Tolle Geschichtsvermittlung mit Gleichgewichtung von Diskurs und Empfindung
Wer hat sie gefragt, die Eltern, die Großeltern, gefragt, wie das damals war? Im Zweiten Weltkrieg. Mit den Nazis. In Fabian Eders hervorragendem Film werden genau solche Gespräche beobachtet und mitgehört. Jung fragt Alt über die Zeit aus, über die kaum jemand gerne sprechen will. Einen solchen Dialog des lange zurück reichenden Erinnerns und des in scheinbar ewige Wunden Nachfragens (auch noch filmisch) zum Funktionieren zu bringen, ist schwierig. In Der schönste Tag ist dafür ein ideales Setting gefunden: In den Zugabteilen, einander gegenüber sitzend bei den großen Fenstern, hinter denen Land- und Ortschaften vorüberziehen, sind die Sprechenden nicht zu Hause, und doch ungestört, an keinem ablenkenden Ort, vielmehr schon unterwegs. Eine Enkelin befragt ihre Großmutter, ein Enkel seinen Großvater, einer seine Großmutter, und der Regisseur selbst befragt den enkellosen Zeitzeugen Aba Lewit. Genau genommen hört Eder fast nur wortlos – sprachlos – zu, denn die Erzählungen des seit den Neunzigern öffentlich engagierten Mauthausen- und Gusen-Überlebenden Lewit sind die weitaus drastischsten. Während die übrigen Schilderungen ziemlich unterschiedliche Perspektiven zutage bringen, zeigt sich eines sehr deutlich: In Österreich wurde rasch ein Mantel des Schweigens über alles Geschehene gelegt.
Eben dieser Frage nach der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Österreich nimmt sich Der schönste Tag ebenfalls an, angedeutet schon in der ersten Szene: Zur Anschluss-Rede Hitlers und begleitendem Jubel der Massen wird ein Schild der österreichischen Ausstellung abmontiert, die 1978 in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau eröffnet wurde. Die Aufschrift: „11. März 1938: Österreich – Erstes Opfer des Nationalsozialismus“. Zahlreiche Insider, darunter Nationalfonds-Generalsekretärin Hannah Lessing und Hannes Sulzenbacher, Mitglied des kuratorisch-wissenschaftlichen Teams, legen ihre Sicht der Dinge dar und gewähren einen Einblick in die Erarbeitung der neuen Ausstellung im Auschwitzer Block 17. Diese soll das Narrativ der Opferrolle ablegen und die Mittäterschaft angemessen thematisieren – und wurde übrigens mittlerweile, im Herbst 2021, tatsächlich eröffnet.
Wie beiläufig, aber alles zusammenhaltend, sehen wir zwischen all den Gesichtern und den eigenen gedanklich entstehenden Bildern auch Mauthausen und Gusen. Prägt anregende Schuss-Gegenschuss-Rhythmik die Zuggespräche, agiert die Kamera hier meist mit Standbild und einem bald folgenden horizontalen Schwenk und drückt so drei essenzielle Angelpunkte dieses Films aus, der auch ein Film über Geschichtsschreibung ist: Innehalten, Orientierung, Neuausrichtung.
