Sabine Derflingers Dokumentarfilm über die feministische Ikone Alice Schwarzer feiert bei der Diagonale seine Weltpremiere.
14. Januar 1975. In einem Studio des WDR in Köln wird ein Gespräch zwischen zwei Frauen aufgezeichnet und am Nachmittag des 6. Februar – im Rheinland war dieser Tag die „Weiberfastnacht“ – in der ARD ausgestrahlt. Einander gegenüber sitzen die Ärztin und Schriftstellerin Esther Vilar und die bis dahin relativ unbekannte Journalistin Alice Schwarzer. Vilar hatte 1971 mit ihrem Buch „Der dressierte Mann“ für Aufregung und Zustimmung gesorgt. Es war als „feminine Antwort“ auf die Frauenbewegung erschienen und propagierte, Frauen würden Männer unterdrücken und nicht umgekehrt. Schwarzer war kurze Zeit vorher aus Paris, wo sie eine der Pionierinnen des MLF – Mouvement de la Liberation des Femmes – war, nach Deutschland zurückgekehrt. Sie arbeitete als Journalistin für den WDR. Ihr Film einer live durchgeführten Abtreibung im WDR hatte im Frühjahr 1974 heftige Debatten innerhalb der ARD ausgelöst. Aber deutschlandweit bekannt wurde Schwarzer durch das TV-Duell mit Esther Vilar. „Oh Graus, Frauen wurden losgelassen“, titelte eine deutsche Zeitung. Die „Bild“-Zeitung bezeichnete Schwarzer als „Hexe mit stechendem Blick“, anderen gilt sie seither als Star-Feministin. Sicher ist, dass diese mediale Begegnung Fernsehgeschichte schrieb.
Sabine Derflinger, die 2019 bei dem längst überfälligen und mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm Die Dohnal.
Frauenministerin Feministin Visionärin Regie führte, lässt ihren neuen Film über die legendäre „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer mit dieser Konfrontation beginnen. Zwei Stunden und 16 Minuten lang erzählt Derflinger nicht nur ein großes Kapitel Zeitgeschichte, jenes der zweiten Frauenbewegung ab den frühen siebziger Jahren, sondern auch ein Frauenleben. Jenes der Alice Schwarzer, die am 3. Dezember dieses Jahres 80 Jahre alt wird. Thematisch spannt Derflinger einen weiten Bogen: von den Anfängen der zweiten Frauenbewegung, dem Erscheinen von Schwarzers epochemachendem Buch „Der kleine Unterschied. Und seine großen Folgen“ (1975) bis zu heutigen Themen wie der Pornografie unter Jugendlichen, dem andauernden Kampf gegen Prostitution und der Auseinandersetzung mit dem fundamentalistischen Islam, der seit jeher eine Allianz mit dem fundamentalistischen Christentum eingeht.
Schwarzer ist seit über 50 Jahren eine Front-Frau, die dafür geliebt und gehasst wird. Heutzutage wird sie vielleicht sogar mehr geliebt als gehasst, weil sie mit ihrer kontinuierlichen journalistischen und aufklärerischen Arbeit daran erinnert, dass Rechte erkämpft, Dialoge geführt und Auseinandersetzungen ausgehalten werden müssen. 1978 zum Beispiel klagte Alice Schwarzer, unterstützt von neun weiteren Frauen – unter ihnen Inge Meysel, Erika Pluhar, Luise Rinser und Margarete Mitscherlich – die Zeitschrift „Stern“ wegen sexistischer Titelbilder. Mit der Begründung, Frauen könnten als Gruppe nicht beleidigt werden, wurde diese Klage vom Landesgericht Hamburg zurückgewiesen. „Es ist eine Ehre für den ‚Stern‘, von uns verklagt zu werden“, richtete Schwarzer dem Chefredakteur Henri Nannen damals über die Medien aus. Sabine Derflinger, die für ihren Film intensive Archiv-Recherche betrieben und einige wahre Schätze zu Tage gefördert hat, zeigt Schwarzer in einem zeitgenössischen Interview über die „Stern“-Klage: „Es macht uns klüger und gleichzeitig schöner, wenn wir den Kopf heben und ‚nein‘ sagen!“ Ein zentraler Satz, um die Haltung der Alice Schwarzer zu verstehen.
