Die Berlinale glänzt auch ohne Stars – in den Nebensektionen.
Die Berlinale hat ein Glamour-Problem. Nie zuvor kamen weniger VIPs auf den Roten Teppich des weltweit wichtigsten Publikumsfestivals als bei dieser 72. Ausgabe. Frankreichs Star Isabelle Adjani schwänzte die Eröffnung ebenso wie die deutsche Leinwand-Legende Hanna Schygulla, welche heftige Pandemie-Bedenken vor dem öffentlichen Auftritt plagten. Wer doch anreiste, isolierte sich lieber vorsichtshalber im Hotel: Emma Thompson hielt Interview-Audienz zu ihrem Publikumsliebling Good Luck to You, Leo Grande in ihrer Berliner Nobelherberge – allerdings nur via Videochat und nicht, wie sonst üblich, im direkten Gegenüber in einer Suite.
Für die Nebenreihen fällt das Fehlen großer Stars derweil kaum ins Gewicht, dort kommt man traditionell ohne großes Blitzlichtgewitter aus und setzt auf Wow-Effekte der cineastischen Art. Unglaublich aber wahr nennt Frankreichs rigoroser Exzentriker Quentin Dupieux seine Kino-Wundertüte, bei der ein ahnungsloses Ehepaar im Untergeschoß seines neuen Hauses eine unheimliche Entdeckung macht: Jedes Betreten des Kellers lässt sie jünger werden, was vor allem die Dame des Hauses begeistert. Der Jugendwahn hat freilich seinen Preis. Als schließlich Ameisen aus der Hand krabbeln, fühlt man sich wie im berühmten Surrealisten-Klassiker Der andalusische Hund von Luis Bunuel. Bodenständiger gibt sich derweil die französische Dokumentation Die Eiche – Mein Zuhause. Ganz ohne Kommentar, dafür mit pathetischer Musik wird geschildert, wie viele unterschiedlich Lebewesen diesen Baum als Biotop nutzen. Wie Käfer und Co. den Widrigkeiten wie Starkregen und Hitze souverän trotzen. Natur-Dokus gelten im Fernsehen als sichere Quotenbringer, Kino-Produzenten folgen dem Öko-Trend und entdecken Flora und Fauna zunehmend als potenzielle Publikumsknüller. Was juckt es die französische Eiche, wenn ihr Porträt an Disney-Kitsch erinnert?
Einmal mehr spielt deutsche Vergangenheitsbewältigung eine thematische Rolle der Berlinale. Nach einer wahren Geschichte erzählt Maggie Peren in Der Passfälscher von einem jungen jüdischen Helden, dem mit großem Geschick die fast perfekte Fälschung von Dokumenten gelingt. Louis Hofmann, Star der Netflix-Serie Dark, überzeugt mit Charisma und Charme und verleiht dem bitteren Drama die notwendige Leichtigkeit. Einen eindrucksvollen Einstand gibt der 2005 geborene Malte Oskar Frank in Gewalten, einem rigorosen Drama in der Reihe „Perspektiven Deutsches Kino“. Er spielt den sanftmütigen Teenager in der Provinz, der alle Demütigungen duldsam erträgt. Den herrschsüchtigen Vater ebenso wie den gewalttätigen Bruder. Nur im Wald findet der junge Daniel Trost. Visuell überrascht Regisseur Constantin Hatz mit großartigen Bildern, die seine todtraurige Geschichte erträglich und zum Preiskandidaten werden lassen.
Eine visuelle Wundertüte der preisverdächtigen Art bietet gleichfalls das argentinische Drama Sublime von Mariano Biasin, ein Coming-of-Age-Geschichte mit Charme und Coolness gleichermaßen. Der 16-jährige Manuel entdeckt plötzlich ungeahnte Gefühle zu seinem langjährigen Kumpel Felipe. Was tun mit der Freundin Azul? Wann petzt die kleine Schwester seine verräterischen Gespräche im Schlaf? Mit umwerfender Lässigkeit und enormer Leinwandpräsenz stemmen die jungen Darsteller ihr Gefühlschaos. Die Kamera ist stets mittendrin statt nur dabei. Wildes Kino mit Herz und Seele. Berührender Feelgood-Film mit dem Zeug zum Publikumsliebling. Wer braucht da noch Isabelle Adjani auf dem Roten Teppich?
