Das Ereignis | Interview

Das Gesetz der Freiheit

| Pamela Jahn |
Ein Gespräch mit Venedig-Gewinnerin Audrey Diwan über ihr Abtreibungsdrama „Das Ereignis“, ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Thema und über die Kraft des Kinos, die Welt zu verändern.

Einen Moment lang ist es ganz still. Ein einheitliches Schweigen erfüllt den Raum – und Audrey Diwan bleibt kurz das Herz stehen: „Ich dachte, das war‘s“, erinnert sich die französische Regisseurin mit libanesischen Wurzeln wenige Monate später sichtlich erleichtert an ihren Premierenabend bei den Filmfestspielen in Venedig im vergangenen September. „Ich hatte große Angst, die Leute würden den Film nicht verstehen.“ Doch ihre Sorge verfliegt, sobald der Applaus einsetzt, erst noch zaghaft, dann tosend, bis der ganze Saal steht und klatscht. Standing Ovations, minutenlang. Auch bei der Preisverleihung wenige Tage später feiert das Publikum sie noch einmal, als die Internationale Jury L’événement (so der Originaltitel) mit dem Goldenen Löwen für den besten Film auszeichnet. Ein Triumph.

Dabei ist der Film, mit dem Diwan seit Venedig die Welt erobert, ein eher bescheidenes Werk, das seine Wucht aus der Feinheit der Inszenierung gewinnt. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Buch von Annie Ernaux. Schauplatz ist Frankreich zu Beginn der sechziger Jahre, als Schwangerschaftsabbrüche auch dort noch illegal waren. Und genau das ist Annes Problem. Sie ist gerade Anfang zwanzig, eine begabte Studentin, die einmal Lehrerin werden will. Aber nach einer kurzen Affäre wird sie unerwartet schwanger, und sämtliche Türen, die ihr gerade noch offenstanden, schließen sich. In den Wochen nach der Diagnose, in denen wir Anne begleiten, kämpft sie mit sämtlichen nur erdenklichen Mitteln. Gegen ihr Schicksal. Gegen das System. Gegen sich selbst. Die junge Schauspielerin Anamaria Vartolomei gibt ihr die nötige Ausdauer und verkörpert sie mit einer selbstverständlichen Präsenz, die staunen macht. In den fast quadratischen Bildern, gedreht im gestauchten 4:3-Format, engt sich ihr Bewegungsspielraum zunehmend ein. Die Zeit wird knapp, Annes Not immer größer. Ihre Einsamkeit auch. Das Ereignis ist ein Film, der jeden Schritt, jeden Atemzug, jede Emotion seiner Protagonistin erfahrbar macht. Ein Film, der so nah am Leben ist, wie es das Kino nur sein kann. In jeder Einstellung, mit jedem Bild. In jedem noch so kleinen Augenblick.

Audrey Diwan, die Geschichte, die Sie in „Das Ereignis“ erzählen, spielt im Jahr 1964. Aber die Bilder, die Sie dafür finden, entsprechen nicht dem typischen Sechziger-Flair, der uns im Kino gerne vermittelt wird. Hat sich Ihre persönliche Vorstellung von der Zeit mit der Lektüre von Annie Ernauxs Roman verändert?
Audrey Diwan: Ich bin grundsätzlich kein Freund von idealisierten Bildern. Ich denke, sie verklären die Realität. Für meinen Film war es mir wichtig, dass die Zuschauer sich nicht als Beobachter fühlen, dass sie Anne nicht zuschauen, sondern dass sie sich direkt in ihre Lage versetzen. So dass es sich anfühlt, als steckten sie selbst in der Haut dieser jungen Frau. Und dazu gehört auch, dass man sich in die sechziger Jahre einfühlt. Aber ich wollte kein Historiendrama per se drehen, keinen nostalgischen Film. Ich wollte die Schwierigkeiten aufzeigen, die es damals gab, als Abtreibungen in Frankreich nicht nur illegal waren, sondern die Frauen, die sich trotzdem dafür entschieden, nicht nur gegen das Gesetz verstießen, sondern gleichzeitig ihr Leben riskierten. In dem Sinne sind die sechziger Jahre in meinem Film vielmehr eine sozialpolitische Idee als das Stimmungsbild einer Zeit, an die wir uns gerne mit verklärtem Blick erinnern.

