Sean Baker

Red Rocket | Interview

Immun gegen Lektionen

| Günter Pscheider |
Sean Baker über den Einfluss von Ulrich Seidl, den Segen von Einschränkungen und die Wichtigkeit von Respekt in der Filmarbeit.

Können Sie sich noch an die allererste Idee für diesen Film erinnern? War es ein Bild, ein Charakter oder das Thema?
Sean Baker: An den ersten Impuls kann ich mich jetzt gar nicht mehr erinnern, aber ich habe Männer wie Mikey Saber getroffen, als ich für Starlet recherchierte. Chris Bergoch (Ko-Drehbuchautor; Anm.) und ich waren schon damals fasziniert von deren Psyche. Sie werden „suitcase pimps“ genannt, also reisende Zuhälter, weil sie immer unterwegs sind und als männliche Schauspieler weibliche in die Pornoindustrie bringen und ausbeuten. Wenn man mit ihnen abhing, hatte man Spaß, sie waren unterhaltsame Typen. Man lachte auch über die Geschichten, die sie erzählten, ähnliche wie im Film – und dabei waren sie eher verstörend, wenn man darüber nachdachte. Da musste ich mir die eher peinliche Frage stellen, warum ich zuerst darüber gelacht hatte. Nach The Florida Project hatten wir einige Ideen für einen nächsten Film, und dies war eine davon. Aber wir fingen dann an, einen anderes, teureres Projekt zu entwickeln, das wegen Covid verschoben werden musste. Und so kamen wir zurück zu Red Rocket, der aber aus unterschiedlichen Gründen auch perfekt in die Covid-Zeit passte. Es war zumindest retrospektiv gesehen wie ein glücklicher Zufall, diesen Film konnten wir mit einer kleinen Crew sicher drehen. Dann ging alles sehr schnell, wir hatten zwar die wichtigsten Plotlinien und Charaktere, aber das Buch haben wir fast wie in einem Rausch noch vor Ort in Texas geschrieben.

Wie haben Sie den sehr beeindruckenden Hauptdarsteller Simon Rex gefunden?
Simon ist schon ziemlich lange im Geschäft, auch wenn er jetzt nicht so bekannt ist. Ich erinnere mich noch, dass ich seinen Namen schon in den Neunzigern als VJ bei MTV kannte. Später brachte er mich mit seinen Auftritten in der „Scary-Movies“-Reihe zum Lachen, und er hatte auch eine starke Social-Media-Präsenz. Vor fünf Jahren sagte ich mir, falls wir jemals Red Rocket machen sollten, wäre er der richtige dafür, natürlich auch wegen seiner Erfahrungen in der Pornobranche, als er noch sehr jung war. Das hatte ich in der Zwischenzeit längst wieder vergessen, aber als ich ihn dann kontaktierte, sagte er nicht nur gleich zu, sondern bot an, sofort eine Dreitagesfahrt von der Gegend des Joshua-Tree-Nationalparks in Kalifornien, wo er sich gerade aufhielt, nach Texas auf sich zu nehmen. Ich hatte ihn noch nie in so einer herausfordernden Rolle gesehen, aber ich wusste, dass er das Talent dazu hatte. Er war zweifellos einer der großen Glücksfälle für diesen Film.

Er verkörpert auch perfekt diese Ambivalenz, die Ihnen offensichtlich für diesen Film wichtig war.
Das ist vielleicht auch ein bisschen ein Spielen mit dem Publikum. Ich wollte, dass die Zuschauer sich ein wenig so fühlen wie ich damals, als ich diese Leute getroffen habe. Mir war bewusst, dass dieser Zugang kontrovers ist und manche Menschen den Film deswegen hassen werden. In der heutigen Zeit, wo alles Schwarz-Weiß und eindeutig zuordenbar sein soll, sind solche Charaktere selten auf der Leinwand zu sehen. Aber diese Art von Anti-Helden ziehen sich durch die Geschichte meiner Filme. Menschen mit Fehlern, die sich in moralischen Grauzonen bewegen, finde ich nun einmal faszinierender als makellose Helden. Natürlich wird er auch nicht im Lauf der Handlung zu einem besseren Menschen, wie man das vielleicht von einem konventionellen Drehbuch erwarten dürfte. Er wird sich nie ändern, er ist sozusagen immun dagegen, Lektionen zu lernen, er bekommt gar nicht mit, dass er einen negativen Einfluss auf Menschen hat.

In dieser zweifelhaften Fähigkeit, die Realität ausblenden zu können, wenn sie ihm unangenehm ist, erinnert er ein wenig an Donald Trump, auch wenn der eindeutig weniger charmant ist.
Ja, ich denke, dieser Aspekt der Lüge, die man einsetzt, einfach um zu gewinnen, um zu bekommen, was man will, trifft für sehr viele Politiker zu. Trump als Nicht-Politiker hat aber zweifellos das politische Klima verändert und den Ton stark verschärft. Der soziologische, politische Aspekt von unterprivilegierten Menschen, die in einer Kleinstadt im Schatten von großen Unternehmen leben, war uns aber von Anfang an wichtig. Was sich natürlich auch in der Wahl der Locations niederschlägt, im Hintergrund der kleinen Häuser die riesigen Raffinerien zu zeigen, war kein Zufall.