Ihre konsequente Sachkritik an frauenverachtenden Zuständen hat ihr über die Jahre seit der Gründung der „Emma“ im Jahr 1977 immer wieder sehr harte und diffamierende Kritik eingebracht: Sie sei ein „weiblicher Patriarch“, „die meistgehasste Chefredakteurin Deutschlands“, eine „Nachteule mit dem Sex einer Straßenlaterne“ und die „bundesdeutsche Chef-Anklägerin für die Sache der Frau“. Noch übler manche Leserbriefe, die Schwarzers Vergewaltigung herbeiwünschten: „Wenn einer bereit wäre, es der Schwarzer zu besorgen, dass die Heide weint, gäbe es eine Emanze weniger“. Sabine Derflinger bringt uns eine Frau näher, die uns sympathisch sein kann: zupackend, freundschaftsbegabt, eloquent und schlagfertig, mitfühlend und geradlinig – irgendwie einfach schwer in Ordnung. Eine, die gerne lacht und ihre Zeit mit langjährigen FreundInnen verbringt, die wertschätzend mit Menschen umgeht und mit strenger Hand ihre „Emma“ führt. Eine, die von sich selbst sagt: „Ich bin menschlich einfühlsam, aber hart in der Sachkritik.“ Das hat Alice Schwarzer früh gelernt. Vor dem Haus ihrer Großeltern in Wuppertal, in dem sie aufwuchs, erzählt sie von der naturverbundenen, anstrengenden Großmutter, die eine überzeugte Antifaschistin und Gerechtigkeitsfanatikerin, und dem Großvater, der ihre „soziale Mutter“ war. Von ihnen wurde Alice Schwarzer ganz und gar respektiert. Nie habe sie eine Demütigung erfahren. „Und auch mein Freiheitsdrang wurde uneingeschränkt akzeptiert.“ In dieser Szene des Filmes beginnt man zu verstehen, dass die frühe Erfahrung der Wertschätzung Schwarzer bis heute dazu befähigt, Anfeindungen auszuhalten und unbeirrt ihren Weg zu gehen. Mit 21 Jahren zieht Alice Schwarzer nach Paris, wird Au-pair-Mädchen, jobbt und lernt ihre große Liebe, den Studenten Bruno Pietszch kennen, mit dem sie bis 1974 liiert ist. Sie zieht zurück nach Deutschland und beginnt ein Volontariat bei den „Düsseldorfer Nachrichten“. Weil das „Spaß machte“, geht sie weiter: zur literarisch-satirischen Zeitschrift „pardon“, wo sie die Nachfolgerin von Günter Wallraff, also Spezialistin für Rollenreportagen, wird.
Von der Pike auf habe sie den Journalismus gelernt, sie sei durch Streberei aufgefallen, erzählt Schwarzer Sabine Derflinger im Interview. Paris – wo sie von 1969 bis 1974 als Korrespondentin für deutschen Funk, TV und Print arbeitet – und der Journalismus sind bis heute die wichtigsten Konstanten ihres Lebens. In Paris, ihrer zweiten Heimat, wird sie zur Pionierin der Frauenbewegung. Und der Journalismus ist bis heute ihr Werkzeug, um all jene Dinge lautstark an die Öffentlichkeit zu bringen, die Frauen immer noch in ihrer Freiheit und Gleichberechtigung einschränken. Derflinger lässt langjährige Weggefährtinnen zu Wort kommen: die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich (Archiv), die Anfang der 1970er-Jahre öffentlich sagte: „Ich bin Feministin“ und bis zu ihrem Tod im Jahr 2012 mit Schwarzer befreundet war. Den Journalisten Peter Merseburger, der die Zensur an dem Abtreibungsfilm von 1974 öffentlich gemacht hatte. Die französische Philosophin und Feministin Élisabeth Badinter, die Schwarzers Kritik an der Verschleierung muslimischer Frauen teilt. Aber auch Alice Schwarzers langjährige Partnerin und heutige Ehefrau, die Fotografin Bettina Flitner und die algerische Familie, mit der Schwarzer seit 1989 befreundet ist. „Alice geht in alles rein. Sie hat vor nichts Angst, sie redet mit jedem, und viele Menschen haben Vertrauen zu ihr“, sagt Flitner. Am Ende des Films, in dem es so viel zu sehen, zu hören und zu denken gibt, zeigt uns Sabine Derflinger eine nachdenklich Alice Schwarzer, eine, die bis heute nicht versteht, warum es so schwerfällt, ihr eigentliches Wesen zu erkennen: „Für starke Frauen wie mich haben Menschen keine Kategorien. Da muss ’ne Schublade her. Männer gibt es viele. Frau darf es immer nur eine geben.“
