Diagonale 2022

Steirisch und leidenschaftlich

| Gunnar Landsgesell |
Der Grazer Dieter Pochlatko ist einer der umtriebigsten Produzenten des Landes. Er realisierte Filme wie das Gefängnisdrama „Fleischwolf“ oder Karl Markovics’ Regiedebüt „Atmen“ und rettete das Rechbauerkino, das sein Hundert-Jahre-Jubiläum feiert. Die epo-film leitet er gemeinsam mit seinem Sohn Jakob.

Wahrscheinlich hat jeder schon einmal einen Film der epo-film gesehen. Jüngst vielleicht Die Ibiza-Affäre, eine TV-Satire, die als Miniserie für Sky entstand; vielleicht den Kinofilm Klammer – Chasing the Line, der zugleich ein Porträt der Schi-Nation Österreich ist; vielleicht einen Film von Karl Markovics, Reinhard Schwabenitzky oder Houchang Allahyari. Oder auch die Verfilmung der Vita des Serienmörders Jack (Unterweger), von dem alle glaubten, er sei erfolgreich resozialisiert worden. Und vielleicht auch Das Wunder von Wörgl, eine Hommage an ein Geldexperiment, mit dem die Weltwirtschaftskrise im Tirol der 1930er-Jahre durchbrochen wurde, was selbst den damaligen französischen Premierminister interessierte.

Produziert hat diese Filme Dieter Pochlatko, ein ebenso sympathischer wie umtriebiger Mann, der eigentlich ganz andere Pläne hatte. Ein Jahr fehlte dem 1943 geborenen Grazer noch bis zum Abschluss seines Germanistik-
studiums, als sein Vater Erich, der Gründer der epo-film, überraschend starb. Dieters älterer Bruder Peter, der als Kameramann begann, hatte mit der Studio Film in Wien bereits seine eigene Produktionsfirma gegründet und prägte mit Produktionen wie Wünsch dir was das Fernsehgeschehen mit. Also brach Dieter sein Studium ab und stieg mit 23 Jahren bei der epo ein. Er diente sich mit viel Leidenschaft als Kameraassistent im eigenen Familienbetrieb hoch und machte sich 1971 selbstständig. 50 Jahre später sagt er, nicht ohne Stolz: „Ich bin heute immer noch als Produzent aktiv.“ Eigentlich wollte Pochlatko Mittelschulprofessor werden, doch die frühen Preise, die er für seine Kulturfilme erhielt, erleichterten den Kurswechsel. Er filmte über die Holzbaukunst in Österreich oder porträtierte den Astronomen Johannes Kepler. „Wenn man sich nicht komplett einer Sache widmet, geht das nicht“, sagt Pochlatko. Seine Arbeiten damals wurden noch als 15-minütige Vorfilme im Kino gezeigt. Der Literatur blieb er verbunden, er setzte Wolfgang Bauer und die anderen Dramatiker ins Bild, Graz war damals ein brodelndes Zentrum der österreichischen Literaturszene. Seine Porträts entstanden als 45-minütige Dokus für das Fernsehen. Beigebracht hatte sich Pochlatko das Filmen selbst, als Autodidakt, der die ersten Jahre sein eigener Kameramann war. Graz blieb vorerst Sitz der Produktionsfirma, steirische Themen waren ein wichtiger Teil der Arbeit. Während Peter Pochlatko der „Platzhirsch“ in Wien und seinem Bruder als Produzent zehn Jahre voraus war, wanderte Dieter erst 1985 mit der Produktion in die Hauptstadt, wo sich die Labors, die Tonstudios und die Förderer befanden. Die Zweigstelle in Graz blieb aber, so wie das Grazer Kennzeichen auf seinem Auto.

Pochlatko fand auch im ORF in Wien Grazer, die an seinen Ideen interessiert waren. Kuno Knöbl etwa, der erste Unterhaltungschef im ORF, der mit der Sendeleiste Impulse auch Avantgardekünstlern und Nachwuchsfilmemachern Räume eröffnete. Oder Gerald Szyszkowitz, der Fernsehspielchef, unter dessen Ägide Formate wie Kottan ermittelt und Alpensage entstanden. Pochlatkos erste fiktionale Arbeit mit dem Regisseur Reinhard Schwabenitzky wurde 1974 für das Fernsehen gemacht. Er war aber nicht nur als Produzent aktiv. An das Jahr 1977 erinnert er sich heute noch gut: „Damals habe ich mit Richard Kriesche an der HTL Ortweinschule in Graz einen Schulversuch gestartet, das war Medienunterricht mit Matura.“ Zehn Jahre lang unterrichtete er Schüler, die heute noch in der Branche aktiv sind.
Er war seiner Zeit voraus, erst vor wenigen Jahren wurde Medienkompetenz an den Schulen als „Pilotprojekt“ gestartet. Im gleichen Jahr wurde Pochlatko auch zum Kinobetreiber, eher durch Zufall. „Ich hatte im Rechbauerkino nach den regulären Vorstellungen meine 35mm-Filme vorgeführt, für mich selbst, um zu sehen, ob mit dem Film alles passt. Wenn wir in der Steiermark produziert haben, haben wir die Dosen mit den belichteten Filmrollen per Bahnexpress noch spät um 22 Uhr nach Wien geschickt, so dass sie gleich in der Früh entwickelt werden.“

