Craig, Hillary Seitz und Courtenay Miles stark an der Vorlage von Sally Wainwright, die 2009 unter dem Titel Unforgiven und mit Suranne Jones in der Hauptrolle einen erfolgreichen Dreiteiler für das britische Fernsehen schrieb.
Bullock, die hier ihren bisher härtesten und mit Abstand unglamourösesten Auftritt absolviert, gelingt es, ihrer Figur trotz aller äußeren Konflikte eine eigene Autorität, Präsenz und innere Wärme zu verleihen, die Ruth selbst dann noch den Rücken stärkt, wenn der Film im letzten Drittel arg ins Schleudern gerät, weil den Autoren der Mut fehlte, das Original einer gründlichen Prüfung auf seine Mängel zu unterziehen. Das mag in erster Linie daran liegen, dass man bei Netflix darauf bestand, einem eher systemkonformen Showdown kurz vor dem Finale zu folgen, und auch Fingscheidt sich wohl oder übel den Wünschen der Produzenten fügte, um ihre erste internationale Produktion nicht zu gefährden. Nur kippt dadurch die ganze Stimmung des Films zum Ende hin in ein emotionales Mittelmaß und schmälert unnötig die große Leistung im Hinblick auf die feine Charakterzeichnung, die sowohl die Regisseurin als auch ihre Hauptdarstellerin hier insgesamt eindrücklich demonstrieren.
Ein auffälliges Manko sind zudem die teilweise sträflich vernachlässigten Nebenrollen. Um so mehr gönnt man Bullock letztlich ihren ganz und gar glanzlosen Moment im Rampenlicht und hofft im Stillen, dass Fingscheidt zukünftig wieder auf ihre eigenen Stoffe vertraut, anstatt sich an ambitionierten Remakes abzuarbeiten.
