Barbara Pichler, von 2009 bis 2015 künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Diagonale, arbeitet seit 2016 als Filmproduzentin – ein Gesprächsprotokoll.
Ein Telefoninterview mit Barbara Pichler gelangt schnell zur Eigenheit der österreichischen Filmbranche, einerseits sehr überschaubar und zentralisiert zu sein, andererseits frühzeitig globalisiert: Jenseits von Landesgrenzen zu arbeiten ist recht normal; viele Filme entstehen durch Personen, die nicht aus Österreich stammen, aber hier leben, oder umgekehrt von Menschen, die nicht mehr (nur) hier verankert sind; und auch thematisch wird viel „außerösterreichisch“ gedacht. Pichler folgte gern dem Gründungsprinzip der Diagonale, „über den Tellerrand zu schauen“. Vor ihrer Tätigkeit als Künstlerische Leiterin der Diagonale war sie gut zwei Jahrzehnte lang in unterschiedlichen Formen mit Film befasst – Texte schreibend, durch die international orientierte Verleihtätigkeit bei sixpackfilm anfangs der 2000er Jahre stark mit der experimentellen Szene befasst, als Kuratorin, Mitarbeiterin diverser Festivals und Auswahljurys, unterrichtend, als Katalogredakteurin, unter anderem auch für die Diagonale („Die Katalogredaktion ist eine eigenartige Tätigkeit: Wenn die Festivalvorbereitungen in die richtig intensive letzte Runde gehen, hat man damit nichts mehr zu tun.“) Diese Vernetzungen lohnten sich: Als Ansprechpartnerin bekannt zu sein, war hilfreich bei der aktiven Suche nach Arbeiten, vor allem aus den Schnittstellen von Bildender Kunst und Film, aus dem Nachwuchs, kurz: aus jenen Bereichen, welche die Diagonale als Ort für Entdeckungen populär gemacht haben. Weniger Kontakte gab es im Vorfeld zu den alteingesessenen Spielfilm-Produktionsfirmen, und diese Äquidistanz erwies sich in der Praxis der Programm-erstellung gar nicht als Nachteil. Im Dokumentarischen sei das Feld immer sehr reichhaltig, auch international erfolgreich und in Graz schon lange entsprechend präsent gewesen. Bevorzugung einzelner Felder sieht Pichler nicht, vielmehr würde eine quantitative Auswertung ihr Prinzip eines Versuchs der Ausgewogenheit zeigen: eine „Haltung, die auswählt, aber nicht grundsätzlich ausschließt“. An der Sinnhaftigkeit, einen fixen Kriterienkatalog zu erstellen, zweifelt sie, die Filmauswahl müsse sich aus den Dynamiken der jeweiligen Jahresproduktion ergeben, soll mögliche Anknüpfungen anbieten, letztlich seien („vielleicht etwas kitschig formuliert“) Filme als „Fenster zur Welt“ zu sehen. Dazu gehöre auch, dem Regionalen neben Kosmopolitischem gleichberechtigt Raum zu geben – woraus sich ebenfalls eine Verpflichtung zur aktiven Filmsuche ergebe.
Stets diffizil sei die Wahl des Eröffnungsfilms: „Daran haftet eigentlich zu viel Druck“, da träte die uneinlösbare Erwartungshaltung, der Eröffnungsfilm solle für das gesamte Festival stehen, ebenso zutage wie das in dieser Frage oft überproportionale Konkurrenzverhältnis von Firmen. Unterschätzen könne man den ersten Abend nicht, die Eröffnungsrede sei einer der wenigen Möglichkeiten, ein Publikum jenseits der deklariert Filmaffinen anzusprechen. Insofern absurd, dass man ihr bei einer dieser Gelegenheiten zur prägnanten Rede gratuliert hätte, um dann nachzufragen, „wer sie denn geschrieben hat“. Das war eine der Situationen, in der Pichler, deren Hintergrund ein unaufgeregt universitär-feministisch geprägtes Umfeld war, dann doch überrascht wurde vom Ausmaß notorischer Archaismen und vom „hohen Anteil geschlechtsspezifischer Anwürfe“, die sie überraschend nicht immer als generationsspezifisch erlebt hat. Und wenn bei Frauen schnell das Etikett „Hysterie“ auf emotionale Äußerungen geklebt würde, die bei Männern als „Zorn“ oder „Launigkeit“ durchgingen, sei es ratsam, als Festivalleiterin geradlinig aufzutreten.
Die große künstlerische Gestaltungsfreiheit bei einem „nationalen“ Filmfestival sei es ohnedies, einerseits Personalen und Sonderprogramme zu gestalten, andererseits internationale Gäste einladen zu können, zur gegenseitigen Inspiration. Und Pichlers Einladungspolitik kann als Indiz gesehen werden, wie intensiv in jenen Jahren der Austausch war: Stefan Krohmer und Daniel Nocke standen 2009 beispielhaft für eine enge Zusammenarbeit von Regie und Drehbuch und dafür, keine Berührungsängste mit dem Fernsehen zu haben; Romuald Karmakar 2010 dafür, innovative Wege durch die Strukturen des deutschen Fördersystems zu finden, Dominik Graf 2013 für das Arbeiten an und in Filmgenres. Mit den Einladungen von Elfi Mikesch (2011) und Agnès Godard (2014) verbanden sich Würdigungen der Disziplin Kamera ebenso wie der eines weiblichen Filmschaffens.
„Viel Energie gekostet“ hat Pichler eine markante und umstrittene Entscheidung ihrer Intendanz: die Abkehr vom Prinzip der „automatischen Jahresschau“ – also nicht mehr alle Filme zu zeigen, die in Kinos zu sehen waren. Als Selektionswunsch missverstanden wurde, was aufgrund der Filmfülle infolge der Digitalisierung unvermeidlich war. Dahinter stand ein längerer Prozess gemeinsam mit dem hinter dem Festival stehenden Vereinsvorstand vom Forum österreichischer Film: Kriterien wurden verschärft, aber letztlich konnte nicht jedem geförderten Werk der Wunsch nach Repräsentation erfüllt werden. Keine lustige Aufgabe.
Mit dem vertrauensvoll unterstützenden Vereinsvorstand sei auch der Teamgeist innerhalb der Diagonale angesprochen: Ohne den Einsatz und das Mitdenken vieler und glücklicherweise oft langjähriger Mitstreiterinnen und Weggefährten wäre das Festival undenkbar. Die Liste der Namen wäre hier zu lang, aber ein besonderer Dank gebührt, so Pichler, dem kürzlich verstorbenen Oliver Testor, der lange daran gearbeitet hat, den notwendigen Finanzrahmen für die Diagonale wiederherzustellen, „sodass wir in dem einen Jahr unserer Zusammenarbeit die letzten Hürden gemeinsam nehmen konnten“.
Von Anfang an sei geplant gewesen, nur für eine gewisse Anzahl von Jahren die künstlerische Leitung zu übernehmen. Rückblickend seien vier bis fünf Jahre die minimale Spanne, die nötig sei, um eine Programmatik umzusetzen, spätestens nach acht oder zehn Jahren brauche es, gerade bei einem nationalen Filmfestival „eine neue Runde an Veränderungen“. Aus persönlicher Sicht waren für Barbara Pichler, die seit Mai 2016 als international orientierte Produzentin bei der KGP Filmproduktion aktiv ist, diese sieben Diagonale-Jahre genau richtig.