Das Schicksal der sogenannten kleinen Leute scheint Sie besonders zu interessieren, wie man auch in „The Florida Project“ sehen kann.
Das ist vielleicht auch eine Reaktion darauf, dass diese Menschen in der Film- und Fernsehlandschaft unterrepräsentiert sind. Die allermeisten Storys in den USA kommen aus New York und L.A. Ich weiß nicht, ob der Grund dafür eine gewissen Faulheit der Filmindustrie ist, nicht so weit reisen zu wollen, oder ob es eher mit Engstirnigkeit zu tun hat. Deswegen sprechen sie auch nicht zur Mehrheit der Amerikaner, die eben nicht in den großen Städten leben. Meine Fokussierungen haben sicher auch mit diversen Vorbildern von mir zu tun, wie dem New-Hollywood-Kino der siebziger Jahre. Europäische Einflüsse sind aber wahrscheinlich wichtiger für mich. Das ändert sich für jeden Film. Eine Zeit lang erforschte ich den britischen Sozialrealismus der sechziger und siebziger Jahre, dann auch den italienischen Neorealismus. In der Folge weitete sich meine Sichtweise etwas und ich entdeckte das italienische Genre-kino, Sexkomödien zum Beispiel. Regisseure wie Sergio Martino, Fernando di Leo oder Umberto Lenzi. Die sind jetzt nicht so bekannt in den USA, da musste ich etwas recherchieren, aber es zahlte sich definitiv aus. Gerade von Dino Risi habe ich einiges gelernt. Auch die Filme von Ulrich Seidl hatten einen großen Einfluss auf mich. Die Leute sagen manchmal, dass ich meine Charaktere liebe, während Seidl sie hasst, aber ich finde, das ist nicht so einfach, das ist wohl komplexer.

Ihre Filme wirken auf jeden Fall vom Ton her wärmer.
Da steckt nicht unbedingt eine große Absicht dahinter. Das entwickelt sich organisch, einfach, weil ich für jeden Film viel Zeit in der Community verbringe, wo wir drehen. Mir ist es sehr wichtig, dass sich diese Menschen nicht falsch repräsentiert fühlen oder gar ausgebeutet. Ich stelle mir immer vor, wie es für mich wäre, wenn jemand einen Film über mich und meine Welt machen würde. Das hilft enorm, respektvoll mit den Leutenumzugehen. Es spielen auch etliche Leute aus Texas City in größeren Rollen mit, wie die Mutter von Mikeys Frau Lexi, die keine Schauspielerin ist, aber einfach eine enorme Präsenz hat. Andere Menschen aus der Gegend sind in kleineren Rollen zu sehen und konnten mir wertvolle Tipps geben bezüglich der Genauigkeit, weil sie teilweise sogar in der Raffinerie gearbeitet haben. Aber die meisten größeren Rollen wie eben Lexi werden von professionellen Schauspielern gespielt. Wir wurden dort wirklich sehr gut aufgenommen. Texas bekommt jede Menge negative Publicity als Bastion schießwütiger Rednecks und fanatischer Trump-Unterstützer – das empfinde ich als etwas unfair, einfach alle Leute in einen Topf zu werfen.

Planen Sie diesen Stil, mit kleiner Crew sehr spezifische Communities zu erforschen, fortzusetzen?
Covid hat dazu beigetragen, dass wir noch weniger Geld hatten als vorher. Red Rocket hatte nur ein Viertel des Budgets von The Florida Project, Tangerine war noch um einiges billiger. Solche budgetären Einschränkungen wirken dann wie Rückschritte und frustrieren einen im ersten Moment enorm, man versinkt ein wenig in Selbstmitleid und fragt sich, ob man der einzige Regisseur ist, der sozusagen rückwärts arbeitet. Aber dann passiert immer etwas Magisches, und am Ende bin ich extrem dankbar für diese Einschränkungen. Wer weiß, was sonst passiert wäre, vielleicht wäre meine Karriere schon vorbei nach einem Flop bei einem Großprojekt. Beschränkungen sind oft ein Segen, seien sie selbst gewählt wie bei der Dogma-Bewegung oder eben Covid. Wir waren aus der Not heraus eine Crew von zehn Personen, eine der Produzentinnen spielt die Rolle der Donutladen-Besitzerin, sie war auch für die Kostüme verantwortlich und für Continuity. Jeder füllte mehrere Rollen aus. Auch mein nächstes Projekt soll hoffentlich mit etwas mehr Budget wieder eine Art von Exploration eines sehr spezifischen Soziotops sein, wo ich mit den Einheimischen hoffentlich eine Verbindung aufbaue und auf der Basis ihrer Geschichten ein Drehbuch schreibe. Und danach kann ich hoffentlich ein größeres Projekt in Vancouver realisieren, wo es um Aktivismus geht, allerdings aus der Sicht eines Drogenabhängigen. Außerdem interessiert mich das Thema Sexualität auch vom politischen Gesichtspunkt aus in Zeiten von #MeToo, die USA sind unfassbar puritanisch im Moment. Gewalt ist kein Problem, aber wenn es um Sex geht – oh mein Gott! Ein wohl unrealistischer Traum wäre auch ein Actionfilm, die sind halt sehr teuer derzeit. Ich wünschte, ich würde Ende der siebziger Jahre leben, als George Miller mit einer Handvoll Freunde und wenig Geld im Outback Australiens Mad Max machen konnte.