Es klingt verrückt: Ein alterndes Ehepaar, hervorragend besetzt mit Olivia Colman und David Thewlis, steht unter Mordverdacht und findet Zuflucht in der Phantasie des Kinos. Ein Gespräch über die neue Sky-Miniserie „Landscapers“, gefährliche Liebe, Cowboys und Leinwandidole.
Es gibt auch im Überangebot der Streaming-Dienste immer wieder Serien, die einen angenehm überraschen. Landscapers, der neue Vierteiler von Ed Sinclair, in dem dessen Ehefrau Olivia Colman und der stets wunderbare David Thewlis die Hauptrollen spielen, ist eines der originellsten Formate, das sich HBO und Sky in letzter Zeit ausgedacht haben. Es geht um das ältere Ehepaar Susan (Colman) und Christopher Edwards (Thewlis), die ihre Leichen nicht im Keller, sondern zu Hause im Garten vergraben haben. Da liegen sie lange Zeit gut und sicher, denn die Edwards hatten sich unmittelbar nach der Tat vorsorglich nach Frankreich abgesetzt. Fünfzehn Jahre lang entgingen sie so erfolgreich der Realität. Aber als das Geld immer knapper wird, muss Christopher irgendwann seine Stiefmutter um finanzielle Unterstützung bitten – mit fatalen Folgen für das sich auch im Alter noch innig liebende Paar. Es dauert nicht lang, da hat die Polizei sie im Visier. Der Verdacht: Doppelmord. Das zehrt an den Nerven der sensiblen Eheleute, aber die Edwards‘ wissen sich auch in der größten Not noch zu helfen. Von ihrer Begeisterung für alte Western- und andere Kinoklassiker angeregt, schlüpfen die beiden während der Ermittlungen in wild erfundenen Erzählungen immer wieder in die Rolle von Hollywood-Helden. Allerdings hält auch die Flucht in die Fiktion, und sei sie noch so clever inszeniert, so manche Tücken für das ungewöhnliche Mörderpaar bereit.
Sie spielen beide fiktionale Figuren, aber die Geschichte, die Sie in Landscapers erzählen, basiert auf einer wahren Begebenheit. Haben Sie versucht, Genaueres aus dem Leben der Eheleute in Erfahrung zu bringen, um Ihre Figuren zu formen?
David Thewlis: Mein erster Instinkt war, ich muss den Mann unbedingt treffen, aber im Nachhinein bin ich froh, dass das angesichts der Lockdown-Situation nicht möglich war. Ich habe das früher gemacht, für andere Rollen. Damals habe ich Interviews mit den betreffenden Personen geführt und viel Drumherum recherchiert, aber wirklich hilfreich war es nur in den wenigsten Fällen. Ich hätte schon gerne ihre Version der Geschichte gehört, einfach aus Neugier, aber ich denke, für meine Figur war es besser so.
Olivia Colman: Für mich steckte die ganze Arbeit bereits im Drehbuch. Ich hatte nicht das Gefühl, da selbst noch viel ergründen zu müssen. Wenn ein Drehbuch gut ist, kommt es mir lediglich darauf an, in meiner Darstellung dem Geschriebenen gerecht zu werden. Für mich war es ein Segen, dass wir das Paar nicht treffen durften. Ich habe nicht gerne zu viele Informationen vorab, weil ich dann alles einzubringen versuche. Und mir ist es lieber, wenn ich meine Figuren komplett unvoreingenommen spielen kann.
Wie findet man Mitgefühl für die Figuren, wenn man ein Mörder-Ehepaar spielt?
DT: Mir war es wichtig, das eigentliche Verbrechen so weit wie möglich außen vor zu lassen, und mich auf die Beziehung der beiden vor und nach der Mordtat zu konzentrieren, vor allem auf die fünfzehn Jahre, in denen sie quasi auf der Flucht lebten.