Wann sind Sie zum ersten Mal aus Annie Ernauxs Buch aufmerksam geworden?
Audrey Diwan: Ich bewundere Sie als Autorin schon sehr lange und habe viele ihrer Bücher gelesen. Nur „Das Ereignis“ hatte ich noch nicht gekannt, bis ich selbst eine Abtreibung erlebte. Ich wollte darüber lesen, darüber nachdenken. Daraufhin empfahl mir eine Freundin das Buch. Beim Lesen wurde mir der enorme Unterschied bewusst zwischen meiner Situation und dem, was Frauen in der Vergangenheit durchmachen mussten. Ich hatte den Prozess selbst nicht als eine derartige Tortur empfunden, habe auch nicht die Einsamkeit gespürt, die Verzweiflung, all das. Ich hatte das große Glück, in einer Zeit und in einem Land zu leben, wo eine Abtreibung unter ärztlicher Aufsicht möglich ist, ohne Nadeln auf dem Küchentisch. Ich spürte beim Lesen einerseits eine enorme Wut im Bauch, habe aber gleichzeitig auch die weibliche Lust bewundert, die darin zum Ausdruck kommt. Und genau darüber wollte ich einen Film machen. Einen Film, der beide Dimensionen umfasst: Den Horror der Abtreibung ebenso wie das weibliche Begehren.

Faszinierend ist es auch, Annes Entschlossenheit zu beobachten. Sie ist eine Kämpferin. Sehen Sie da Parallelen zu sich selbst?
Audrey Diwan: Ja, ich denke schon. Der beste Beweis, den ich Ihnen geben kann, ist, dass ich es geschafft habe, diesen Film zu machen. Das war nicht einfach. Es war ein harter Kampf, den ich gemeinsam mit meinen Produzenten Edouard Weil und Alice Girard geführt habe. Aber auch ganz allgemein wusste ich bereits früh, dass ich stets für meine intellektuelle Freiheit kämpfen müssen würde. Es genügt nicht, daran zu glauben, was man für richtig hält, man muss sich dafür einsetzen, seinen Standpunkt verteidigen, immer wieder. Das hört nie auf.

Sie haben an anderer Stelle gesagt, Sie würden keine Filme drehen, um Antworten zu geben, sondern um Fragen zu stellen. Welche Frage hat Sie bei „Das Ereignis“ am intensivsten beschäftigt?
Audrey Diwan: Ob man sich anschauen kann, was Anne durchstehen muss, um eine Abtreibung durchzuführen, und dann trotzdem noch gegen eine Legalisierung von medizinisch begleiteten Eingriffen sein kann? Geht das, wenn man weiß, welche Qualen und welchen Schmerz man den Frauen damit zufügt, wenn man es gesehen hat? Und das sind bis heute meine Fragen, keine Antworten.

Haben Sie sich auch gefragt, was Sie in Annes Situation getan hätten?
Audrey Diwan: Ja, aber ich kann Ihnen darauf keine eindeutige Antwort geben. Ich weiß nicht, ob ich am Ende tatsächlich so mutig gewesen wäre. Ich möchte es glauben, aber ich habe nie den Schmerz gefühlt, den sie durchstehen musste. Die Realität sieht ja immer etwas anders aus. Ich würde gerne eine so starke Kämpferin sein wie sie, aber ich weiß nicht, ob ich es wirklich bin.

