Ein taiwanesischer Zombie-Slasher geht an Grenzen
Ein Virus wütet in der Stadt. Viele warnen vor ihm, manche halten ihn für eine stärkere Grippe. Das Fernsehen kündigt offizielle Stellungnahmen der Regierung an, auf den Straßen liegen gebrauchte Stoffmasken. Klingt vertraut, oder?
In der Tat fällt es schwer, das taiwanesische Regiedebüt des Kanadiers Rob Jabbaz nicht vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie zu sehen. Doch obwohl hier fast tagesaktuelle Sätze fallen wie „Ein Lockdown kann Politikern die Karriere ruinieren“ steht The Sadness weniger in der Nachfolge von „seriösen“ Seuchenfilmen à la Contagion (Steven Soderbergh) oder Outbreak (Wolfgang Petersen) als vielmehr in der Tradition handfester Zombie-Slasher von Dawn of the Dead bis hin zum koreanischen Train to Busan.
Schon die Ausgangssituation verdankt sich mehr den Regeln des Genres als wissenschaftlicher Extrapolation. Ein
attraktives junges Paar startet in Taipeh in den Tag und stößt dabei immer häufiger auf unerklärliche Gewaltexzesse in den Straßen. Eben noch harmlose Nachbarn, fallen auf einmal entmenschte Zombies über ihre vom so genannten Alvin-Virus noch nicht infizierten Mitmenschen her. Erst gemeinsam, dann durch die Tumulte voneinander getrennt, kämpfen Jim und Kat in düsteren U-Bahn-Schächten und versifften Kliniken ums nackte Überleben.
Die Eskalation des Schreckens ist zweifellos virtuos in Szene gesetzt. Die Kamera suggeriert anfangs mit Schatten und Spiegelungen jenes Grauen, das sich später in abgetrennten Gliedmaßen, ausgestochenen Augen und explodierenden Köpfen konkretisiert. Die Gewaltdarstellung geht hier, zumal sie auch deutlich sexuell konnotiert ist, durchaus bis an Ekel-Grenzen und droht stellenweise in unfreiwillige Komik zu kippen. Verstärkt wird der Schock-Effekt durch den verstörenden Umstand, dass die verseuchten Zombies an ihren Taten unübersehbar helles
Entzücken finden.
Interpretatorisch lässt die fernöstliche Schlachtplatte vieles offen. Im Gegensatz zu klassischen Zombie-Filmen, die sich – wie etwa George A. Romeros Dawn of the Dead – gern als konsumkritische Parabel gerierten, bleibt es hier dem Betrachter überlassen, ob er im Alvin-Virus ein aus dem Ufer gelaufenes medizinisches Experiment oder ein Symbol für ein denkbar pessimistisches Weltbild sehen will. Als Beschreibung einer Gesellschaft, in der Zweifel und Misstrauen dominieren, trifft The Sadness jedenfalls den Zeitgeist.