OC: Der Schwerpunkt der Serie liegt ja nicht auf den Morden, sondern vielmehr auf der innigen Liebe zwischen diesen beiden Menschen. Sie hatten ja auch keine Freunde oder andere Vertrauenspersonen. Es gab für sie nur sie beide. Deshalb ist es auch nicht schwer, eine Art von Mitgefühl zu empfinden – und zwar nicht nur im Spiel, sondern auch auf Seiten des Publikums.
Allerdings kann zu viel Liebe auch gefährlich sein.
DT: Stimmt, ja, aber das trifft hier nicht zu, denke ich. Es ging mir eher bei anderen Verbrechen so, die von Paaren verübt wurden, dass ich das Gefühl hatte, da ist ein ungesundes Maß an Liebe im Spiel gewesen. Erinnern Sie sich nur an die West-Morde. Seine Frau Rosemary wurde nie verurteilt, aber sie steckte definitiv genau tief in der Sache mit drin wie er. Es ist schon gruselig, sich vorzustellen, wie sich Menschen, die einander lieben, so aneinander hochspielen können, um solche grausamen Taten zu vollbringen. Aber bei den Edwards‘ war das meiner Ansicht nach anders. Die gehören nicht in diese Sparte von Kriminellen oder Serienmördern.
OC: Das glaube ich auch nicht. Für die beiden war das eine einmalige Sache, eine Verzweiflungstat. Wir werden wohl nie erfahren, was genau dahintersteckte, aber es ging in Sues Fall ja auch um Missbrauch in der Kindheit, und so etwas hinterlässt natürlich Spuren. Es muss etwas Schreckliches passiert sein in der Mordnacht, aber ich wette, dass sie sich im Nachhinein gewünscht hätten, es rückgängig machen zu können. Nur dafür war es zu spät.
Das eine ist die True-Crime-Geschichte, das andere die Liebesgeschichte. Aber die Serie lebt wirklich von dem schwarzen Humor in Ed Sinclairs Drehbuch.
DT: Danke, dass Sie das ansprechen, denn genau darum war ich von Anfang an so begeistert von dem Projekt. Ich bin immer fasziniert, wenn ich ein Drehbuch lese, das originell, spannend, bewegend und witzig zugleich ist. Das passiert einem nicht oft.
OC: Leider viel zu selten. Aber ich denke, es ist eine Besonderheit im britischen Fernsehen, diese Fähigkeit, etwas Grausames mit einem surrealen, magischen und manchmal auch experimentellen Touch zu versehen und dem Ganzen einen Humor einzuflößen, der nicht nur düster ist, sondern gleichzeitig auch intelligent.
Sie dürfen hier in verschiedene Genres wechseln. Welches hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
OC: Ich habe es geliebt, Cowboys zu spielen.
DT: Mir ging es ähnlich. Und ich glaube, würden Sie die Crew fragen, bekämen Sie die gleiche Antwort. Wir Briten kommen in Western nicht so häufig vor. Und man würde auch nicht vermuten, dass es bei uns einen Ort gibt, der einer Westernstadt gleicht. Aber im tiefsten Surrey existiert so ein Städtchen, da haben wir gedreht. Das war toll. Man fühlte sich direkt in die eigene Kindheit zurückversetzt. So war es zumindest bei mir. Mein Vater hatte einen Spielzeugladen, in dem er Plastikpistolen und Cowboyhüte für Kids verkaufte. Ich habe mich also sofort wieder wieder wie als kleiner Junge gefühlt.
Haben Sie einen Lieblingswestern?
DT: Keine Frage, Unforgiven.
OC: Ich muss erst mal überlegen.
DT: High Noon.
OC: High Noon, ja, vielleicht. Obwohl, ich erinnere mich nicht daran, explizit Western geschaut zu haben. Deshalb hat es mich auch so überrascht, wie wohl ich mich fühlte, als wir in vollen Montur vor der Kamera standen. Ich hätte gar nicht gedacht, dass mir das so viel Spaß machen würde. Ich werde zukünftig mehr Western schauen. Offenbar gibt es da eine unentdeckte Leidenschaft in mir, die es zu ergründen gilt.
