In der romantischen US-Komödie „Ruby Sparks“ dekonstruiert Zoe Kazan auf charmante Weise den Traum Pygmalions und spielt mit dem Motiv skurriler Schriftstellerfantasien.
Die perfekte Freundin. Unabhängig, aber nicht so unabhängig, dass sie ohne ihn existieren kann. Lebhaft, aber nicht so lebhaft, dass sie Nächte lang mit ihren Freunden um die Häuser zieht. Schön, aber nicht so schön, dass andere Männer von ihr allzu sehr Notiz nehmen. Ja wie soll sie denn sein? Eine zeitgemäße Antwort darauf gibt Ruby Sparks, geschrieben und verkörpert von Zoe Kazan, der Enkeltochter von Hollywoodlegende Elia Kazan (A Streetcar Named Desire, On The Waterfront). Es scheint, der Apfel fiel nicht allzu weit vom Stamm.
Ruby Sparks hat rotes Haar, trägt Vintage-Kleider und violette Strümpfe. Ihre Vorbilder sind Humphrey Bogart und John Lennon. Sie ist hübsch, hat Kunst studiert und liebt Horrorfilme. Für Calvin Weir-Fields (bestens besetzt mit Paul Dano, einer Mischung aus nettem Nachbar und potenziellem Psychopathen), einen aufstrebenden, jungen Schriftsteller in Los Angeles, ist sie vollkommen, denn Ruby ist seiner Fantasie buchstäblich entsprungen. Cal ist schüchtern, durchschnittlich aussehend, aber ein literarisches Wunderkind – eine Art J.D.-Salinger-Verschnitt. Seinen ersten Roman veröffentlichte er mit neunzehn, doch zehn Jahre später rangiert sein ehemaliger Bestseller nur noch irgendwo nach The Catcher in the Rye. Sein einziger Freund ist sein Hund Scotty, der Gender-Probleme hat und „wie ein Mädchen pinkelt“; seine einzigen sozialen Berührungspunkte sind sein Bruder Harry (Chris Messina) und sein Psychiater (Elliott Gould). Und so leidet Calvin an einer Schreibblockade, bis er im Traum einer feengleichen Frau begegnet, die ihn dazu inspiriert, eine neue Geschichte zu schreiben. Wenige Tage später steht das Mädchen seiner Hipster-Träume in der Küche und macht Frühstück. Calvin, zunächst im Glauben verrückt geworden zu sein, stellt bald glückselig fest, dass Ruby real ist und er sie jederzeit auf seiner Olympia-Schreibmaschine umdichten kann. Und wenn Ruby Tendenzen zeigt, sich von ihrem Schöpfer zu emanzipieren, dann tippt er Sätze wie: „Ruby was miserable without Calvin“. Omnipotent wie er nun ist, beginnt er bei den ersten Anzeichen von Beziehungsproblemen wie ein Puppenspieler an den Fäden seiner Marionette zu ziehen.
Pixie Dream Girl
Was Galatea für Pygmalion war, ist Ruby Sparks für Calvin. Angewidert von sexuell ausschweifenden Frauen, den Propoetiden (antike Prostituierte), schnitzt sich König Pygmalion in Ovids Metamorphosen seine Gefährtin, in die er sich verliebt und die – dank Venus – in seinen Armen lebendig wird. „Jetzt mit bewunderter Kunst voll Leichtigkeit schnitzt er helles Elfenbein und gibt ihm Gestalt, wie niemals aufwuchs irgendein Weib, und betrachtet sein Werk mit inniger Liebe.” So wie Pygmalion verliebt sich auch Calvin in seine Muse („Mindcest“ sozusagen), doch seine Schöpfung gerät außer Kontrolle und entfaltet eigene Sehnsüchte wie in der wohl bekanntesten Behandlung dieses Stoffes, dem Theaterstück „Pygmalion“ des irisch-britischen Autors George Bernhard Shaw und deren Musicaladaption My Fair Lady. Shaw verlagert den Fokus: nicht der Künstler steht im Mittelpunkt der Handlung, sondern seine Schöpfung, die ihn am Ende verlässt. Galatea ist bei ihm ein vorlautes und primitives Blumenmädchen, das von einem Phonetiker in die feine Gesellschaft eingeführt wird. Doch die Frau, sie ist lediglich ein Mittel zum Zweck. Professor Higgins ist mit Eliza Doolittle ein Coup gelungen: „I really did it, I did it, I did it! I said I‘d make a woman and indeed, I did.”
Ruby Sparks ist das Manic Pixie Dream Girl du jour. Sie ist jung und verträumt, exzentrisch und kreativ. Sie hat nur eine Aufgabe: den apathischen Mann an ihrer Seite aus seiner Lebenskrise zu katapultieren. Pixies sind Indie-Feen und wahnsinnig hip. Sie hören The Shins wie Natalie Portman in Garden State oder The Smiths wie Zooey Deschanel in 500 Days of Summer, und doch sind sie im Grunde genauso ein Stereotyp wie die üppig ausgestattete Blondine im heißen Top. Filmkritiker Nathan Rabin beschrieb mit diesem Begriff erstmals Kirsten Dunsts Charakter in Elizabethtown: „That bubbly, shallow cinematic creature that exists solely in the fevered imaginations of sensitive writer-directors to teach broodingly soulful young men to embrace life and its infinite mysteries and adventures.“ Sexuelle Fantasien spielen dabei oft eine marginale bis gar keine Rolle. Cal kreiert kein Playmate, wie das – inspiriert von Frankenstein – zwei Teenager in John Hughes Weird Science (aka L.I.S.A.) tun, indem sie eine Barbiepuppe an einen Computer schließen und Bilder von Models und Albert Einstein einscannen. Immerhin: Intelligent soll sie sein! Ein flüchtiger Charlie-Kaufman‘scher Moment entsteht in Ruby Sparks dann, wenn es zu einem Eklat zwischen Cal und seiner Kreation kommt und wir uns an Eternal Sunshine of the Spotless Mind erinnern. Clementine, sich ihrer eigenen Unvollkommenheit bewusst, konfrontiert Joel: „Too many guys think I‘m a concept, or I complete them, or I‘m gonna make them alive. But I‘m just a fucked-up girl who‘s lookin‘ for my own peace of mind”.