Sie haben bisher vor allem für andere Leute Drehbücher geschrieben. Warum war es Ihnen so wichtig, bei diesem Film selbst Regie zu führen?
Audrey Diwan: Ich war sehr jung, als ich meine ersten Romane schrieb. Mit 27 habe ich aufgehört, Geschichten zu schreiben, weil ich das Gefühl hatte, dafür noch nicht wirklich reif zu sein. Ich wusste, dass ich schreiben wollte, aber ich musste mir erst mal eine Meinung bilden über die Welt, ich musste mir Zeit nehmen, zu leben. Außerdem hatte ich persönlich extrem hohe Ansprüche an mich selbst und an meinen Schreibstil, und so habe ich mich entschlossen, zunächst für andere Leute zu schreiben. Ich dachte, früher oder später würde der Moment schon kommen, wo ich bereit sein würde – wenn nicht fürs Romanschreiben, dann für etwas anderes. Und irgendwann hatte ich all diese Bilder im Kopf und eine Vorstellung davon, wie ich die Dinge auch visuell ausdrücken könnte, um die es mir ging. Ich verspürte den Drang, selbst Regie führen zu wollen. Das war vor vier Jahren, damals war ich sechsunddreißig. Daraufhin ist mein erster Film entstanden, Mais vous êtes fous, und danach gab es für mich kein Zurück.

Sie sagten vorhin, es ginge Ihnen darum, dass sich die Zuschauer in Annes Situation hineinversetzt fühlen. Wie sind Sie es angegangen, das zu erreichen?
Audrey Diwan: Ich wollte, dass der Film eine Erfahrung wird, die Empfindungen vermittelt. Und nicht nur das. Ich habe mich gefragt, wie ich die Menschen dazu bringe, sich so zu fühlen, wie ich mich beim Lesen des Romans gefühlt habe. Es war mir wichtig, das der Film nicht nur ein Erlebnis für die Augen ist, sondern dass er buchstäblich unter die Haut geht. Und das kann man natürlich auf verschiedene Weise erreichen. Aber ich glaube, was mir als Erstes in den Sinn kam, war die Zeit. Ein sehr deutlicher Unterschied zwischen einer Emotion, die man beschreiben kann, und einem Gefühl, das man tief in sich spürt, liegt meines Erachtens darin, wie lange man als Zuschauer miterlebt, was da gerade auf der Leinwand mit einer Figur geschieht. Darum war es nicht einfach, den Film zu drehen und auch nicht zu schneiden, denn die Versuchung ist immer da, bestimmte Szenen und Einstellungen zu kürzen, weil sie manchmal zu schmerzlich sind. Aber ich denke, in der Dauer liegt das Geheimnis.

Wie haben Sie Anamaria Vartolomei für die Hauptrolle entdeckt?
Audrey Diwan: Durch den ganz regulären Casting-Prozess. Ich hatte meine Casting-Direktorin darum gebeten, mir nur filmerfahrene Schauspielerinnen vorzustellen. Ich brauchte eine junge Frau, die von vornherein sehr selbstsicher mit der Kamera umzugehen wusste, weil mein Kameramann, Laurent Tangy, sehr nah an sie herankommen würde. Und das erfordert eine Menge Talent, weil man natürlich wirken muss, auch wenn man die Kamera förmlich im Nacken spürt. Und Anamaria hatte genau diese Selbstsicherheit und außerdem eine Präsenz, die etwas Mysteriöses ausstrahlt. Sie weiß, wie man Emotionen nur auf minimale Art und Weise preisgibt. Davon abgesehen, wollte ich eine Schauspielerin für die Rolle, der ich auch intellektuell vertrauen konnte, weil es auch darum ging, das Buch zu verstehen, das heißt, zu begreifen, was genau Annie Ernaux da geschrieben hat. Anamaria und ich, wir haben die Figur zusammen zu dem gemacht, was Sie jetzt auf der Leinwand sehen. Deshalb war es mir auch so wichtig, sie bei der Preisverleihung in Venedig in den Mittelpunkt zu rücken, weil sie diesen Goldenen Löwen viel mehr verdient hat als ich. Für mich ist sie der Film.