Da traf er öfters Herrn Schaffler vom Rechbauerkino, weil der die Filmkopien ebenfalls mit dem Bahnexpress zum nächsten Kino schicken musste. Eines Abends meinte er zu Pochlatko: „Das ist der letzte Film, den ich aufgebe. Ich höre auf, das Geschäft geht schlecht, dazu wird man von den Verleihern geknebelt.“ Pochlatko wollte das Kino retten und es mit Arthouse-Filmen fortführen. Er fragte Peter Spiegel, ob er die Programmierung übernehmen würde, der stimmte zu. Pochlatko pachtete das Kino und konnte es zehn Jahre später erwerben. „Das ist eine schöne Erfolgsgeschichte“, so Pochlatko, der sich zugleich für die Subventionen bedankt, die das Weiterbestehen ermöglichten. Tatsächlich feiert das Kino nun hundert Jahre seines Bestehens, seit 25 Jahren auch alljährlich als Diagonale-Spielstätte.

Kürzlich starb der bayrische Filmemacher Herbert Achternbusch. Man würde nicht vermuten, dass die Österreich-Premiere seiner Filme regelmäßig in Graz stattfand. Auch dafür war Pochlatko verantwortlich. An eine Episode erinnert er sich besonders gut, als Achternbuschs „Skandalfilm“ Das Gespenst (1982) wegen „Blasphemie“ beschlagnahmt wurde. „Die Filmkopie liegt noch immer im Straflandesgericht im Keller“, erzählt Pochlatko. Bei der im Museum für Geschichte stattfindenden Ausstellung „Film und Kino in der Steiermark“ kann man unter anderem den Gerichtsbeschluss von damals bestaunen, den Pochlatko beisteuerte. „Unglaublich, wie verzopft und konservativ Österreich damals noch war, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen.“ Dabei erinnert sich Pochlatko auch an einen Sittenwächter und Pornojäger aus Linz namens Nachtmann, der ab und zu vorbeischaute. In der Nacht beschmierte er dann die Auslagen des Kinos. Derzeit erlebt das Rechbauerkino schwere Zeiten, die Umsätze haben sich wie bei vielen Kulturbetrieben durch die Corona-Schließungen stark reduziert. Zwar reicht es den meisten Menschen schon mit den Einschränkungen, Dieter Pochlatko erzählt aber auch von Besuchern, die an der Kassa fragen, wie viele Karten schon verkauft wurden – um dann wieder wegzugehen, wenn schon mehr als 20 Leute im Kino sitzen. „Das so eine Stimmung herrscht, ist schon traurig“, sagt Pochlatko, und fügt an, dass es bisher im Kino keinen einzigen Corona-Fall gegeben hat.

Dass die epo-film auf Kontinuität setzt, merkt man nicht nur an langjährigen Kollaborationen mit Filmemachern wie Allahyari, Markovics oder Schwabenitzky, sondern auch daran, dass seit einigen Jahren neben Dieter nun mit seinem Sohn Jakob Pochlatko die dritte Generation am Werk ist. Jakob Pochlatko ist wie sein Vater ein halber Quereinsteiger, hat zwar Jus studiert, aber während seines Gerichtsjahres verspürt, dass es ihn ins Familienunternehmen zieht. „Die juristische Ausbildung war eine unglaublich gute Schule. Im Tagesgeschäft der Produzenten werden die Dinge immer komplexer, da kommt mir das Wissen sehr entgegen.“ Seit 2011 ist Jakob in der Firma, es ist ein „learning by doing“: „Die ersten zwei, drei Jahre bin ich eher mitgelaufen. Es dauert, bis man auch eigene Projekte entwickeln kann.“ Während der zweite Sohn Florian (Erdbeerland) seinen eigenen Weg als Regisseur geht und gerade mit Freibeuter Film seinen ersten Langfilm vorbereitet, arbeiten Dieter und Jakob gemeinsam an Projekten. „Die Konstellation Vater und Sohn ist in einem professionellen, kompetitiven Umfeld nie leicht“, sagt Jakob, „aber es klappt zum Glück gut zwischen uns. Erstaunlicherweise treffen wir uns fast immer.“

Die Zukunft der epo-film sieht Jakob Pochlatko, der die ebenso begehrte wie prekäre Verfilmung von Die Ibiza Affäre sichern konnte, auf bewährten Schienen. Zugleich sei es aber wichtig, auf Veränderungen einzugehen: „Die Medienlandschaft ist sehr dynamisch. Was uns immer wichtig sein wird, ist der traditionelle Kinofilm, daran glauben wir. Vielleicht nicht mit dem Produktionsvolumen von heute, aber als Ort für den medialen Diskurs wird das Kino wichtig bleiben. Auch das klassische, lineare Fernsehen wird ein wichtiger Partner bleiben. Die neuen Player am Markt, die Online-Plattformen, findet Jakob Pochlatko sehr interessant: „Hier kann man neue Dinge, neue Farben erzählen. Sie werden aber die etablierten Produktionssäulen nicht verdrängen.“ Aktuell hat die epo-film eines ihrer größten Projekte in Arbeit, die Verfilmung von Robert Seethalers Bestseller „Ein ganzes Leben“. Das Buch wurde in 40 Sprachen übersetzt, nun wird es mit der Tobis Film als Partner umgesetzt. Gerade fertig gestellt wird auch Ruth Maders Serviam – Ich will dienen, ein langjähriges Projekt. Die Leidenschaft, von der Dieter Pochlatko erzählte, bleibt gewahrt.

www.epofilm.com