Haben Sie auch Leinwandidole, so wie Susan?
DT: Ich habe nie Schauspieler idealisiert, vielleicht weil ich selbst einer bin. Bei Musikern oder Schriftstellern ist das anders, da könnte ich ihnen ein paar Namen von Leuten nennen, die mir imponieren. Aber ich habe zum Beispiel mal mit Marlon Brando gedreht, und es gibt Menschen, die das für etwas Besonderes halten. Nur habe ich mir nicht sonderlich viel daraus gemacht, weil er für mich kein Idol war. Ich habe ihn einfach als einen etwas älteren Gentleman erlebt, mit dem ich zusammengearbeitet habe.
OC: Ich wünschte, ich würde so aussehen wie Grace Kelly und ich liebe Judi Dench, aber ich würde sie nicht als Idol bezeichnen. Ich denke, wenn man in dem Beruf arbeitet, lernt man über die Jahre zwangsläufig Schauspieler und Schauspielerinnen kennen, deren die man schätzt oder auch verehrt, aber am Ende sind sie Menschen wie du und ich. Bei Musikern fragt man sich, wie machen die das? Wie schaffen sie es, so grandios zu singen oder ihre Instrumente zu spielen? Wieso kann ich das nicht? Sie kommen für mich aus einer anderen Welt und allein deshalb sind sie automatisch faszinierender für mich. Wir Schauspieler verstehen uns untereinander eher sehr gut, die meisten meiner Freunde sind Schauspieler. Obwohl, stimmt auch nicht ganz, meine beste Freundin ist Lehrerin, die wäre sauer, wenn sie das jetzt lesen würde.
Wenn Sie doch die Gelegenheit gehabt hätten, Susan und Christopher eine Frage zu stellen, wie würde die lauten?
DT: Ich glaube, ich würde sie nach den fünfzehn Jahren fragen, die sie mit der Schuld leben mussten. Wie fühlte sich dieses Leben an, in dem man permanent Stress, Schuld und ein schlechtes Gewissen verspürt. Oder war es vielleicht gar nicht so? Und haben sie damit gerechnet, dass sie sich eines Tages stellen würden, oder hätten sie das Geheimnis mit ins Grab genommen, wenn man ihnen nicht auf die Schliche gekommen wäre?
OC: Mich würde auch interessieren, ob es in den fünfzehn Jahren jemals einen Tag gab, an dem sie nicht daran gedacht hätten, was sie getan haben. Ich kann mir für mich selbst nur vorstellen, dass ich mich damit jeden Tag, 24 Stunden am Stück, ununterbrochen auseinandersetzen würde. Und ich glaube, ultimativ würde ich daran zugrundegehen. Fünfzehn Jahre sind eine schrecklich lange Zeit, um mit einem derartigen Geheimnis zu leben. Und wer weiß, wieviel länger sie es ausgehalten hätten.
Ms. Colman, eine letzte Frage an Sie: Es ist das erste Mal, dass Sie mit Ihrem Mann zusammen an einem Projekt arbeiten. Wie war das für Sie? Darf er Ihnen Feedback geben?
OC: Nein, bloß nicht. Ich lasse mir gerne von allen anderen sagen, was ich anders oder besser machen kann, aber nicht von ihm. (Lacht.)
DT: Hilft er dir beim Lernen deiner Rollen?
OC: Auch nicht, das würde auf das Gleiche hinauslaufen. Er könnte sich seine Kommentare einfach nicht verkneifen. Wir haben früh gelernt, unsere Arbeit zu trennen, er macht seins, ich mach meins, und so funktioniert es sehr gut. Ansonsten hätte es wahrscheinlich auch bei uns längst Mord und Totschlag gegeben.
