Filmkritik

Der Schneeleopard

| Jörg Schiffauer |
Die Suche nach einer seltenen Spezies als Naturerfahrung der besonderen Art

Vincent Munier, der sich in seiner Arbeit der Naturfotografie widmet, zählt zu den renommiertesten Vertretern seines Metiers. Seine Tier- und Landschaftsaufnahmen wurden in bekannten Magazinen wie „National Geographic“ publiziert und mit zahlreichen Auszeichnungen – so gewann er mehrmals den „Wildlife Photographer of the Year Award“ – bedacht. Bei einer seiner Expeditionen ins tibetische Hochland wurde Munier von der Kamerafrau und Regisseurin Marie Amiguet und dem Schriftsteller Sylvain Tesson begleitet, um die Suche nach dem titelgebenden Schneeleoparden zu dokumentieren.

La Panthère des neiges vermittelt zunächst auf höchst eindrucksvolle Weise, welchen Herausforderungen sich Naturfotografen wie Vincent Munier bei ihrer Arbeit gegenübersehen. Als wichtigste Eigenschaft kristallisiert sich dabei eine unendlich anmutende Geduld heraus, die man benötigt, um schlussendlich eines jener Bilder machen zu können, das dann Bewunderung und Auszeichnungen mit sich bringt. Und Geduld ist bei der Suche nach dem „Panthera uncia“ – wie der lateinische Fachbegriff für den Schneeleopardenn lautet – besonders gefragt, den die in ihrem Bestand ohnehin stark dezimierte Großkatze, die mittlerweile zu den seltensten Tieren auf diesem Planeten zählt, ist als Einzelgänger notorisch scheu und bevorzugt eine sehr zurückgezogene Existenz. In den Stunden und Tagen dieses geduldigen Wartens entsteht eine Beziehung zur Natur, die sich für den von der modernen Zivilisation geprägten Homo sapiens als durchaus neue Erfahrung darstellt. Die Voiceover-Kommentare von Sylvain Tessot, der seine Erfahrungen auch in einem 2021 erschienenen, gleichnamigen Buch, das sich zum Bestseller entwickelte, verarbeitet hat, verweisen immer wieder auf diesen Aspekt.

Über die zunächst im Mittelpunkt stehende Betrachtung der Arbeit des Naturfotografen entwickelt sich La Panthère des neiges auch zu einer grundsätzlichen Reflexion über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die Anziehungskraft, die diese noch weitgehend unberührte Region auf Vincent Munier und Sylvain Tessot auszuüben versteht, wird beinahe spürbar. Die eigentliche Aufgabe, den Schneeleoparden vor die Kamera zu bekommen, erscheint angesichts der rauen Schönheit des Himalaya und der sich dort befindlichen Geschöpfe – Munier und Marie Amiguet finden dafür kongeniale Bilder abseits jeglicher Hochglanz-Ästhetik – keineswegs das einzige lohnende Ziel. So wird etwa die Sichtung einer Bärenfamilie auf einem weit entfernten Berg zu einem überwältigenden Erlebnis für die beiden Abenteurer – und man kann ihren Glücksmoment hier ebenso trefflich nachvollziehen, wie das Faszinosum, das von einem Schneeleoparden ausgeht, als dieses beinahe mythisch anmutende Tier dann doch noch auftaucht.