Sie haben Journalismus und Politikwissenschaften studiert. Wie hat diese Ausbildung Ihre Art des Filmemachens beeinflusst?
Audrey Diwan: Ich denke, darin begründet sich die Tatsache, dass ich mich so sehr zur Realität als auch zum Bewusstsein hingezogen fühle. Ich möchte die Welt verstehen, in der wir leben, und dazu gehört eben auch, sie mit der Vergangenheit in Verbindung zu setzen. Ein weiterer Grund dafür, dass ich mich sehr für soziokulturelle Veränderungen interessiere, liegt in meiner eigenen Kindheit. Meine Großeltern lebten ein sehr einfaches Leben, sie hatten nicht viel Geld, meine Eltern dagegen schon. Ich bin quasi zwischen zwei sozialen Klassen aufgewachsen – und zwischen verschiedenen Kulturen. Ich hatte Freunde im Libanon und in Rumänien, weil meine Eltern von dort stammen. All das hat dazu geführt, dass ich sehr wachsam bin, was soziale und kulturelle Unterschiede angeht, weil es ein Teil meiner eigenen Geschichte ist.

Warum ist das Thema Abtreibung Ihrer Meinung nach bis heute so aktuell?
Audrey Diwan: Ich denke, es ist ein ewiger Krieg und eine Machtfrage. Es geht darum, wer wen kontrolliert. Und die Seite der Frauen ist stets in Gefahr, weil die Männer Angst haben, ihre Machtposition zu verlieren. Deshalb läuft es überall immer wieder nach dem gleichen Muster ab: Wenn der Frieden in Gefahr ist, werden zuerst den Frauen ihre Rechte genommen, dann geht es an die Menschenrechte. Wir leben in unruhigen Zeiten, und ich würde zum Beispiel gerne etwas mehr darüber verstehen wollen, was genau gerade in Texas passiert. Denn ich glaube auch dort zeichnet sich bereits ein ähnliches Muster ab, zuerst geht es um Abtreibung und dann greifen sie die Bürgerrechte an. Es ist kein gutes Zeichen.

Was ist Kino für Sie?
Audrey Diwan: Freiheit. Kino ist für mich die Freiheit, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ich mag am liebsten die Filme, die meinen eigenen Horizont erweitern, auch wenn es manchmal weh tut. Und das Kino erlaubt mir die Freiheit, mich zu verändern, mich weiterzuentwickeln, mich zu bilden. All das und noch so vieles mehr.

Glauben Sie an die Kraft des Kinos, die Welt zu verändern?
Audrey Diwan: Wenn nicht, würde ich keine Filme drehen. Wir alle sind Teil dieser Kraft, dieser Bewegung. Wir schaffen Ideen, Bilder, Geschichten von der Wirklichkeit, um dadurch etwas anzustoßen, um die Menschen zum Nachdenken anzuregen. Ob es funktioniert oder nicht, wir können es nur immer wieder versuchen.

Welche Angebote haben Sie seit Ihrem Triumph in Venedig erhalten? Bekommen Sie schon den Druck der Industrie zu spüren, gleich einen neuen Film nachzulegen?
Audrey Diwan: Nein, weil ich meine Filme selbst schreibe. Ich laufe deshalb nicht Gefahr, in irgendein ein Hamsterrad zu geraten, weil ich nicht auf die Drehbücher anderer Leute angewiesen bin. Ich wähle meine Themen selbst. Und ich fühle mich in der Hinsicht sehr geschützt. Aber Sie haben schon auch recht, der Druck ist da und auch die Versuchung, mit einem ähnlichen Film an den Erfolg von Das Ereignis anknüpfen zu wollen. Aber ich arbeite an verschieden Projekten und wenn die Zeit reif ist, werde ich meinen nächsten Film drehen. Ich habe es nicht eilig.