Krisen und Kopfgeburten
Mit Cal begegnen wir aufs Neue der zwielichtigen Seite des Schriftstellers, und auch wenn es nicht die narrative Essenz von Ruby Sparks ist, so lohnt es doch, einen Blick auf vergangene dunkle Schicksale und Kopfgeburten zu werfen. Herbeigeführt wird Calvins Krise durch eine Schreibbarriere, die sich für einen Autor zum existenziellen Problem auswachsen kann, wie es etwa Joel und Ethan Coen mit Barton Fink recht drastisch darstellen. Darüber, ob Charlie Meadows und die Geschehnisse um ihn herum real oder nur Hirngespinste sind, lassen die Filmemacher uns im Dunkeln. Im Gegensatz zu Barton zerbricht Cal aber nicht an der Traumfabrik – zumindest nicht an der von Hollywood.
Die innere Reise eines schreibenden, von der Außenwelt meist isolierten Fantasten ist an sich nicht besonders aufregend zu beobachten. Deshalb finden sich Leinwandliteraten zum Beispiel auf einer Metaebene wie Charlie Kaufman in Adaptation in einer Identitätskrise wieder. Charlie soll (wie im wahren Leben) einen Roman für einen Film adaptieren, doch er weiß nicht wie. Also schreibt er sich selbst in sein Drehbuch hinein und wird zum Protagonisten eines Krimis. In einer Sinnkrise steckt auch Sarah Morton in Francois Ozons Swimming Pool. Die Autorin zieht sich zurück in das Landhaus ihres Verlegers, wo sie bald seiner vermeintlichen (und überdurchschnittlich attraktiven) Tochter Julie begegnet, die Sarah mit ihrem freizügigen Verhalten provoziert. Doch ist die sexy Blondine real oder die fiktive Heldin ihres Romans? Man ist auch hier einem männlichen Blick ausgesetzt: der Fantasie von Ozon, die von Sarah visualisiert wird. In Alain Resnais‘ vielfach prämiertem Meta-Film Providence dirigiert der gealterte Literat Clive Langham das Schicksal seiner fiktiven Charaktere ebenso wie die Geschichte dieses bizarren Films. Am schrägsten aber wird es in David Cronenbergs Naked Lunch, wenn sich der erfolglose Schriftsteller Billy Lee mit Insektengift zudröhnt, bei einem Wilhelm-Tell-Spiel seiner Frau in den Kopf schießt (wie „Naked-Lunch“-Autor William S. Burroughs im wirklichen Leben), sich in die Traumwelt Interzone fantasiert und beginnt, für eine Geheimorganisation zu schreiben – auf einer sprechenden Schreibmaschine in Gestalt eines Riesenkäfers. Allen ist eines gemeinsam: Sie suchen einen Ausweg aus ihrer Schaffenskrise, ihre Fantasien verkörpern Brutstätten verborgener Wünsche und Ängste. Doch Calvins Gedanken sind immer auch zugleich Realität.
Subversives Potenzial
Regie führte das Paar Jonathan Dayton und Valerie Faris, die sich vor sechs Jahren mit Little Miss Sunshine (Drehbuch: Michael Arndt) etablieren und einen kommerziellen Erfolg verzeichnen konnten. Doch Ruby Sparks ist ein Film von und für Zoe Kazan, die es versteht, sich selbst zu zelebrieren. Bei den beiden Hauptdarstellern, die auch im wahren Leben liiert sind, stimmt die Chemie und sitzt das Talent, doch auch zwei Nebenfiguren hätten mehr Screentime verdient: Der allzu kurze Auftritt von Annette Bening als Calvins verschrobene Hippie-Mutter und von Antonio Banderas als deren Freund ist verschenkt.
Trotz der konventionellen Formel steckt in Ruby Sparks subversives Potenzial. Obwohl die Autorin mit Ruby das Dream Girl perfektioniert und damit lediglich ein Klischee durch ein anderes ersetzt, entlarvt sie es im selben Moment als ebensolches: ein Fantasie-Fräulein im Luftschloss. Die vollkommene Galatea, sie existiert nicht. Kazans schlagfertiges Drehbuchdebüt ist eine ebenso komische wie kritische Anmerkung über die Suche nach dem perfekten Partner, die verführerische Funktion der Fantasie und die Verantwortung des Kreativen gegenüber seiner Kunst. Kameramann Matthew Libathique (Black Swan, The Fountain) liefert die passend charmanten Bilder und DeVotchKa-Frontman Nick Urata die für ein Orchester komponierte Musikkulisse, ergänzt mit French Pop aus den Sechzigern. Mit jungen Comedy-Autorinnen wie Zoe Kazan weht jedenfalls ein sympathischer Wind in einem Hollywood, dessen Komödienschaffen von Männern geprägt ist, die am Peter-Pan-Syndrom zu laborieren scheinen. Ruby Sparks, wenn auch kein Feuerwerk, sprüht definitiv Funken.
